Thomas Frickes Tagebuch aus der Welt der Wirtschaftswunder - über wunderbare Wachstumstrends, wundersame ökonomische Klischees und wundervolle wie verwunderliche Theorien
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26. November 2008 15:15 Uhr
Thomas Fricke
Ein Glück. Es gibt doch noch Leute, die gegen Konjunkturprogramme sind. Es ist nämlich nach aller Erfahrung nicht gut, wenn alle das gleich denken. Das Problem ist nur, dass der vermeintlich letzte Nicht-Keynesianer erstens furchtbar schlechte Argumente hat. Und - noch schlimmer - zweitens nicht irgendein, sagen wir, Kolumnist, sondern Chefökonom der Europäischen Zentralbank.
*
In einem Gastbeitrag für eine deutsche Wirtschaftszeitung warnt heute Jürgen Stark ziemlich grundsätzlich davor, jetzt über finanzpolitische Maßnahmen "zusätzlich Nachfrageimpulse" machen zu wollen. Kurios, aber wahr: damit setzt er sich ziemlich eindrucksvoll vom einflussreichen EU-Kommissionsdirektor Klaus Regling ab, der mit Stark zusammen so eine Art Übervater des Euro-Stabilitätspakts ist - gestern aber das Gegenteil geschrieben hat (siehe unten).
Ganz und gänzlich objektiv: da klangen die Regling-Argumente gestern besser. Herr Stark dürfte der einzige auf der Welt sein, der derzeit davor warnt, die Leute könnten "Vertrauen verlieren", wenn jetzt der Staat die Konjunktur zu retten versucht. Merkwürdige Wahrnehmung. Das Vertrauen geht derzeit ja nicht deswegen zurück, weil die Regierungen möglicherweise die Konjunktur stützen könnten. Abgesehen davon fehlt bislang jeder vernünftige Beleg für die Behauptung mancher Ökonomen, wonach die Leute bei höheren Staatsdefiziten schon antizipieren, dass sie künftig höhere Steuern bezahlen müssen - und deshalb gar nicht mehr konsumieren.
Es hat schon etwas Atemberaubendes, wie leichtfertig der oberste Stratege der zweitgrößten Notenbank der Welt auf vermeintliche Erkenntnisse verweist.
* Die finanzpolitische Feinsteuerung ziele ja nicht auf die Ursachen der Krise - ja, das hat aber auch niemand behauptet, es geht darum, die Kollateralschäden zu begrenzen und eine verselbständigte Krise zu verhindern, die eben auch jene trifft, die mit den Ursachen der Finanzkrise beileibe nichts zu tun haben; abgesehen davon ließe sich darüber streiten, ob wirklich "die" Finanzkrise als größte Ursache durchgehen kann: es könnten ja auch die hohen EZB-Zinsen, der hohe Euro-Kurs oder die Spätfolgen der zweifelhaften MWSt-Erhöhung sein, die Deutschlands Konjunktur jetzt so rapide haben kippen lassen (lange bevor Lehman Pleite ging)
* Nach Starks Wundersprüchen aus alten Zeiten verzögern Konjunkturprogramme auch strukturelle Anpassungen - ups, welche strukturellen Anpassungen sollen das im Falle Deutschlands denn sein, die so toll und nötig sind? Und die durch eine depressive Spirale jetzt gebremst werden könnten?
* Nächster Standardeinwand von Jürgen Stark: die 70er-Jahre hätten gezeigt, dass Aktionismus die Staatsverschuldung dauerhaft steigen lässt und "manche Länder noch heute darunter leiden" - auch das ist eine ziemlich abenteurliche Diagnose: die Konjunkturprogramme waren trotz allem Brimborium damals bei weitem nicht so groß, dass sie die Entwicklung der deutschen Staatsschulden seitdem auch nur ansatzweise erklären könnten. Der Anstieg lag an wackelnden Sozialsystemen, Wachstumsverlust und - vor allem - der deutschen Einheit (deren ökonomisch desaströse Umsetzung Stark damals als Staatssekretär mitverantwortet hat).
