Dossier
Als Forscher unser Erbgut entschlüsselten, sagten sie eine medizinische Revolution voraus. Jetzt gibt es die ersten DNA-basierten Therapien und die ersten großen Gewinner: die Pharmaindustrie, die Milliarden abschöpft. von Peter Kuchenbuch (Cambridge)
David Altshuler hält es nicht mehr auf dem Stuhl. Er springt auf, nimmt einen Filzschreiber und malt auf eine Wandtafel seinen großen Plan zur Bekämpfung von Diabetes und Fettsucht. Ein Grund für Krankheiten liege in den Genen, in Fehlfunktionen des Erbguts, sagt der Genetiker vom Broad Institute in Cambridge bei Boston. Für einen Augenblick erinnern seine Worte an jenen denkwürdigen Tag im Juni 2000. Damals verkündeten US-Präsident Bill Clinton und sein britischer Kollege Tony Blair zusammen mit Wissenschaftlern stolz, dass große Teile im "Buch des Lebens" entschlüsselt seien und eine Revolution der Medizin bevorstehe. Doch dazu kam es nicht.
Acht Jahre danach bleibt Altshulers Stift immer wieder in seinem selbst gemalten Modell hängen. Aber seine Worte, seine Augen, sie sind voller Emotionen. "Es wird eine Welle mit neuen Medikamenten geben", prophezeit Altshuler. "Uns steht eine unglaubliche Revolution bevor."
Die Erwartungen nach der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts im Jahr 2000 waren groß. Geißeln wie Krebs oder Alzheimer wollten Forscher schon bald biotechnologisch besiegen. Milliarden Dollar wurden investiert, Patienten hofften auf neue Medikamente, Pharmakonzerne und Investoren auf große Geschäfte. Alle wurden sie enttäuscht.
Nun aber schöpft nicht nur Altshuler neuen Mut. Denn das, womit schon keiner mehr so richtig gerechnet hat, tritt gerade ein. Wissenschaftler dringen immer schneller in das Genom vor - und läuten eine neue Ära in der medizinischen Forschung ein. Pharmakonzerne verkünden Erfolge beim Nachweis von Krankheiten. Und auch bei den Medikamenten geht es mit großen Schritten voran.
Schlüssel zum Erfolg sind die gesunkenen Kosten für die sogenannte Sequenzierung der DNA-Bausteine
Schlüssel zum Erfolg sind die gesunkenen Kosten für die sogenannte Sequenzierung der DNA-Bausteine. Kostete vor Jahren die komplette Entschlüsselung eines menschlichen Genoms mehr als 1 Mrd. $, so kommt man heute schon mit einigen Hunderttausend Dollar aus. Schon bald dürfte der Preis bei nur noch 10.000 $ liegen. Dank der Fortschritte in der Chip- und Verfahrenstechnik arbeiten Genomforscher heute wesentlich schneller und effizienter. "Mit der neuesten Generation unserer Sequenzierer können wir in 24 Tagen ein komplettes Genom entziffern", sagt Chris McLeod, Chef von 454 Life Sciences, einer Tochter des Pharmakonzerns Roche.
Für Forscher wie Altshuler könnten die Zeiten für neue große Genomprojekte daher kaum besser sein. So hat sich das Broad Institute jetzt mit anderen Institutionen zu einem Forschungsverbund namens "1000 Genomes Project" zusammengetan. Ziel ist es, das Erbgut von 1000 Menschen aus verschiedenen Erdteilen zu analysieren. Mit dabei sind nicht nur Amerikaner und Briten, sondern auch chinesische Genetiker, die das Erbgut von 100 Hunan-Chinesen entschlüsseln werden.
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