Thomas Frickes Tagebuch aus der Welt der Wirtschaftswunder - über wunderbare Wachstumstrends, wundersame ökonomische Klischees und wundervolle wie verwunderliche Theorien
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Sebastian Dullien
Viele glauben, schuld an Aktien- und Hauspreisblasen sei eine zu lockere Geldpolitik der Notenbanken. Doch die großen Blasen der vergangenen 100 Jahre zeigen: Diese These ist nicht haltbar.
Die Hauspreise in den USA befinden sich im freien Fall. Auf Jahresfrist sind sie nach einigen Messungen bereits um mehr als zehn Prozent gefallen. Pessimisten rechnen sogar vor, dass insgesamt ein Absturz von 50 Prozent möglich sei. Niemand kann heute mehr bestreiten, dass es sich bei dem rapiden Anstieg der vergangenen Jahre um eine Blase gehandelt hat.
Dafür wird nun nach den Schuldigen für die Übertreibungen gesucht. Weitverbreitet ist der Glaube, schuld sei vor allem die amerikanische Notenbank Fed unter ihrem früheren Chef Alan Greenspan, der den Leitzins zu lange zu niedrig und teilweise inflationsbereinigt sogar im negativen Bereich gehalten habe. Dadurch seien Spekulationen angeregt worden. Erst im Januar ist in den USA ein neues Buch mit dem Titel „Greenspans Blasen“ erschienen.
Doch so gern dieses Credo auch wiederholt wird: Die Annahme, dass für Blasen üblicherweise eine zu lockere Geldpolitik verantwortlich ist, lässt sich nicht halten. Äußerst unplausibel ist die Begründung, dass gerade die niedrigen Zinsen die Banken zu einer riskanten Hypothekenvergabe bewegt haben. Ähnliches gilt auch für die Erklärung von Aktien- und Immobilienblasen: Betrachtet man die großen Blasen der vergangenen 100 Jahre, so bleibt von dem vermeintlichen Zusammenhang zwischen niedrigen Realzinsen und Blasen an den Vermögensmärkten wenig übrig.
Vor dem Wirtschaftsboom Ende der 20er-Jahre, der in den Schwarzen Freitag und den Crash von 1929 mündete, waren die Zinsen mitnichten niedrig. Zwar senkte die US-Notenbank ihre Diskontrate 1927 für einige Monate von 4,0 auf 3,5 Prozent. Inflationsbereinigt – und das ist wichtig für die Wirkung der Geldpolitik auf die Wirtschaft – lagen die Zinsen damit jedoch im historischen Vergleich keinesfalls niedrig: Da seinerzeit die Verbraucherpreise in den USA leicht fielen, lag der Realzins in dieser Periode zeitweise sogar über sechs Prozent.
Auch die Aktienpreisblase, die in den Schwarzen Montag im Oktober 1987 mündete, ist kaum mit niedrigen Zinsen zu erklären. Während der gesamten 80er-Jahre waren die Realzinsen in den USA historisch hoch, nicht niedrig. Als der Aktienboom Mitte 1985 an Fahrt gewann, lag der Notenbankzins bei 7,5 Prozent und der Realzins bei mehr als vier Prozent. Trotzdem entwickelte sich eine wilde Spekulationsorgie.
Für die nächste große Blase, jene der New Economy 1999/2000, die Kritiker gern Fed-Chef Greenspan in die Schuhe schieben, ist die Erklärung niedriger Zinsen ebenfalls als Ursache eher unplausibel. Zwar senkte die Fed 1998 im Nachklang der Russlandkrise die Zinsen von 5,0 auf 4,5 Prozent, als der Hedge-Fonds LTCM die Stabilität des Weltfinanzsystems bedrohte. Allerdings begann Greenspan 1999, die Zinsen wieder anzuziehen. Der Realzins fiel nur kurz unter 2,5 Prozent. Zum Vergleich: In den 50er-, 60er- oder 70er-Jahren kletterte der Realzins selten überhaupt über diese Marke.