* Etwas plausibler wirkt zunächst der Zweifel daran, dass die heutigen Konjunkturpaketkosten in besseren Zeiten auch wieder abgebaut werden - so richtig überzeugend ist das bei näherer Betrachtung allerdings auch nicht. Es gibt Dutzende Länder, die in den 90er-Jahren sehr erfolgreich ihre zwischenzeitlichen (teils konjunkturpolitisch bedingten) Staatsdefizite komplett abgebaut haben - ob Amerikaner (bis Bush kam) oder Dänen oder Schweden. Abgesehen davon ist die Vergangenheit ja kein Grund, nicht dafür zu sorgen, dass es diesmal anders kommt. Dazu haben sowohl der IWF, als jüngst der Sachverständigenrat und die Institute in Deutschland Vorschläge gemacht. Regierungen könnten sich vorab auf Rückzahlung verpflichten.
Bitte nacharbeiten.
Bliebe die (begründbare) Hoffnung, dass Herr Stark vielleicht doch nicht allein in der Europäischen Zentralbank bestimmt.
Kommentare
Also, ich verstehe das ganze nicht mehr. Jetzt gibt es offensichtlich doch ein Sie-wissen-schon-welches Programm. Und das, wo man jahrelang gelernt hat, dass das Unsinn ist. Und warum? Um Schrumpfung und Deflation zu bekämpfen. Dabei ist doch Inflation das Übel von der dunklen Seite der Ökonomie und Deflation hebt grad mal ein bisschen davon auf. Abgesehen davon ist Deflation die einzige Möglichkeit bei Schrumpfung oder wie es auf Ökonomendeutsch heißt, Minuswachstum zu einem Realwachstum zu kommen, wenn man nämlich von 0,5% Minuswachstum 2% Deflation abzieht hat man, Mathematik ist Zauberei, 1,5% Realwachstum. Da sollten die Ökonomenherzen eigentlich höher schlagen. So ein Sie-wissen-schon-welches Programm führt doch nur Staatsdefiziten, die wie alle Erfahrung lehrt, nie wieder abgebaut werden. Über Mehrwertsteuersenkungen freut sich der Handel, der endlich seine Marge vergrößern kann und allgemeine Steuersenkungen landen auf Sparkonten, denn die, die Geld ausgeben, haben von einer Steuersenkung (fast) nichts. Und wenn dann doch, dann werden dafür Importe gekauft, so dass das der Konjunktur wieder egal ist. Wenn überhaupt, dann kann nur der Staat das Geld ausgeben. Entgegen vielen Argumenten kann er das besser als der einzelne. Es gibt hunderte Schulen oder andere öffentliche Gebäude zu sanieren, ebenso Straßen und Schienen. Auch wenn dies aufgrund der EU-Ausschreibungsregeln für diesen Abschwung wohl nicht mehr wirken würde. Ich will noch ein anderes Argument in Erinnerung rufen. Deutschland ist Exportnation. Wenn es der Welt schlecht geht, dann ist es selbstverständlich, dass Deutschland doppelt leidet. Ein Jahr hält man das doch wohl durch. In 2010, sagen die Auguren, wird schon wieder alles wachsen, und dann ist Deutschland auch wieder doppelt dabei.
Reichlich dumm finde ich auch das Argument vom kaputtgesparten Staatshaushalt. Zum einen ist jede Menge Geld da. Das hat man schon bei der Einheit und jetzt wieder bei der sogenannten Bankenkrise gesehen. Zum anderen würde ein guter Finanzminister diese Mindereinnahmen antizipieren und die Sparanstrengungen entsprechend schon zum Zeitpunkt Null erhöhen.
Eine schrumpfende Deflationswirtschaft ist doch eigentlich eine tolle Sache. Da es seit 10 Jahren keine Reallohnsteigerungen mehr gab, ist doch eine allgemeine Deflation das einzige Instrument, mit dem noch so etwas wie Kaufkraftgewinn erzeugt werden kann. Anstatt vergeblich gegen die Inflation anzuarbeiten, setzt man sich einfach hin und wartet bis das Gut auf den Preis gefallen ist, den man bezahlen kann. Ach übrigens, wenn es jetzt stimmen würde, das in diesem Szenario keiner mehr was kauft, so ist das Blödsinn. Wenn es so wäre, wäre in den letzten 20 Jahren kein einziger PC gekauft worden. Ich habe mindestens fünf gekauft, jeden in dem festen Wissen, drei Monate später wäre er billiger gewesen.
