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Merken   Drucken   07.04.2005, 18:42 Schriftgröße: AAA

Bakterien als Arzneifabriken  

Laktobazillen nicht nur im Joghurt, sondern auch in Magentabletten, Bifidobakterien außer im Fitnessdrink auch in Darmzäpfchen: Verbraucher könnten lebende "probiotische" Bakterienkulturen bald nicht mehr nur mit Lebensmitteln zu sich nehmen, sondern auch in Arzneipräparaten. von Volker Mrasek
Europäische Biotechnologen arbeiten emsig an der "zweiten Generation" von Probiotika: an genetisch veränderten Bakterienstämmen, die medizinische Wirkstoffe direkt im Verdauungstrakt des Menschen produzieren. Winzige eingeschleuste Zellfabriken sozusagen. Die genmanipulierten Mikroben gelangen in den Darm, nisten sich dort ein und beginnen, die gewünschten Arzneistoffe zu fabrizieren.
Das ist keine ferne Vision mehr, sondern schon Realität - verwirklicht im Rahmen eines europäischen Forschungsverbundprojekts über Probiotika und Darmgesundheit (Pro-EU-Health). In den Niederlanden lief bereits eine erste klinische Studie. Zehn Patienten nahmen teil, die alle an Morbus Crohn leiden, einer schwerwiegenden Entzündung des Darms. Alle schluckten sie Pillen mit dem neuen "Pharmiotikum": einer maßgeschneiderte Version des Milchsäurebakteriums Lactococcus lactis.
"Der verwendete Stamm trägt in seinem Erbgut ein menschliches Gen, das die Synthese eines Interleukins erlaubt", erläutert die wissenschaftliche Projektkoordinatorin Annick Mercenier. Interleukine sind Botenstoffe des Immunsystems, die die Abwehrreaktionen des Körpers steuern und in der Krankheitstherapie zunehmend an Bedeutung gewinnen. "Uns ging es zunächst einmal darum zu zeigen, dass die Anwendung ohne Risiko ist, und das konnten wir prinzipiell bestätigen", sagt Mikrobiologin Mercenier, die am Forschungszentrum von Nestlé in Lausanne arbeitet. Ihr zufolge ist das Humangen stabil im Erbgut der Lactococcen verankert. Ein unkontrollierter Transfer des DNA-Schnipsels in die Darmmikroflora sei ausgeschlossen, ebenso die Freisetzung in die Umwelt. Dort seien sie nicht überlebensfähig. "Vor wenigen Jahren hat niemand so recht geglaubt, dass das Konzept funktionieren könnte, und jetzt ist uns wirklich ein Durchbruch gelungen", begeisterte sich Mercenier auf dem Abschlussworkshop von Pro-EU-Health in Brüssel.
64 Forschergruppen aus 16 EU-Ländern
An dem Projekt, das in diesem Jahr endet, beteiligten sich insgesamt 64 Forschergruppen aus 16 EU-Ländern, die meisten von Universitäten. Mit dabei waren auch die großen Lebensmittelkonzerne Nestlé, Danone Vitapole, Unilever und Yakult. "Unser Ziel war es ausdrücklich, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft zu erhöhen", sagt Jürgen Lucas, einer der beiden Projektbetreuer für die EU-Kommission.
"Glücklich" mit den Resultaten der klinischen Studie zeigt sich auch Erik Remaut, Gentechnologe von der Uni Gent. Der Charme der Methode liege darin, dass "die Zellfabriken genau dort produzieren, wo die Arzneistoffe wirken sollen". Dadurch komme man mit einer sehr niedrigen Medikamentdosis aus und habe schwächere Nebenwirkungen als bei der bisher üblichen Behandlung. Auch therapeutisch verlief der Test offenbar erfolgreich - das probiotische Interleukin linderte die Darmentzündung der Probanden. Eine weitere, größere Multi-Center-Studie mit mehreren Hundert Darmpatienten ist geplant.
Nach dem Willen der Wissenschaftler sollen transgene Probiotika in Zukunft ein ganzes Repertoire verschiedener Wirkstoffe ausspucken. Zum Beispiel Enzyme, die die Bauchspeicheldrüse bei einer krankhaften Unterfunktion nicht mehr in ausreichendem Maße liefern kann. Vorstellbar ist auch, dass die bakteriellen Untermieter Impfstoffe im menschlichen Darm abgeben.
Wann "Pharmiotika" als Medikamente zugelassen werden, ist noch offen. Der erste Schritt sei jedenfalls getan, meint Annick Mercenier. Die Projekt-Studien zeigten, dass von den benutzten transgenen Bakterienstämmen kein Sicherheitsrisiko ausgehe. In Zukunft werden vermutlich noch mehr Lebensmittel Probiotika enthalten, doch keinesfalls die genmanipulierten Sorten, wie Mercenier beteuert; die werde es nur auf Rezept vom Arzt geben: "Man wird sie nicht im Supermarkt bekommen, sondern in der Apotheke."
  • Aus der FTD vom 08.04.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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