Kritiker werfen nun ein: Auch wenn die Zentralbank nicht direkt die Schuld an den Blasen trägt, so hätte sie jeweils versuchen müssen, die Übertreibungen schneller in den Griff zu bekommen. Richtig ist: Die Notenbank kann den Zins jederzeit so weit anziehen, dass ein Boom abbricht.
Das Problem ist nur, dass das dafür nötige Zinsniveau extrem hoch ist. Üblicherweise ist eine Blase erst dann klar auszumachen, wenn die Preise bereits kräftig steigen. Bei den Hauspreisen in den USA waren Zuwächse von 20 Prozent im Jahresvergleich an der Tagesordnung. Der Nasdaq-Index für Technologieaktien gewann zeitweise 75 Prozent zum Vorjahr. Wenn aber ein potenzieller Hauskäufer oder Aktienkäufer mit einem Preiszuwachs von 20 Prozent oder gar 75 Prozent pro Jahr rechnet, ist es im Zweifel für seine Entscheidung irrelevant, falls die Notenbank die Zinsen von drei auf sechs Prozent anhebt. Erst Zinsen in der Nähe der erwarteten Preissteigerung haben eine klare Wirkung.
Dagegen ist der Schaden für den Rest der Wirtschaft durch eine rabiate Zinserhöhung, mit der man Blasen aufstechen könnte, enorm: In der Investitionsentscheidung für eine Maschine oder eine Fabrik macht es sehr wohl einen Unterschied, ob mit einem Zins von vier oder acht Prozent kalkuliert wird. Während im großen Aktienhype vor dem Börsencrash 1929 die Broker und Anleger auch nach den Fed-Zinserhöhungen problemlos Kredite erhielten, um mit den Geldern zu spekulieren, hatten Unternehmen ihre Probleme, Darlehen für den normalen Geschäftsbetrieb zu erhalten. Die Banker verliehen das Geld lieber an Spekulanten, weil diese problemlos die Zinsen erwirtschaften konnten. Höhere Zinsen in Blasenzeiten führen deshalb dazu, dass vor allem jener Teil der Wirtschaft gebremst wird, in dem es keine Übertreibungen gibt.
Diese Nebenwirkungen sind umso bedenklicher, da historisch bei Weitem nicht jede Blase zu einem Crash führen muss. Tatsächlich gibt es ausreichend Beispiele von Preisübertreibungen, die sich ohne große Schäden korrigiert haben. Der Fed vorzuwerfen, nicht prophylaktisch die Zinsen erhöht zu haben, gleicht deshalb ein bisschen der Forderung, alle Deutschen sollten sich zur Krebsvorsorge regelmäßig Chemotherapien und Bestrahlung unterziehen.
Seit der Frühzeit des Kapitalismus hat es immer Blasen an den Vermögensmärkten gegeben – die berüchtigte Tulpenspekulation sogar lange, bevor es überhaupt moderne Notenbanken gab. Fast scheint es, dass einige Verfechter des Kapitalismus diesen Schönheitsfehler des Systems nicht eingestehen wollen – und deshalb die Schuld lieber den Geldpolitikern in die Schuhe schieben.
Kommentare
a) Blasen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Die Frage ist nur wie groß die Blasen werden und wie viel Zeit dazwischen liegt. Das Tempo von S&L, LTCM, Russland-/SO-Asienkrise, Internet- und jetzt Immobilienblase macht mich skeptisch.
b) Die Betrachtung des Zinses *ohne* den Faktor Geldmenge verkürzt das Thema IMHO unzulässig.
c) Das Problem bei den Blasen ist, dass es gute und schlechte gibt: Steigen die Vermögenswerte (z.B. die Immobilien, Aktien), ist das für alle Seiten toll: Die Bürger freuen sich, die Politiker freuen sich und die Notenbanken auch, weil es ja Wachstum ohne Inflation gibt. Im Fall einer guten Blase bleiben die Notenbanken zu lange auf dem Gaspedal und dann gibt es die Blase.
