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Das Phänomen ist nicht neu. Als die New Economy boomte, schien es auch niemand merkwürdig zu finden, dass Firmen ohne richtige Gewinnaussichten riesig Kapital bekamen. Im Rückblick erscheint das eher absurd, und alle sehen das offenbar auch so. Etwas Ähnliches gilt jetzt. Bis zum Ausbruch der Krise galten viele Praktiken und Finanzinnovationen als völlig normal und prima. Nach Ausbruch der Krise herrscht plötzlich allgemeine Verwunderung darüber, wie Banker und andere so einen Unsinn machen konnten. Das ist nirgendwo konzentrierter und verwirrender zu beobachten wie in diesen Tagen in Davos.
Mehr noch: es gibt plötzlich unheimlich viele Leute, die (angeblich) schon immer gewusst haben, dass es zu genau dieser Finanzkrisenzuspitzung kommen musste, die es seit September gibt. Höchstens wird eingeräumt, dass man den Termin natürlich nicht genau vorhersehen konnte. „Früher oder später musste es genau so kommen“, sagte am Mittwoch der Finanzhistoriker Neill Fergusson. „Es ist absurd zu glauben, dass die Krise weniger heftig geworden wäre, wenn die US-Regierung nicht fallen gelassen hätte“, so Nouriel Roubini.
Daniel Kahneman zweifelt – und hat für das Phänomen auch eine solide wissenschaftlich erforschte Erklärung. Das menschliche Verhalten nach mehr oder weniger unvorhersehbaren Ereignissen sei gut erforscht und immer wieder bestätigt worden. Dass Menschen im Nachhinein glauben, sie hätten Dinge kommen sehen, habe mit einem „Rückblick-Phänomen“ zu tun, erklärt Kahneman. Sobald etwas passiert sei, beginne das Gehirn rasch, eine Erklärung dafür zu suchen und zu erstellen. Und: sobald diese Erklärung aufgestellt sei, integriere das Gehirn dies sehr eindrucksvoll, was das vorher Gedachte schnell verdränge – so stark, dass dem Menschen nach sehr kurzer Zeit kaum mehr präsent sei, wie wenig das, was passiert sei, vorher eigentlich vorhergesehen wurde. Der psychologische Unterschied liege im Prägenden des Rückblicks, sagt Kahneman.
Ergebnis: „Die einen haben plötzlich das Gefühl, sie hätten das Phänomen kommen sehen, obwohl das gar nicht stimmt. Und die, die tatsächlich etwas Ähnliches prophezeit haben, haben im Nachhinein das Gefühl, es ziemlich genau gewusst zu haben“, so Kahneman.
Entsprechend kritisch urteilt der Nobelpreisträger auch über die derzeit viel gefragten Propheten, über Nouriel Roubini oder Nassim Taleb. Taleb habe mit seinem Buch über den „Schwarzen Schwan“ ein phaszinierendes Buch geschrieben. Wahrscheinlich sei es aber so, dass er dies einfach per Zufall zur genau richtigen Zeit geschrieben habe. Leute wie Roubini hätten eine Krise ja auch schon seit Jahren vorhergesagt – und damit jahrelang daneben gelegen. „Die aktuelle Krise beweist eigentlich nicht, dass ihre Prognosen richtig waren.“ Und: „Wenn die, die das behaupten, es wirklich so genau wussten, hätten sie vorher auf die Lehman-Pleite wetten können. Das haben sie aber nicht.“
A suivre.
(Auch) Nobelpreisträgern werden beim ersten Mal in Davos offenbar Hotels in der weiteren Umgebung zugeteilt. Das war bei Edmund Phelps vor zwei Jahren so und ist es jetzt auch bei Daniel Kahneman. Also bin ich zu seinem Hotel, und wir haben auf dem Weg geplaudert.





