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Joseph Stiglitz - Die Zeche zahlen alle

05. Januar 2008 00:32 Uhr

Nach jahrelangem Leben auf Pump könnten die USA jetzt in die Rezession rutschen. Das wird Folgen für die ganze Welt haben – wenn es schlimm kommt, droht vielen Ländern Stagflation.

*

Die Weltwirtschaft hat gute Jahre hinter sich. Das Wachstum war stark, die Kluft zwischen den Schwellenländern und der entwickelten Welt hat sich verkleinert. Führend bei diesem Aufholprozess waren Indien und China mit einer Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 11,5 und 8,9 Prozent im Jahr 2007.

Die guten Zeiten könnten jetzt zu Ende gehen. Seit Jahren gibt es Befürchtungen über die durch enorme Auslandsschulden der USA verursachten globalen Ungleichgewichte. Amerika seinerseits argumentierte bisher, die Welt solle dankbar sein: Indem es über seine Verhältnisse lebe, helfe es, die Weltwirtschaft in Gang zu halten, insbesondere angesichts der sehr hohen Sparquoten in Asien. Stets jedoch wurde anerkannt, dass Amerikas Wirtschaftswachstum unter Präsident George W. Bush nicht nachhaltig war. Nun droht der Tag der Abrechnung.

Der Irakkrieg hat dazu beigetragen, dass sich die Ölpreise seit 2003 vervierfacht haben. In den 70er-Jahren führten Ölschocks in einigen Ländern zu Inflation und in anderen zur Rezession, als die Regierungen die Zinsen erhöhten, um der Preissteigerungen Herr zu werden. Und einige Volkswirtschaften erlebten die üble Verbindung von beidem: eine Stagflation.

Bisher haben drei kritische Faktoren dazu beigetragen, dass die Welt den steilen Anstieg der Ölpreise verkraften konnte. Erstens hat China mit seinen enormen, auf hohen Investitionen in Bildung und Technologie beruhenden Produktionssteigerungen seine Deflation exportiert. Zweitens haben die USA dies genutzt, indem sie ihre Zinsen auf ein historisch niedriges Niveau absenkten. Dies führte zu einer Blase auf dem Häusermarkt: Jeder, der nicht gerade am Tropf hing, bekam eine Hypothek. Und schließlich nahmen die Beschäftigten überall auf der Welt niedrigere Realeinkommen hin.

Das Spiel ist aus. China hat es nun mit Inflationsdruck zu tun. Falls die USA China überzeugen können, eine Aufwertung seiner Währung zuzulassen, wird die Lebenshaltung in den USA und andernorts teurer. Und mit Aufkommen der Biotreibstoffe haben sich die Lebensmittel- und die Energiemärkte verbunden. Das bedeutet hohe Lebensmittelpreise – eine Gefahr für die Entwicklungsländer.

Die Aussichten, dass sich der Konsumrausch in den USA fortsetzt, sind gering. Selbst wenn die US-Notenbank die Zinsen weiter senkt, werden sich die Kreditinstitute nicht danach drängen, weitere faule Hypotheken zu vergeben. Und mit sinkenden Häuserpreisen werden weniger Amerikaner in der Lage sein, ihre verschwenderischen Neigungen auszuleben.

Die Bush-Regierung hofft darauf, die sich anbahnende Insolvenzwelle verzögern zu können und damit die Probleme dem nächsten Präsidenten aufzuhalsen – so, wie sie es auch mit dem Schlamassel im Irak tut. Ihre Erfolgschancen sind gering. Die Frage, die sich Amerika heute stellt, lautet: Kommt eine kurze, steile Rezession oder eine längere, weniger steile Konjunkturverlangsamung?