Es ist schön, dass sie soweit zurückblicken.Es zeigt sich,dass "damals" die Zinsen viel länger in Bereichen blieben, die als "neutral" gelten können. Und es gab zwar Blasen, aber nicht alle paar Jahre. Heute haben wir Stop-and-Go-Zins-Politik mit Kavalierstart ...
Da haben Sie nicht ganz unrecht. Es gibt aber auch andere kritische Stimmen zum Beispiel wie die von George Soros. Der legendäre Investor bezichtigt Alan Greenspan des Marktfundamentalismus, der auf dem falschen Glauben beruhe, dass die Märkte ihre eigenen Exzesse selber korrigieren können. Soros verweist in seinem neuen Buch „The New Paradigm for Financial Markets. The Credit Crisis of 2008 and What it means“ auf den unregulierten Handel mit Kreditderivaten, welcher die Krise ausgelöst habe. Seiner Ansicht nach kann man sich auf die Selbstheilungskräfte des Marktes nicht verlassen. Die Fed solle ihr Augenmerkt nicht nur auf das Geldangebot, sondern auch auf die Kreditschöpfung richten, lautet sein Ratschlag. Ein letztes Wort zum Thema „Aufsicht“ vs. „Immobilienmärkte“. Der Anteil der Subprime Kreditnahme an der gesamten Hypotheken-Kreditvergabe betrug zwischen 2004 und 2006 mehr als 20%. Im Vergleich: diese Quote lag im Jahre 1997 weniger als 3%. Die ausstehenden Hypothekenschulden sind von 2003 bis 2005 um 3,7 Trillionen Dollar gewachsen. Fast so viel wie die gesamten Hypothekenschulden von 1990.
Sehr geehrter Herr Dullien,
1. die Zinsen waren es nicht.
2. Die Banker, besonders der privaten Banken, waren es auch nicht, obwohl sie diese Vehikel erfunden haben. Für sie kam alles überraschend.
3. Für die Bankenaufsicht kam das ganze ebenfalls überraschend.
4. Der Markt war es auch nicht. Er ist doch per se gut.
5. Die Politiker, die jede Kostenbremse beiseite geräumt haben, waren es auch nicht. (Kostenbremse= keine Gewinnsteuern, keine Gewerbesteuern etc.).
Wer war es denn nun?
Das scheint mir doch ziemlich rohe und gewagte Geschichtsknetung zu sein, die der Kollege Dullien da betreibt.
In den USA der 1920er Jahre gab es von 1923 an eine intensive Diskussion darueber, ob die Geldpolitik nicht zu lose sei. Benjamin Strong von der New York Fed setzte damals einen explizit akkomodierenden Kurs durch, um die Rueckkehr Europas zum Goldstandard zu erleichtern, gegen den Willen der meisten Mitglieder des Fed Boards in Washington.
Wenn Dullien meint, die Geldpolitik sei damals gar nicht lose gewesen dann muessen nicht nur Geldpolitiker von damals sich massiv geirrt haben sondern auch fast alle Wirtschaftshistoriker, die sich mit der Periode befassen. Z.B. Eichengreen und Mitchener (2003), welche zum Schluss kommen:
"For a combination of domestic and international reasons, the Fed maintained a relatively accomodative monetary stance for much of the 1920s. .... Financial innovation magnified the impact of these accomodating credit conditions, and central banks did little to preempt their effects. The consequences, as in the 1990s, included property booms, increasing consumer debt, surging investment and rising securities prices, particularly those of high-tech firms. They included growing worries about the stability of financial institutions and markets. They culminated in the collapse of financial markets and institutions and the gravest macroeconomic crisis the modern world has ever seen."
bis.org/publ/work137.htm
Dies entspricht auch der Standard-Einschaetzung von Kindleberger etc.
Freilich darf man Realzinsen nicht -- wie Dullien -- ueber langfristige Zeitraume einfach nebeneinander stellen; sonst vergleicht man Aepfel mit Gummistiefeln. In Phasen besonders hoehen Produktivtaetswachstums -- wie den 1920er Jahren -- muessen die Realzinsen mit dem Produktivtaetswachstum mithalten. Wenn sie das nicht tun, ist die Geldpolitk zu lose und produziert Asset- und Kreditblasen.
