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Merken   Drucken   15.04.2012, 09:00 Schriftgröße: AAA

Bildung: Tafeldienst der Spitzenberater

Die Initiative My Finance Coach schickt Mitarbeiter von Allianz und McKinsey in Schulen, um Kindern Finanzwissen beizubringen. Die Schulen greifen gern zu. Doch Verbraucherschützer kritisieren die Unterrichtsmaterialien als tendenziös.
© Bild: 2012 FTD/Roland Magunia
Die Initiative My Finance Coach schickt Mitarbeiter von Allianz und McKinsey in Schulen, um Kindern Finanzwissen beizubringen. Die Schulen greifen gern zu. Doch Verbraucherschützer kritisieren die Unterrichtsmaterialien als tendenziös.
von Hamburg

Für einen Werber wie Stefan Notthoff ist die Klasse 5b des Gymnasiums Hamm in Hamburg eine Goldgrube. Da sitzen zwei Dutzend konsumbereite elf- bis zwölfjährige Kinder, alle mit Handy und willig, ihr Taschengeld für Spielkonsolen und Klamotten auszugeben. Und was macht Notthoff: warnt vor Werbung. "Werbung will dir immer etwas verkaufen", sagt der Berater der Düsseldorfer Agentur Grey. Gerade Kinder würden umworben, "weil sie einfacher zu überzeugen sind", sagt eine Schülerin. Fazit von Notthoff: "Betrachte Werbung kritisch! Überprüfe vor dem Kaufen, ob du etwas wirklich brauchst!"

Der Mann im schwarzen Businessanzug und seine Kollegin Andrea Dotterweich, Vorstandsassistentin bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, sind Finance Coaches. Sie gehen in Schulen, um Kindern und Jugendlichen beizubringen, wie man einen Handyvertrag abschließt und warum sparen oft besser ist als kaufen. Aber wie unabhängig sind solche Aussagen von Wirtschaftsvertretern?

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Die Unterrichtsstunden sind Teil des Konzepts der Initiative My Finance Coach (MFC). Die wurde im Herbst 2010 von Grey, dem Versicherungskonzern Allianz  und der Unternehmensberatung McKinsey gegründet, 2011 kamen KPMG und Haniel dazu. Mehr als 20 weitere Firmen unterstützen und finanzieren die Initiative, zuletzt mit 2,3 Mio. Euro.

Die Initiative stellt Schulen kostenlos Material zu sechs Themenbereichen zur Verfügung, etwa zu "Sparen" oder "Umgang mit Risiken". Und: Sie schickt Mitarbeiter der beteiligten Firmen als Coaches in den Unterricht, auch Allianz-Vorstand Paul Achleitner stand schon vor einer Schulklasse, ebenso die Chefs von Grey und McKinsey. Knapp 1000 Firmenmitarbeiter haben sich bislang zu Coaches ausbilden lassen. Daneben bietet MFC Fortbildungen für Lehrer; daran haben bislang rund 800 Lehrer teilgenommen. Fast 90.000 Schüler haben mit dem Material der Initiative gelernt. "Wir wollen den mündigen Wirtschaftsbürger", sagt Christian Keller, Geschäftsführer von MFC, denn letztlich "profitieren Unternehmen davon, dass Bürger Ahnung von Geldgeschäften haben".

In der Schule bekommen sie davon jedenfalls bislang wenig mit; es gibt bundesweit kein Pflichtfach Wirtschaft. Die Kultusministerien sperren sich seit Jahren dagegen mit dem Argument, die Stundenpläne seien ohnehin schon überfrachtet. So wissen viele Schüler nicht, was Inflation ist oder wie Konjunkturzyklen verlaufen. "In der Schule findet viel zu wenig Wirtschaft statt", sagt Maike Thordsen, Lehrerin in der 5b. Sie selbst ist Wirtschaftsinformatikerin und hat früher als Unternehmensberaterin gearbeitet. "Die meisten Lehrer haben Furcht, Wirtschaft zu unterrichten. Viele haben das nicht studiert und keine Ahnung vom Wirtschaftsleben."

Die Lücke im Lehrplan füllen derweil Unternehmen sowie industrienahe Verbände und Stiftungen. Seit Jahren drängen sie verstärkt in die Schulen, wollen dort ihr Wissen über die Wirtschaft vermitteln. Früher kam höchstens mal ein Vertreter der örtlichen Sparkasse und erklärte das Planspiel Börse. Heute gibt es in Deutschland Schätzungen zufolge über 200 Projekte zur ökonomischen Bildung.

Die Schulen werden zugeschüttet mit Wettbewerben, Projekten und Papieren. Kontrolliert wird das alles nicht, im Gegensatz zu Schulbüchern. Dennoch greifen Lehrer gern zu. Über 1000 Unterrichtsbesuche haben etwa die Finance Coaches bereits absolviert. Lehrerin Thordsen lädt sie gern ein. Für die Schüler sei es "großartig, wenn Leute von außen kommen, die sehen wichtig aus, auf die hört man".

Bildungsökonomen und Verbraucherschützer dagegen sind alarmiert. Tim Engartner, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Uni Frankfurt, hält es für einen "Tabubruch", dass Unternehmen ihre Mitarbeiter in Schulen schicken. Diese "Firmenlehrkräfte", so Engartner, würden die Kinder "für ihre Zwecke indoktrinieren". Seine Kritik entzündet sich nicht allein an den Finance Coaches, sondern auch an den Unterrichtsmaterialien. Die seien "einseitig" und "fachdidaktisch defizitär": "Wenn die Kultusministerien das Material kontrollieren würden, würde keines davon in die Schulen kommen."

Die Verbraucherzentrale sieht das ähnlich. In ihrem Onlinematerialkompass zur Verbraucherbildung wird der fünfte Teil des MFC-Trainings zum "Umgang mit Risiken" mit der Note "ausreichend" bewertet. Das Material sei "an vielen Stellen tendenziös", Schüler sollten damit vom Nutzen privater Absicherung überzeugt werden. Das Training sei "nur bedingt unterrichtstauglich". Projektleiterin Tatjana Bielke stößt sich zudem an Firmenvertretern im Klassenzimmer: "Keiner kontrolliert, was die tatsächlich dort sagen. Das sind ja keine ausgebildeten Lehrer, sondern Mitarbeiter, die tendenziell die Interessen ihrer Firma vertreten."

MFC-Geschäftsführer Keller hingegen betont, alle Mitarbeiter, die Coach werden wollen, müssen eine halbtägige Schulung absolvieren und anschließend eine Wohlverhaltenserklärung unterschreiben, heißt, sie dürfen keine Produkte bewerben und keine Visitenkarten verteilen.

Die Unternehmen würden ihr Engagement als Teil ihrer Corporate Social Responsibility sehen, sie wollten ausdrücklich keine Produkte bewerben. "Wir schicken doch keinen Allianz-Vertreter in Schulen", stellt Keller klar. Die beanstandeten Materialien habe man nachgebessert, aber am Prinzip der Coaches will Keller unbedingt festhalten. "Wir wollen nicht nur Papier produzieren - wir wollen das Wissen auch vermitteln."

Stefan Notthoff und Andrea Dotterweich haben das 90 Minuten lang bewiesen, haben die Schüler motiviert und sich an die Regeln gehalten. Den Schülern der 5b werden sie als die zwei Menschen mit der schicken, schwarzen Kleidung in Erinnerung bleiben, die ihnen viel über Kaufverträge beigebracht haben.

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