Selbstverständlich befürworte ich auch ein Sie-wissen-schon-welches Programm. Wie jeder andere freue ich mich über etwas (wenn auch nutzlos) verschenktes Geld.
@dilbertbrown:
Deflation ist von Übel, da sie nicht wieder einzufangen ist. Außerdem wirkt eine Deflation investitionshemmend, weil das Geld an Wert gewinnt, wenn die Preise stetig fallen, während eine Inflation dafür sorgt, daß "gelagertes" Geld an Wert verliert - ein Anreiz, zu investieren.
Was daraus folgt, können Sie sich denken.
Außerdem ist eine Deflation sehr schwer wieder "einzufangen" - was will man dagegen schon machen? Unter Null kann man den Leitzins nun einmal nicht senken.
abenteuerlicher, geht es nicht mehr, die Welt vor der Apokalypse retten wollen.
Hier aufgeführt, da, egal unter welchem Namen und von welchen PC auch immer, der Kommentar wird nicht angenommen!
ftd: 271108 - Ekst runter:
Kurz nachgerechnet:
Es geht um 25 Mrd. Euro.. Dieser Betrag durch 30 Mio. AN geteilt ergibt: pro Kopf 833,33 Euro / Jahr. Da es nur die Besserverdienenden trifft kommen für diese Klientel rund 2400 Euro zusätzliches Einkommen raus. Der Rest der AN schaut, wie immer, wenn vonm RWI was kommt, in die Röhre. Das Faszinosum "Algebra" und "Say" muss so blenden, dass jeglicher Verstand auf der Strecke bleibt.
Ich bin mir sicher, die Autoren haben sich nicht die Mühe gemacht eine der Grundrechenarten zu bemühen. Hätten Sie es getan, dann wäre dieser alberne Artikel wohl unterblieben!
@dilbertbrown: Wo haben Sie jahrelang gelernt, daß Konjunkturprogramme Unsinn sind? In den gleichgeschalteten Medien ala Spiegel, FAZ, Welt, BILD und Konsorten ? Na prima. Genau das ist das Problem: da lernen Sie nix, da werden Sie auch gleichgeschaltet.
Nur mal ein Gegenbeispiel zum vermeintlichen Unsinn und Strohfeuer eines Konjunkturprogramms: 1977 legte die sozialliberale Koalition unter Helmut Schmidt aufgrund der damaligen Ölpreisexplosion (dem Wirtschaftskreislauf wurden dadurch 1% bzw 10 bis 15 Milliarden Demark entzogen) ein "Programm für Zukunftsinvestitionen" auf. Raten Sie mal was die Folge davon war: Die Zahl der Arbeitslosen ging um 1,1 Millionen innerhalb von 3 Jahren zurück (1977 - 1980). Die realen Wachstumsraten lagen bei -1,3 (1975), +5,3 (1976), +2,8 (1977), +3,0 (1978), +4,2 (1979) und +1,0 (1980) (Quelle: Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (Hrsg), Statistisches Taschenbuch 1998, Arbeits- und Sozialstatistik, Bonn 1998, 1.2 und 2.10).
Und die folge der Mehrbeschäftigung: sprudelnde Steuereinnahmen, mehr Geld in die Sozialkassen. Also auf der ganzen Linie Mehreinnahmen. Strohfeuer? Von solchen Wachstumsraten können die Dilettanten an der Regierung nur träumen.
Noch ein paar Zahlen: zwischen 1970 bis 1980 stieg die Neuverschuldung um 175 Milliarden Euro, 1980 bis 1990 stieg sie um 299 Milliarden, und 1990 - 2000 stieg sie um 673 Milliarden Euro (deutsche Einheit). Seit 1980 werden wir kaputt reformiert. Schonmal jemand aufgefallen?