Ein Produktivtaetsboom war auch in den spaeten 1990er Jahren in Gange, aber Greenspan meinte faelschlich, dies erlaube ihm Zinsen niedrig zu halten (weil ja keine Konsumentenpreisinflation entsehe), anstatt sie anzuziehen. Haette er die Erfahrunge der 1920er Jahre studiert haette er gewusst, dass die Folge enormes Kreditwachstum sein wuerde, welche die dot.com-Blase fuetterte. Anderes wussten das -- der Economist z.B. diagnostizierte die Greenspan-Bubble bereits 1998.
Ein anderes schoenes Beispiel fuer eine Geldpolitik-induzierte Blase ist uebrigens der deutsche Gruenderkrach von 1873.
Tut mir leid, ich lese die Fakten anders (und übrigens auch die von Ihnen zitierten Papiere/Arbeiten). Keine der von Ihnen genannten Quellen behauptet bei genauer Lektüre, dass niedrige Zinsen die Blasen ausgelöst hätten.
Kindleberger schreibt etwa in „The World in Depression“ (S. 53): „[T]he Federal Reserve System […] lowered its discount rate over the system by half a percentatge point, with 3.5 percent as the rate for the Federal Reserve Bank of New York. How significant this action was in stimulating the rise in the stock market that began in the spring of 1928 is debatable. Galbraith dismisses it out of hand. […Friedman and Schwartz] believed that the authorities should have ignored the stock market, which would have supported a more expansionary policy from 1927 to 1929” (!)
Eichengreen und Mitchener schreiben zwar von einer „relativ akkommodierenden Geldpolitik“, dies ist aber etwas völlig anderes als eine sehr lockere Geldpolitik. So darf man auch nicht den scharfen Einbruch der Wirtschaftsaktivität 1927 vergessen, auf den natürlich die Notenbank mit niedrigeren Zinsen reagierte. Und inwieweit die niedrigen Zinsen Anfang der 20er Jahre kausal für die Blase Ende der 20er Jahre gewesen sein kann, möchte ich auch einmal dahin gestellt lassen – nach allgemeiner Lesart begann der Aktienboom erst nach der Rezession 1927, im Jahre 1928.
Eichengreen and Mitchener behaupten übrigens auch nicht eine Kausalität von niedrigen Zinsen zur Blase, sondern machen eher Finanzinnovationen verantwortlich. Zuguterletzt kommen die beiden sogar zu dem gleichen Schluss wie ich, wenn sie schreiben:
„In any case, monetary policy is a blunt instrument to deploy in response to increases in asset price valuations. The collateral damage to the real economy can be severe, as Hjalmar Schacht learned in 1927 and George Harrison learned in 1929.”
Und dass der Economist schon 1998 – lange vor dem Höhepunkt der New Economy Blase und zu Zeiten der Asienkrise – vor einem Kreditboom warnte, beweist am Ende reichlich wenig. Auch in der tiefen Rezession in Deutschland 1993 warnte die FAZ noch vor dem zu hohen Geldmengenwachstum und geißelte die Bundesbank für die Zinssenkungen.
P.S.: Haben Sie eigentlich Ihren Vornamen amerikanisiert - Sie waren doch sonst immer unter dem Namen "Heinrich Kaspar" unterwegs?
Die Argumentation von Dullien, die Blase auf dem amerikanischen Immobilienmarkt können nicht auf niedrigen Zinsen beruhen, weil Blasen in der Vergangenheit sich seiner Meinung nach nicht aufgrund niedriger Zinsen gebildet haben, ist ziemlich dünn. Der Erschwinglichkeitsindex für den Neuerwerb von Immobilien war auf einem Tiefststand, unter anderem weil der Anteil von variabel verzinslichen Hypothekendarlehen von 2000 bis 2005 von 5% auf 25% gestiegen ist. Unbestritten ist, dass sich die Refinanzierungskosten amerikanischer Schuldner erheblich verringert hatten und deshalb der gesamtwirtschaftliche Konsum stark gesteigert wurde, interessanterweise trotz historisch hoher Leerstandsquoten von Wohnimmobilien. Die gesunkenen Zinsen wirkten auf zwei Kanälen auf die Wirtschaft: Erstens sorgten gesunkene Zinsen für niedrigere Refinanzierungskosten und zweitens führte dies zu steigenden Häuserpreisen, die erheblich zum höheren Konsum der Amerikaner beitrugen.
