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Merken   Drucken   07.03.2008, 07:02 Schriftgröße: AAA

Agenda: Es ist Krieg mitten in Paris

Dossier Ob Airbus, Sanofi-Aventis oder Alstom: Franzosen kämpfen unerbittlich für ihre Unternehmen. Das Rüstzeug erlernen viele Manager in einer Pariser Kaderschmiede: Der "Schule für Wirtschaftskrieg". von Claus Hecking (Paris)
Es ist Freitagmorgen, 9.35 Uhr, und Jérôme Fravalo befindet sich seit fünf Minuten im Krieg. Hektisch zerrt der 24-Jährige eine grüne Mülltonne herbei, stellt Beamer und Notebook drauf, öffnet die Datei auf dem USB-Stick, den ihm sein Auftraggeber gerade in die Hand gedrückt hat. Und schon flimmert der Gefechtsbefehl auf der Leinwand: "Destabilisiere die anderen. Shoot them up."
Fravalo und seine fünf Mitstreiter haben nur 33 Stunden. Morgen um 18.30 Uhr muss Telefónicas Schlachtplan stehen: eine Strategie, mit der Spaniens Telekomriese im Kampf um die Übernahme von Algérie Télécom 45 internationale Konkurrenten aus dem Weg räumt. "Greifen wir an!", ruft Fravalos Kollege Raad und zückt sein iBook.
Es ist ein komisches Bild: Raad, der geschniegelte Unternehmensberater im Sabbatical, wie er im dunklen Nadelstreifenanzug vor einem farbverklecksten Tapeziertisch sitzt und mit ausholenden Bewegungen sein Laptop anschaltet. Der stickige Aufenthaltsraum, das alte Sofa, aus dem schon die Federn herausstehen, die angestaubten Fenster. Nein, dies ist nicht die Chefetage, dies ist kein Ernstfall.
Nur ein Manöver. Ein Planspiel der École de Guerre Économique (EGE), der Schule für Wirtschaftskrieg.
Aber Fravalo und seine Leute nehmen die Übung bitter ernst. Für sie geht es um mehr als nur eine gute Note. Sie alle wollen einmal zur Elite der französischen Manager gehören. Die großen strategischen Entscheidungen treffen. Die echten Schlachten gewinnen. Das Rüstzeug holen sie sich an dieser Kaderschmiede im Herzen von Paris, 9500 Euro lassen sie sich die neunmonatige Ausbildung an der EGE kosten. Denn sie alle sind überzeugt: Da draußen in der Wirtschaft herrscht Krieg.
"Die Globalisierung ist ein permanenter Verdrängungswettbewerb, Anarchie total", sagt Fravalo. Und nennt Beispiele: Die Hackerangriffe chinesischer Unternehmen auf die Computer ihrer europäischen Wettbewerber. Die Spionageaktivitäten der Russen, die Agenten in westliche Firmen einschleusen. Die Airbus -Krise mit dem monatelangen Gerangel zwischen Deutschland und Frankreich um Standortschließungen und die Konzernspitze. Der Verkaufseinbruch von Philip Morris  im Irak, als dort das falsche Gerücht verbreitet wurde, der Tabakkonzern drehe seine Zigaretten für die arabische Welt in Israel. Oder die Attacken von Firmenjägern wie Guy Wyser-Pratte.
Der Finanzinvestor, der bei TUI  einstieg und seither die Aufspaltung des Konzerns betreibt, orientiert sich nach eigenen Worten an der Gefechtstaktik der US Marines: "Unser Anschleichen soll niemand merken. Dann haben wir das Überraschungsmoment auf unserer Seite."
Schule für Wirtschaftskrieg. Allein der Name ist eine Provokation. Und der Direktor legt nach. "Machen wir uns nichts vor: Die Globalisierung verläuft nicht einvernehmlich und schön", sagt Christian Harbulot. "Solange es keine weltweit anerkannte Autorität gibt, die faire Wettbewerbsregeln für alle aufstellt, werden Firmen und Staaten Wirtschaftskriege gegeneinander führen."

Teil 2: Verteidigungsstrategien sichern das Überleben

  • Aus der FTD vom 07.03.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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