Darüber hinaus hat Amerika seine Probleme exportiert – nicht nur, indem es vergiftete Hypotheken und schlechte Finanzpraktiken verbreitet hat. Sondern auch durch die zunehmende Dollar-Schwäche, die durch eine fehlerhafte Politik mitverursacht wurde. So wird etwa Europa Exportprobleme bekommen. In einer Weltwirtschaft, die auf einem starken Dollar beruht, werden alle die Kosten der hieraus resultierenden Instabilität an den Finanzmärkten zu tragen haben.

Ohnehin hat es eine massive Einkommensumverteilung von den Ölimporteuren hin zu den Ölexporteuren gegeben, hin zu einer kleinen Zahl undemokratischer Staaten – und von den Arbeitnehmern hin zu den Superreichen. Es ist unsicher, ob die Beschäftigten weiter im Namen einer unausgewogenen Globalisierung den Rückgang ihres Lebensstandards akzeptieren.

Für jene, die meinen, dass von einer gut gemanagten Globalisierung alle Länder profitieren könnten, und die an weltweite soziale Gerechtigkeit glauben, sind all dies schlechte Nachrichten. Wirtschaftliche Anpassungen dieser Größenordnung sind immer schmerzhaft, doch sind die Schmerzen heute tendenziell größer, weil die Gewinner mit geringerer Wahrscheinlichkeit zu Ausgaben neigen.

Tatsächlich ist die Kehrseite einer vor Liquidität strotzenden Welt, dass die Gesamtnachfrage unter Druck gerät. Während der letzten Jahre haben Amerikas ungebremste Ausgaben diese Lücke gefüllt. Nun sieht es so aus, als würden in den USA sowohl die Ausgaben der privaten Haushalte als auch die des Staates eingeschränkt, da die Präsidentschaftskandidaten eine Rückkehr zu finanzpolitischem Augenmaß versprechen. Nach sieben Jahren, in denen sich die Staatsverschuldung von 5600 auf 9000 Mrd. $ erhöht hat, sollte dies eine gute Nachricht sein – doch der Zeitpunkt könnte schlechter nicht sein.

Es gibt in diesem düsteren Bild nur einen Lichtstrahl: Die Quellen des Wachstums sind heute zahlreicher als vor einem Jahrzehnt. Die wahren Motoren waren in den letzten Jahren die Entwicklungsländer.
Trotzdem wird ein geringeres Wachstum – oder gar eine Rezession – in den USA als der weltgrößten Volkswirtschaft globale Folgen haben. Es wird überall eine Konjunkturabkühlung geben. Falls die Währungshüter angemessen auf den wachsenden Inflationsdruck reagieren, können wir uns vielleicht noch durchwursteln. Falls sie aber zum Erreichen ihrer Inflationsziele rücksichtslos die Zinsen erhöhen, sollten wir uns auf das Schlimmste gefasst machen: eine Stagflation. Die Kosten – in Form des Verlusts von Arbeitsplätzen, Löhnen, Eigenheimen – werden enorm sein.

Joseph Stiglitz ist Nobelpreisträger für Ökonomie und lehrt an der Columbia University in New York.
www.project-syndicate.org

FTD, 4.1.2008

Kommentare

  Stiglitz' Warnung [antworten]

Warner wie Stiglitz, Nobelpreisträger, werden das Ohr der Bundesregierung erst erreichen, wenn die Misere alles in den Schatten stellt, was Deutschland bisher für möglich hielt.
Natürlich ist in der Politik dann niemand persönlich der Schuldige - die kollektive Blindheit führt zur kollektiven politischen Verantwortungslosigkeit.
Sicherlich ein enormer Vorzug der parlamentarischen Demokratie, die keine Galgen zu errichten braucht.

Skeptiker | 05/01/2008, 21:44


  Henry Kaufman im WSJ 4-6 Jan [antworten]

Kaufman definiert "The Greenspan Put" : "Monetary authorities do not know when a full-blown credit bubble is upon us, but they do know what to do once it bursts" (namely massive infusion of new funds following a major market collapse). Die letzte Blase (namentlich "The New Economy") hat Investoren und Aktionäre ca. USD5 Billionen gekostet und die Börsen haben sich erst nach 3 Jahren und viele Zinssenkungen erholt.