Eichengreen und Mitchener bezweiflen, dass ein scharfes Anziehen der Geldmarktzinsen 1928 -- als die Blase bereits voll inflationiert war -- den Aktienboom ohne Schaden fuer die Volkswirtschaft haette stoppen koennen (zumal Harrisons Anziehen kurze Zeit spaeter die grosse Depression ja einleitete). Aber dass eine den Kreditboom akkomodierende Geldpolitik SEIT 1923 ihrer Ansicht nach zur Gemengenlage gehoerte, welche den Boom-Bust-Kreditzyklus der 1920er Jahre ermoeglichete, das geht aus obigem Zitat (und anderen in ihrem Papier) nun unzweideutig hervor.
Den Kindleberger habe ich gerade nicht hier, aber sein ganzes Buch ueber Manicas, Panics und Crashes basiert auf der Minsky-Hypothese, wonach eine Perzeptionsaenderung des Privatsektors UNTERSTUETZT DURCH MONETAERE AKKOMODIERUNG der Vater aller Boom-Bust Kredizyklen sei. Dass Kindelberger eine abweichende Meinung von Friedman und Schwartz zitiert besagt nichts, schliesslich liegt er mit denen ueber Kreuz. Friedman und Schwartz schreiben allerdings in "the Monetary History of the United States" dass (aus dem Gedaechtnis zitiert) die US-Geldpolitik in den 1920ern zu strikt war fuer Geldwertstabilitaet aber zu lose fuer Finanzmartkstabilitaet, und dass die Politik sich fuer ein Ziel haette entscheiden sollen. D.h. sie diangnostizieren genau wie Eichengreen und Mitchener oder Kindelberger, dass Zentralbankakkomodierung zu finanzieller Instabilitaet beitrug. Allerdings nehmen F&S nehmen Partei und plaedieren fuer ausschliessliches Fokussieren auf Geldwertstabilitaet -- sie beziehen also exakt die Position, deren Weisheit heute intensiv bezweifelt wird.
Schliesslich zum Economist 1998/99 -- nicht nur der Economist sondern auch ich und viele Kollegen waren spaetestens anfang 1999 der Meinung, das Greenspan viel zu lange zoegerte um die nach LMTC-Debakel zusaetzlich geschaffene Liquiditaet wieder aus dem Markt zu nehmen, und dass dies nciht gut gehen koenne. Mir geht es lediglich darum zu zeigen dass von weiten und einflussreichen Kreisen (nicht ich, aber der Economist und andere) die Fed-Geldpolitik schon 1998/99 als unagemessen akkomodierend empfunden wurde, und dass dies keineswegs eine ex-post Erfindung der Greenspan-Kritiker heute ist.
Vielleicht geht es bei unserem Dissenz aber auch z.T. nur um inexakten Sprachgebrauch. Kein vernuenftiger Mensch behauptet, dass lose Geldpolitik immer und ueberall monokausal fuer alle Finanzmarktblasen verantwortlich gewesen sei. Wer diese These widerlegt -- welche wie gesagt niemand behauptet -- macht es sich ziemlich leicht, drischt aber auf einen selbstgebastelten Strohmann ein.
Allerdings behaupten zahlreiche Oekonomen und Wirtschaftshistoriker, dass monetaere Akkommodierung expansiver Schocks, die ihre originaere Ursache (moeglicherweise) woanders haben, immer und immer wieder zu vermeidbaren Boom-Bust Kreditzyklen beigetragen hat -- 1870-73 in Deutschland, 1923-29 in den USA, 1998-2005 in den USA, um nur drei Beispiele zu nennen. Diese These zu widerlegen scheint mir ziemlich schwierig, wenn nicht unmoeglich.