So. Und ganz nebenbei bemerkt hatte Helmut Schmidt (Volkswirt) einige Ökonomen in seinem Mitarbeiterstab, Karl Schiller (Professor der Nationalökonomie) zuvor hatte 9 ausgebildete Nationalökonomen beisammen. Und Schröder (Jurist) ? Bundeskanzleramt: Steinmeier (Jurist), Leiter Wirtschaftsabteilung: Mirow (Politologe), Wirtschaftsministerium: Clement (Jurist und Journalist), dessen Staatssekretär: Verwaltungswissenschaftler. Und heute? Merkel (Physikerin), Steinmeier (Jurist) ... und und und. Geballte Kompetenz eben.
Und warum sollte eine Deflation das einzige Instrument sein, um Kaufkraftgewinn zu erzeugen? Sie sagen ganz richtig, daß es seit 10 Jahren keine Reallohnsteigerungen mehr gab, aber: Hallo, wie wäre es mit mehr Lohn ? Dass der erwirtschaftet werden kann und auch von den Belegschaften erwirtschaftet wird zeigen doch die irrsinnigen Unternehmensgewinne am besten! Nur: die Belegschaft wird um ihren Anteil am Gewinn betrogen, die Kohle wird im Weltcasino verzockt anstatt sie denen zu geben, die sie verdient haben. So sieht es aus in Deutschland, und das seit Anfang der 80er Jahre! Wo sind denn die Erfolge der Reformen, die man uns Jahr für Jahr aufbürdet ? Und noch was: wo kam denn dieses jede Menge Geld her bei der Eineit? Hier wurden die Sozialkassen geplündert, und jetzt erzählt man uns, dass die Rente nicht sicher ist .
Ich bin der Meinung, daß Konjunkturprogramme kein Strohfeuer sind, das sind sie nur dann wenn man sie falsch anpackt. Wir werden sehen was mit dem mickrigen Progrämmchen unserer Regierung passiert: nämlich nix. Und nächstes Jahr heisst es dann: wir haben es ja gesagt, Konjunkturprogramme sind Strohfeuer, wählt uns, wir wissen es besser!
Ach ja, das verschenkte Geld ist nur dann nutzlos verschenkt wenn man sich den Hintern damit abwischt.
@ s.sommer, wir sehen, dass das Drehbuch zum glorifizierten Markt in seiner Struktur wesentliche Elemente des „Heros in tausend Gestalten“ enthält. Der Held strauchelt – die Retter stehen ihm (zunächst zaghaft) bei. Naaaa, wie geht die Story weiter? Sie ahnen es. Jedenfalls ist es immer wieder erstaunlich, mit wie wenig Ökonomie das Konstrukt des (neoliberalen) Marktes auskommt. Tja, ein Held müsste man sein.
Tja, nun scheint sich ja wohl doch noch die vor 19 Jahren plötzlich fallen gelassene systemvergleichende Konvergenzthese bestätigen zu wollen - nur anders als vormals gedacht. Auf dem falschen (hier neoliberalen, dort "realsozialistischen") Weg brechen komplexe Systeme zusammen, wenn die Entscheidungsträger dieser Komplexität nicht ausreichend rechnung tragen (wofür der Bierdeckel als Symbol stehen mag). Zügel- im Bunde mit Maßlosigkeit, "Sparen" als Allheilmittel für Staat und breite Masse, Inkompetenz, Machtarroganz, Lobbyismus und Verantwortungslosigkeit bringen uns nicht das erste Mal soweit... Da kann man noch so sehr die Bilanzen und Statistiken frisieren und die Fehler und Mängel schön zu reden versuchen, was den Bewohnern des Ostens unserer Republik sehr bekannt vorkommen dürfte...
Die Machtübernahme durch die fränkischen Hausmeier legte auch den deutschen Grundstein, die schleichende Machtübernahme durch unsere "Hausmeier" in Politik und Wirtschaft scheint den deutschen Schlussstein setzen zu wollen... Also wehrt euch - planvoll!
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