Ein kleines Mädchen sitzt auf dem Boden neben ihrer Erzieherin, sie blättern in einem Buch. "Was ist das für ein Tier?" Die Betreuerin liest der Dreijährigen vor und spricht mit ihr über die Geschichte. Etwa 30 Studentinnen und drei Studenten der Alice-Salomon-Fachhochschule (ASFH) in Berlin folgen der Szene konzentriert und machen sich Notizen. Hinterher diskutieren sie: Hat die Erzieherin versucht, das Kind durch Fragen zu vollständigen Sätzen anzuleiten? Hat sie bestimmte Schlüsselworte wiederholt? Das ist es, was die angehenden Erzieher lernen sollen: Kinder nicht nur zu beschäftigen, sondern zu fördern.
Die ASFH war 2004 die erste deutsche Hochschule, die einen Studiengang für Erziehung und Bildung im Kindesalter anbot. Neben Österreich, Malta und der Slowakei ist Deutschland eines der letzten Länder Europas, in denen Erzieher noch immer größtenteils an Fachschulen ausgebildet werden und nicht an Universitäten. Nur knapp drei Prozent der Erzieher haben nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes einen Hochschulabschluss. Viel zu wenig, meint Wassilios Fthenakis, Professor an der Universität Bozen und Experte für frühkindliche Pädagogik: "Mädchen, die eine Ausbildung an einer Fachschule beginnen, sind einfach zu jung. Sie haben selbst nicht lange genug die Schule besucht und verfügen meistens nicht über die nötige persönliche Reife, die man braucht, um mit Kleinkindern zu arbeiten."
Familienministerin Ursula von der Leyen will in den kommenden sechs Jahren 750.000 Krippenplätze für Kinder schaffen. Noch ist unklar, wo die dafür benötigten Erzieher herkommen sollen. Fthenakis geht davon aus, dass es 20 Jahre dauern würde, den Bedarf zu decken, wenn ein ideales Betreuungsverhältnis berücksichtigt würde. Das sieht nach einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) einen Betreuer für fünf Kinder vor. Nach Berechnungen des Bundesfamilienministeriums ergibt sich hingegen lediglich ein Minus von etwa 30.000 Fachkräften. Rund 40.000 Erzieherinnen sind derzeit arbeitslos gemeldet. Damit sei "rein rechnerisch der Bedarf gedeckt", sagt Hermann Kues, Staatssekretär im Bundesfamilienministerium.
Doch es geht nicht allein um Quantität, sondern auch um Qualität - das wiederholt selbst auch Ursula von der Leyen immer wieder. Genau daran fehlt es bisher. "Kindergärten dürfen nicht Aufbewahrungsort sein", sagt Iris Nentwig-Gesemann, Professorin an der ASFH. "Sie haben einen Bildungsauftrag, der von qualifizierten Experten erfüllt werden muss, deren Ausbildung ebenso anspruchsvoll ist wie die von Lehrern."
Viele private Kitas achten schon jetzt auf die Qualifikation ihrer Erzieher, für Monatsbeiträge von bis zu 1000 Euro erwarten die Eltern ein stimmiges Bildungskonzept. Beim Franchiseunternehmen Kindervilla aus Dresden müssen Erzieher einen Hochschulabschluss vorweisen. Dafür zahlen die Betreiber auch ein höheres Gehalt. Wie viel will eine Sprecherin auf Nachfrage aber nicht sagen. Andere Anbieter organisieren eigene Fortbildungen für ihre Mitarbeiter. Öffentliche Angebote zur Weiterbildung gibt es kaum, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung bestätigt. Die meisten Kurse dauern lediglich ein bis zwei Tage - viel zu kurz, um wirklich Kompetenz zu vermitteln, so das Fazit der Studie.
Teil 2: Eine höhere Qualifikation muss auch besser bezahlt werden