Gruss,
Henry
P.S.: ob Heinrich oder Henry (oder Henri oder Enrique) ist doch gleich. Henry klingt mAn besser. Wir koennen uns uebrigens hier gern duzen, wie wir das ja auch im normalen Leben tun. Hoffe alles geht gut bei Dir.
P.P.S.: zu Schacht 1927 -- Du wirst wissen dass diese These -- welch Eichengreen und Mtichener ungeprueft uebernehmen -- hochumstritten ist. Schliesslich dauerte es danach noch mehr als 2 Jahre, bis in Deutschland die Depression ausbrach.
Das stimmt zwar alles aber Kindleberger sieht in der Tat nicht den "Zins" als das entscheidende Moment an, was gar nicht sein kann, weil er sich intensiv mit vielen anderen Formen von "Kredit" beschäftigt, die weder der Zentralbanksteuerung noch "Zins" ieS unterlagen. Genannt seien die Kaufpreisstundungen der Tulpenverkäufer in Amsterdam 1639, die "Accomodation Papers" in England um 1850 und das "Call Money" in Frankreich um 1870.
Und ja, er baut seine Theorie weitestgehend auf Minsky auf, der aber selber auch nicht unbedingt den Zins als den großen Treiber sah, sondern bekanntlich den "exogenen Schock".
Ich gebe Dullien ausdrücklich recht, und das hat garantierten Seltenheitswert.
Eine andere Sache hingegen, die ich spannend finde, ist Münchaus Beitrag von gestern, wonach die "Taylorrule" nun im Feuer stünde. Im "coffee.house economics" Blog (http://coffeehouse-economics.blogspot.com/) haben sie aber mal nachgerechnet und festgestellt, dass danach die 3-Monatszinsen niemals auf das Niveau hätten fallen dürfen, auf das sie zwischen 2002 und 2006 gefallen waren.
Es stellt sich also demnach die Frage, ob die Greenspan-FED, beurteilt nach ihren EIGENEN Kriterien, ihren Job ordentlich gemacht hat, oder nicht
Monetaere Akkomodierung kann natuerlich auch in einem institutionellen Setting ohne Zentralbank stattfinden, insbesondere wenn Geld an Bullion gebunden ist. Insofern ist mir unklar was Sie mit den prae-modernen Beispielen belegen wollen. Ganz sicher sieht Kindleberger in all diesen Faellen monetaere Akkomodierung am Werk.
Was die Taylor-Rule angeht haben die Kollegen (die ich nicht kenne) im Coffeehouse recht -- Taylor selbst hat in Jackson Hole die Fed kritisiert, sie sei seiner Regel nicht gefolgt und zahle jetzt den Preis. Falls Sie ihn zur Hand haben, Figure 1.4 des WEO suggeriert das die Fed 2003-05 300 bis 400 bps zu lose war. Interessanterweise war aber auch die EZB 100-150 bps relativ zur Taylor-Rule zu lose, und weit loser als die Bundesbank in den 1990er Jahren.
OK, aber wenn man unter "monetärer Akkomodierung" bzw. dessen Gegenteil ein derart weites Universum begreift, dass auch Lieferantenkredite, Securitization und dergleichen einschliesst, dann frage ich mich, welche Sinn es überhaupt noch haben soll, das direkte monetäre Wirken der Zentralbank zu diskutieren bzw. zu kritisieren?
Das erinnert mich ein wenig an die Currency School vor rund 150 Jahren, die bekanntlich einer sehr restriktiven monetären Politik das Wort redete, aber dann keinerlei Stress damit hatte, dass die größten Bubbles der damaligen Epoche mittels ungedeckter Handelswechsel befeuert wurden, weil ja kein "echtes" Geld.