Same procedure this time, no doubt.
Es werden aber viele Sammelklagen geben.

Frau S | 05/01/2008, 23:11


   [antworten]

Warum gibt es eigentlich in Deutschland keine Hypothekenkrise? Wahrscheinlich, weil es in Deutschland keinen Immobilienmarkt gibt. Und warum eigentlich nicht? Warum ist die Eigentumsquote in Deutschland 43% während sie in Spanien bei 80% liegt. Warum sind in Deutschland die Immobilienpreise in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 10% zurückgegangen, während sie in den meisten anderen Ländern deutlich, zT um mehr als 150%, gestiegen sind?

Sind wir Deutschen bekloppt oder unsere Banken? Was läuft da eigentlich für ein Film ab? Warum kommt in Deutschland so gut wie kein Normalverdiener auf die Idee, in ein Haus oder eine Eigentumswohnung zu investieren? Altersvorsorge, anyone?

Leichtgewicht | 07/01/2008, 11:04


  leichtgewicht [antworten]

genau, diese aussage ist zutreffend, aber ist es richtig dass wir die immobilien-produkt-preise auch richtig vergleichen?? ich habe den eindruck dass z.b. in spanien es sehr oft nur zu einer pinselarchtitektur reicht, welche auflagen der behörden sind nur annährend vergleichbar, oder die qualität der baustoffe, beheizung, wärmedämmung, verglasung etc. mein eindruck ist, dass die gestehungskosten in spanien nur ca. bei 50 bis 60% liegen. steht uns eine bereinigung des marktes ähnlich wie in den usa bevor??

WFR | 07/01/2008, 15:50


  ans Selbstverständnis [antworten]

ftd von heute:

Erste Meldungen gibt es schon: Das "Wall Street Journal" berichtet über zusätzliche Kapitalinjektionen von Staatsfonds. Demnach solle die Citigroup weitere 10 Mrd. $, Merrill Lynch 3 bis 4 Mrd. $ bekommen. Die Citigroup hatte bereits im November eingewilligt, einen Anteil von bis zu 4,9 Prozent an Abu Dhabi für 7,5 Mrd. $ zu verkaufen. Merrill Lynch wiederum hatte sich im Dezember ebenfalls bis zu 7,5 Mrd. $ von einem Staatsfonds aus Singapur und einer Fondsgesellschaft gesichert.

Anleger für Banken so pessimistisch wie seit 1993 nicht mehr
Nicht nur in New York geht die Angst um: Die US-Hypothekenkrise und die Verwerfungen auf dem Kreditmarkt haben die Bankenlandschaft weltweit verändert. "Das ist nicht einfach eines der der gewöhnlichen Tiefs, es geht nicht darum, wie die Banken sich durch ein oder zwei schwierige Quartale lavieren. Hier werden ganze Produktgruppen, Strukturierungstechniken, Ansätze des Risikomanagements, Prognosemodelle und Kundentypen in Frage gestellt", schreibt Jeremy Sigee, Bankanalyst der Citigroup, in einem Researchbericht.

Es geht ans Eingemachte einer ganzen Branche. DAbei handelt es sich nicht nur technische Details, wie J. Sigee meint. Es geht um das Selbstverständnis der ganzen Branche. Es muß realisiert werden, dass diese Branche nicht alleine auf der Welt ist, sondern die ganze Welt in den Abgrund reißen kann. Es geht auch nicht mehr um die Frage, ob die Liberalisierung zurückgefahren werden muss. Es geht nur noch um die Frage wie schnell strafbewehrte Regeln eingeführt werden und wie kurz der Zügel sein muss, den die Branche verpaßt bekommen muss.

s. sommer | 10/01/2008, 12:37




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