"Bonanza", "Mit Schirm, Charme und Melone", "Die Waltons", "Prisoners" - längst setzt die Retrowelle auch das Fernsehprogramm unter Wasser. Alte Serien und Filme wandern aus den Archiven zurück ins Vorabendprogramm oder gleich in opulente DVD-Boxen. Doch die 30- bis 40-Jährigen, die heute wieder die eigene Fernsehsozialisation zelebrieren möchten, brauchen inzwischen auch nicht mehr auf authentische Hardware zu verzichten. Passend zum Nostalgieprogramm der 60er und 70er Jahre gibt es jetzt auch die entsprechenden Geräte - natürlich mit allen technischen Finessen.
Um die Reise in die televisionäre Vergangenheit möglichst stolperfrei zu starten, muss zunächst das passende TV-Möbel her. Etwa ein Rack im Retrodesign wie den Lounge M TV Turner. Das 19 Kilogramm schwere Möbel mit Chrom-Tulpenfuß ist in den Farben Weiß, Schwarz, Mokka oder Orange erhältlich und versprüht selbst in Kombination mit einem Fernseher im 08/15-Design einen deutlichen 70er-Jahre-Charme. Spätestens nach ein paar Wochen wird aber klar: Ein hundertprozentiges Retrogefühl stellt sich mit dem TV Turner nicht ein. Dazu gehört der passende Fernseher auf den 129 Euro teuren Fuß.
Die bekanntesten Klassiker kommen von der italienischen Firma Brionvega: die von den Designern Marco Zanuso und Richard Sapper Mitte der 60er Jahre entworfenen Modelle Doney und Algol. Das Gehäuse der Geräte ist nach wie vor aus abwaschbarem Plastik, und auch die übrige Erscheinung gleicht den Originalversionen, von denen sogar ein Modell im Museum of Modern Art in New York steht. Im Innern allerdings sind Algol wie Doney auf dem neusten Stand der Technik: Scart-, SVHS- und AV-Eingang, 100 Programmspeicherplätze, Kindersicherung, Videotext, automatischer Sendersuchlauf plus Multifunktionsfernbedienung.
Noch exklusiver, weil erheblich seltener sind Replikatmodelle des Philco Predicta, der 1958 erstmals produziert wurde. Seit 1997 werden die Geräte der Mitte der 60er Jahre Pleite gegangenen Firma Philco wieder hergestellt. David Riedel und Mike Lipscomb erwarben für nur 300 Euro die Patentrechte und schrauben seitdem unter dem Firmennamen Telstar in Handarbeit diese amerikanischen Kultmodelle zusammen. Erhältlich ist der Predicta in acht verschiedenen Ausführungen, die aber alle auf dem gleichen Modell basieren. Das eher simpel gehaltene Gerät hat Video- und Stereoeingänge, kann Programme per Kabel, Satellit oder über die integrierte Antenne empfangen und verfügt über 180 Speicherplätze. Rund 40 Stunden dauert es, bis ein Fernseher fertig ist, erst 500 Stück wurden seit 1997 produziert. Das hat natürlich seinen Preis.
Ebenfalls retro, aber designmäßig eher im Stil der Wohnungseinrichtung von Großvater und Großmutter gehalten ist die TV-Konsole B27A74 von Zenith. Der hochmoderne Fernseher ist in einem schweren Eichenholzkubus untergebracht und geradezu dafür prädestiniert, Schlagersendungen aus den 60er Jahren zu empfangen. Der 750 Euro teure TV-Klotz der amerikanischen Firma, die normalerweise Settop-Boxen, HDTV-Fernseher und Home-Theater-Systeme herstellt, verfügt über Surround Sound und diverse Bildschirmvoreinstellungen, je nachdem ob ein Spielfilm, eine Naturdokumentation oder eine Sportsendung läuft.
Direkt günstig ist dagegen die schwarze Plastikkiste RCA Astro TV, der Doppelgänger des Originalmodells aus den 50er Jahren. Auch hier entspricht die Technik mit schwenkbarem 13-Zoll-Bildschirm dem Jahre 2005. Zusätzlich ist ein DVD-Player im Fuß des Gerätes eingebaut.
Wer den RCA Astro kauft, spart zusätzlich noch das Geld für einen Metro-Retro-DVD-Player von Yahoo. Der ist Teil der firmeneigenen Linie für Elektrogeräte. Die seitlich angebrachten runden Level-Meter zur Anzeige der Lautstärke und der Bit-Rate schaffen Hifi-Nostalgie, der Rest des Gerätes ist dagegen sehr modern. Ein eingebauter 4-in-1-Kartenleser bietet Platz für SD-, SmartMedia-, MMC- und Memory-Stick-Karten. So können auch Fotos der Digitalkamera auf den Fernseher geholt werden. Darüber hinaus besitzt der DVD-Player, der die gängigsten DVD-Formate inklusive DivX unterstützt, einen Infrarot-Sender und überträgt die Audiosignale der DVD so an einen schnurlosen Kopfhörer.
Zur Komplettierung des Retro-Gefühls fehlt nun nur noch die Fernbedienung des japanischen Spielzeugherstellers May-Wa Denki. Die ist so simpel gehalten wie die Geschichten von Bonanza. Das beige-braune Modell kommt mit gerade mal zwei Knöpfen aus. Einer zum Durchschalten der Programme, der andere für die Lautstärke. Die Retrofernbedienung ist kompatibel mit fast allen TV-Geräten und auf jeden Fall ein Hingucker auf dem Wohnzimmertisch.
Noch konsequenter in die Vergangenheit abtauchen kann man da eigentlich nur, wenn man sich das Sangean PR-D2V Q-Radio oder das Studebaker Cream/Red Radio zulegt. Die Volksempfänger im 70er- und 60er-Jahre-Design eignen sich, wie es sich für ein Radio gehört, zwar nicht zum Fernsehgucken, aber zum Fernsehhören: Beide können den Ton aller Sender, die auf dem VHF-Band auf den Kanälen 2 bis 13 liegen, empfangen. Zumindest während der letzten Minuten einer jeden Folge von "Die Waltons" ist das Defizit dieser beiden Geräte gegenüber einem echten Fernseher gar nicht so schlimm. Denn wenn sich die elf Familienmitglieder Erin, Elizabeth, Olivia, John, John-Boy, Sam, Jason, Ester, Mary Ellen, Ben und Jim Bob "Gute Nacht" sagen, ist der Bildschirm ohnehin dunkel.