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09.02.2010 20:49
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Chefökonom

 
Thomas Frickes Tagebuch aus der Welt der Wirtschaftswunder - über wunderbare Wachstumstrends, wundersame ökonomische Klischees und wundervolle wie verwunderliche Theorien

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Die wunderbare Welt des Herrn Stark

23. Juni 2008 22:53 Uhr
Thomas Fricke

Mit der Geldpolitik scheint es wie in der Ehe. Manches muss man einfach mal ansprechen. Vor zwei Wochen haben wir an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass zu wenig Leute die EZB überhaupt kennen. Und? Prompt gibt diese Woche der EZB-Chefvolkswirt ein Interview im Großauflagenblatt "Spiegel" - mit erstaunlichen Aussagen.

 *

Wenn Notenbanker in "Spiegel" oder "Bild" reden, ist meistens Gefahr im Verzug. Diesmal geht es, klar, um das mutige EZB-Vorhaben, mitten im latenten Abschwung die Zinsen anzuheben, weil es vielleicht doch noch irgendwie zu so etwas wie möglichen Zweitrundeneffekten als Folge der (bislang ohne Zweitrundeneffekte) gestiegenen Energiepreise kommen könnte.

Sehr rührend umschreibt der EZB-Chefökonom, wie sich orthodoxe Hardliner und aufgeklärte Pragmatiker im EZB-Rat derzeit offenbar in den Haaren liegen:

"Zurzeit sind wir noch im Prozess des Nachdenkens. Da st es ganz selbstverständlich, dass es unterschiedliche Meinungen gibt."

Na sowas, klingt ja fast wie im richtigen Leben.

Etwas unfreiwillig Wunderbares steckt darin, wie der wichtigste deutsche Notenbanker anschließend erklärt, warum die EZB bloß keine Rücksicht nehmen darf, warum beim Zinsanhebungen auch die Konjunktur kaputt gehen könnte.

"Sie können nachhaltiges Wirtschaftswachstum nicht mit einer Inflation von über drei Prozent erreichen"

Das ist zumindest bemerkenswert: Immerhin hat der EZB-Chefvolkswirt da nicht behauptet, dass so ein Wachstum schon bei mehr als zwei Prozent Inflation nicht mehr möglich sei, wie es das Inflationsziel der EZB (von unter zwei Prozent) nahe legen würde. Kritisch wird es offenbar erst bei "mehr als drei Prozent", was wenigstens eher nachvollziehbar ist als das unrealistisch ehrgeizige EZB-Ziel. Die meisten dauerhaft erfolgreichen Länder hatten in den vergangenen zehn Jahren  Inflationsraten zwischen deutlich über zwei und mehr als drei Prozent - ohne dass dies den Wachstumserfolg zwingend bremst: Australiens Boomwirtschaft kommt auf einen Schnitt von jährlich 3,2 Prozent, Spanien auf 3,3 Prozent, die USA auf 2,8 Prozent, usw...

Gewohnt bundesbank-selbstbewußt schildert der frühere Bundesbanker ansonsten, warum die Welt derzeit so viele Probleme hat - wegen den anderen. Wie schon in den 70er-Jahren gebe es neben den Ölpreisanstiegen jetzt eine "expansive Ausgaben-, Geld- und Lohnpolitik in den USA", und: "Die Folge war eine internationale Inflationswelle". Wow, so einfach ist das. Man muss halt nur fest genug ans eigene Weltbild (von der Furchtbarkeit expansiver Politik z.B.) glauben, dann kann man damit (fast) alles erklären. Dann stellt sich auch nicht die Frage, ob die Welt jetzt möglicherweise auf eine Depression zusteuern würde, wenn die Amerikaner auf Herrn Stark gehört hätten. Fragt sich höchstens, wie unser Großnotenbanker darauf kommt, dass es in den USA eine "Lohnpolitik" gibt. Unserer Kenntnis nach werden die Löhne dort auf Märkten bestimmt - und sind in letzter Zeit auch so gut wie nicht gestiegen. Naja, selbst ein EZB-Chefvolkswirt kann halt nicht alles wissen.

Bliebe noch der erstaunliche Verweis des Herrn Stark darauf, dass der teure Euro ja nicht so schlimm sei - weil ja heutzutage viel in Euro abgerechnet werde. Atemberaubend. Als wäre es für die Preisverhältnisse am Ende nicht ziemlich egal, in welcher Währung die Rechnung ausgestellt ist. Irgendwer muss seine Währung beim Exportieren oder Importieren umtauschen, und spätestens dann fällt auf, wie drastisch sich die Wettbewerbsfähigkeit zulasten der Europäer verschlechtert hat.

Da hilft auch der Standardhinweis wenig, dass ein gestiegener Wechselkurs die Importe verbilligt: das mag den Ölpreis in Euro nicht ganz so schnell steigen lassen, bedeutet bei den meisten anderen Produkten aber, dass sich deutsche Firmen jetzt mit noch billigerer Konkurrenz herumschlagen müssen.

Kommentare

  Kleines Problem [antworten]

Die Wettbewerbsfähigkeit der EU-Länder gemessen an deren Handelsbilanzdefizit bzw. - überschuss stellt sich auf Grund der speziellen Entwicklung der einzelnen Volkswirtschaften ganz unterschiedlich dar.

So hat z.B. Deutschland im ersten Quartal 2008 immer noch einen Überschuss von rund 50 Mrd. Euro, während Spanien im gleichen Zeitraum ein Defizit von 27 Mrd. Euro einfährt.

Selbstverständlich geht ein Großteil der Defizite und Überschüsse auf den EU-Binnenhandel zurück. Ganz nebenbei bemerkt ist damit die Problematik einer Gemeinschaftswährung von Volkswirtschaften mit unterschiedlichen ökonomischen Entwicklungen dokumentiert.

Viel wichtiger im Kontext ist die Frage, ob ein Eurokurs, der für andere Volkswirtschaften im Euroland die Exporte beflügeln würde, nicht dazu führt, dass sich Deutschland zu Tode exportiert.

Im Hinblick auf die Tatsache, dass Handelsbilanzdefzite der EU-27-Staaten vor allem mit China (- 38 Mrd. Euro im 1. Quartal 2008) und Russland (- 19 Mrd.) auftreten, erscheint eine Währungsanpassung mit Hilfe von Zinsen ungeeignet zu sein.

Rexanach | 24/06/2008, 02:54


  Einspruch [antworten]

Zitat:
Dann stellt sich auch nicht die Frage, ob die Welt jetzt möglicherweise auf eine Depression zusteuern würde, wenn die Amerikaner auf Herrn Stark gehört hätten.

Einspruch: Das Argument kann man auch andersrum drehen: Die Welt wäre jetzt möglicherweise in einer weitaus besseren Situation, wenn die Amerikaner die Geldmenge jahrelang nicht so aufgeblasen hätten. Viele der aktuellen Probleme in den USA (und damit der Welt) können auf Greenspans Erbe zurückgeführt werden: Boom und Crash am Immobilienmarkt, negative Sparquote, Rekordungleichgewichte in der Außenbilanz, die Flucht in immer riskantere Anlageformen um wenigstens etwas Rendite zu finden,...

Dipl-Inf | 24/06/2008, 11:04




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