Ich würde sogar Kindleberger soweit interpretieren, dass er implizit (wenn auch nirgendwo in seinen Werken explizit) unterstellt, dass ein restriktiveres regulatorisches oder monetäres Umfeld das Enstehen von Geldsurrogaten sogar provoziert. Zumindest seine Analyse des Eurodollar-Marktes und dessen Entstehung in den 60ern lässt sich so interpretieren. Oder auch die japanischen Vorläufer der heutigen Conduits und SIVs, die Jusen.
Die Diskussion hat gezeigt, dass es nicht die Zinsen waren, die das Durcheinander, die Ferkelei, die Sauerei verursacht hat. Wenn es nicht die Zinsen waren, wer oder was konnte dann die Leute so an der Nase herumführen?
Youtube hat die Antwort: The Long Johns - The Last Laugh - George Parr - Subprime.
Zusammenfassung: Do yourself a favor!
Einfach youtube aufrufen und Subprime suchen. URL: http://de.youtube.com/watch?v=SJ_qK4g6ntM
Wenn das nicht hilft, vielleicht bringt die Malik-Kolumne im manager magazin ein bisschen Licht ins Dunkel.
Hmmmm... lese ich Sie richtig dass Sie meinen, sekundaere Liquiditaetsschoepfung durch das Finanzsystem sei voellig unabhaengig von der Versorgung mit Basisgeld (und damit der Geldpolitik)?
Die Position vertreten in der Tat einige; aber ich bin nicht davon ueberzeugt.Wir koenten dann Zentralbanken uebrigens getrost wieder abschaffen.
Selbstredend nicht völlig irrelevant, aber wie sonst wäre es zB zu erklären, dass sich in USA die Monetary Base seit 1970 gerade mal verzehnfacht hat, während Consumer Loans um das 20fache, Security Credits um annähernd das 60fache und Commercial Papers um rund das 50fache zugelegt haben?
Und natürlich könnten wir die Zentralbanken abschaffen, daran kann doch ernstlich kein Zweifel bestehen.
Natuerlich hat der sekundaere Geld- und Kreditschoepfungsmechanismus seien eigene Dynamik, aber die ist eben nicht unabhaengig von der primaeren Liquiditaetsversorgung
Zentralbanken abschaffen -- und ersetzen wodurch? Sind Sie ein Goldkaefer?
Ich persoenlich kenne -- trotz periodischem Poltikversagen -- keinen besseren Mechanismus, das oeffentliche Gut "stable medium of exchange" bereitzustellen, als durch eine unabhanegige Zentralbank.
die Krux bei all den hier diskutierten Erklärungsversuchen liegt darin, dass immer in dem so vertrauten realwirtschaftlichen Kontext argumentiert wird. Erst wenn man sich davon löst und akzeptiert, dass die Finanzwirtschaft sich mit der von der Realwirtschaft separierten Verwaltung und Umverteilung gehorteter Vermögen ein eigenes Betätigungsfeld geschaffen hat (Casino Finanzwirtschaft), kommt man zu plausiblen Erklärungsansätzen. leider sind die klassischen Wirtschaftswissenschaften auf diesem Auge blind. Deshalb empfehle ich auch hier die Lektüre des Buches "Geld arbeitet nicht" von Hauke Fürstenwerth, in welchem diese Zusammenhänge sehr plausiel dargelegt werden, näheres hier:
http://www.shaker-media.de/shop/978-3-940459-22-0
Wie bereits von S. Summer weiter oben hingewiesen: Auf Youtube kann man sich die Erklärung ansehen (The Long Johns - The Last Laugh - George Parr - Subprime), wie "sekundaere Liquiditaetsschoepfung durch das Finanzsystem" (Kaspar) funktioniert.
Natürlich sind Banken in ihrer Kreditvergabe vulgo Bilanzsumme durch 1) Eigenkapitalvorschriften und 2) Mindestreservevorschriften begrenzt. Aber das ist doch kein wirkliches Hindernis: Man verkauft eben die Kredite an Investoren und schafft so Platz für neue Kreditvergaben. Dieses Spiel funktioniert so lange, bis irgendwann die Investoren nicht mehr kaufen. Und wenn man dann diese Kredite nicht mehr abladen kann und diese Kredite blöderweise noch die zusammenfallende Bude eines arbeitslosen Schwarzen in Alabama finanzieren, dann ist man als Bank in diesem "greater-fool-game" eben selbst der Gelackmeierte.
Die Zentralbank abzuschaffen halte ich trotzdem für unpraktisch. Denn dann haben wir wieder eine Situation, daß wir im Alltagsleben mit vielleicht dutzenden Zahlungsmitteln zu tun haben - nämlich mit den diversen selbstgedruckten (Bank-)Noten verschiedenster Emittenten. Der Vorteil des Zentralbankgeldes ist es ja, daß es der Wirtschaft ein einziges genormtes, maximal sicheres bzw. stabiles Zahlungsmittel zur Verfügung stellt. Auf diesen (kostensparenden) Vorteil sollten wir nicht verzichten.
Bei Georg Parr ist auch auf den Neusprech hingewiesen worden (Grand Security Enhanced bla bla). In einem anderen Film, auch zu diesem Thema, ist der Neusprech angesprochen worden. Auch wenn mit Neusprech (sekundäre Geldvermehrung) gearbeitet wird, bleibt eines erhalten: Aus wenig Hypotheken wurde über die vielen Stufen des Ponzisystems 1 Billiarde Schulden gemacht. Wer heute noch von einer hypothekenbasierten Krise spricht hat das Ponzisystem noch nicht durchschaut. Er wird beim nächsten Male wieder daruaf reinfallen.
Was sagt das FBI dazu? Quelle:NZZ, 17.08.08: Das FBI ermittelt mittlerweile in den USA gegen 19 Institute im Zusammenhang mit der US-Hypothekenkrise wegen Betrugstatbeständen. Insgesamt untersucht die Bundesbehörde 1300 Fälle vor allem in New York und Kalifornien. Eine weitere Ausweitung der Untersuchung scheint wahrscheinlich. Wegen Fehlspekulationen mit Ramsch-Hypotheken sind in den USA zahlreiche Finanzinstitute in Schieflage geraten. Die Banken setzten Milliarden von Dollar in den Sand und schickten damit ihre Aktienkurse in den Keller. Der Schwerpunkt der gegenwärtigen FBI- Ermittlungen zu mutmasslichen Vergehen wie Betrug und Insiderhandel liegt in Kalifornien und New York.
Das Managermagazin hat diese Woche gemeldet, dass der 25. Manager für 25 Jahre hinter Gitter geschickt wurde.
Was hindert uns daran die Dinge so zu benennen, wie sie sind?
Nein, ich bin definitiv kein Goldbug. Und ja, solange "Geld" ein staatlich genormtes Medium ist, macht auch die Abschaffung der Zentralbank keinen Sinn. Es wäre aber diskussionswürdig, Geld zu privatisieren und nur eine Art Clearinghaus vorzuhalten. Darüberhinausgehende Fragen wie "Lender of Last Resort" und dergleichen könnte man nach politischem Gusto (aber immer und ausschliesslich unter den bekannten Restriktionen W. Bagehots) ja dann noch drüber streuen.
Irgendeiner hat was von "realwirtschaftlichem Fokus" in der Diskussion geschrieben, doch nichts liegt mir in Wahrheit ferner. Mein ökonomisches Credo bewegt sich irgendwo zwischen Minsky's Interpretation von Keynes (aka "Financial Instability Hypothesis) und Heinsohn/Steigers Eigentumswirtschaft, bei der es aber um nichts anderes geht als um Kredit. "Geld" arbeitet tatsächlich nicht und ist per se völlig unspannend, was bereits der gute John Maynard völlig korrekt erfaßt hat, als er zu seinem "money of account" vorstieß (aber dann einen genialen Gedanken leider nicht zu Ende führte). Der "Kredit" (in diversen Formen) ist das einzig spannende. Was die ganzen neoklassischen Synthese-Jollies draus gemacht haben, ist hingegen eine völlig andere Geschichte.
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