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Merken   Drucken   08.08.2005, 18:37 Schriftgröße: AAA

Deodorant für Schweine

Amerikanische Forscher haben eine Lösung gefunden, die den stechenden Geruch im Stall und auf dem Feld verschwinden lässt: Ein Enzymgemisch kann als Killer von Fäkalgerüchen eingesetzt werden. von Volker Mrasek
Schweine müssen nicht stinken: Dagegen hilft ein Enzymgemisch. Ein ...   Schweine müssen nicht stinken: Dagegen hilft ein Enzymgemisch. Ein Duftbaum, wie in der FTD-Montage, bringt nichts
Der Flüssigdünger fließt von selbst. Ferkel und Mastsauen lassen ihn ungeniert durch die Gussroste unter ihren Klauen plumpsen. Dann rinnt das trübe Kot- und Harngemisch bis in die Jauchegrube, wo es der Landwirt später in seinen Tankwagen pumpt, um damit aufs Feld zu fahren.
Kleinvieh macht viel Mist, und man könnte die Produktion und Wiederverwertung der tierischen Exkremente als Musterbeispiel für gelungene Kreislaufwirtschaft im Agrarsektor betrachten. Wenn da nicht ein kleines kosmetisches Problem wäre: Die "Gülle" stinkt gewaltig. Für Anwohner in Ackernähe ist der Geruch bisweilen unerträglich.
Gewürz-Deo besiegt Stallluft
Zum Glück sind sich Wissenschaftler nicht zu schade, ihre Nase auch in die delikatesten Dinge zu stecken. So kann der Umweltchemiker Jerzy Dec jetzt von einem spürbaren Erfolg berichten: Der Forscher von der Pennsylvania State University in den USA glaubt, eine Art Gewürz-Deo gefunden zu haben, mit dem sich der stechende Odor in Stallluft und Jauche stark abschwächen lässt.
Dec befüllte einen Laborreaktor mit Schweinegülle und behandelte die Probe mit einer Mixtur aus Meerrettich-Wurzel und Wasserstoffperoxid-Lösung. Dem Chemiker kam es darauf an, ein in der Gewürzpflanze vorkommendes Enzym auf diese Weise zu aktivieren. Wie er sagt, hatte ihm diese Peroxidase vorher gute Dienste bei der Eliminierung von Umweltgiften in Böden und Gewässern geleistet.
Killer von Fäkalgerüchen
Offenbar taugt das Enzym auch zum Killer von Fäkalgerüchen: Dec "bemerkte sofort einen Unterschied". Seine Arbeitsgruppe lud daraufhin professionelle Aromatester ein. Die wagten eine quantitative Bewertung. "Nach ihrem Urteil war die Geruchsintensität um die Hälfte reduziert", sagt der US-Forscher. Dec plant nun weitere Versuche in größeren Reaktoren, und möchte sein Gewürz-Deodorant auch an Jauche aus Hühner- und Rinderställen testen.
In der Praxis würden Landwirte dann eine Meerrettich-Peroxid-Lösung kaufen und die Gülle damit tränken. "Das Verfahren ist simpel und wäre nicht teuer", sagt Dec. Die Peroxidase knackt "Phenole". Zu dieser organischen Stoffgruppe zählen viele jener Substanzen, die für den strengen Geruch der Exkremente verantwortlich sind. Sie entstehen bei der Verdauung des Futters und während der Lagerung der Jauche.
Zusätzlich entweicht aus der Gülle aber auch reichlich Ammoniak. Die übel riechende Stickstoffverbindung spaltet sich vom Harnstoff im Schweineurin ab. Das lässt sich zum Teil durch eine angepasste Fütterung vermeiden. Praxisversuche zeigten, dass die Ammoniak-Ausdünstung um 20 bis 40 Prozent zurückgeht, wenn das Futter weniger Roheiweiß enthält.
"Erhebliches Marktpotenzial"
Der Urin ist dann nicht so harnstoffreich. Für einen ähnlichen Effekt sorgt die Beimischung von Futterzusätzen, die gezielt den pH-Wert, also den Säuregrad, des Schweineharns absenken. Als hilfreich hat sich die Zugabe von Benzoesäure erwiesen. Sie ist bekannt als Lebensmittel-Konservierungsstoff und kommt in Heidelbeeren, Preiselbeeren und vielen Baumharzen vor. In der Schweiz werden solche Futtermischungen bereits vertrieben.
Ein "erhebliches Marktpotenzial" für geruchsmindernde Zusätze sieht auch Jochen Hahne von der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft. Der Braunschweiger Experte rechnet mit weiteren Produktentwicklungen, gibt aber zu bedenken, "dass die chemische Beseitigung von Geruchsstoffen" aus Tierhaltung und Düngerausbringung "schwierig ist". Immerhin habe man es mit 30 verschiedenen Einzelsubstanzen zu tun.
Ein weiteres Problem: Bekommt man Landwirte überhaupt dazu, Geld für die Deodorierung ihrer Ställe und Felder auszugeben? In den USA, glaubt Jerzy Dec, dürfte die Bereitschaft dazu wachsen. In Nebraska sei kürzlich erstmals ein Schweinemastbetrieb verpflichtet worden, Anwohnern Entschädigungen zu zahlen - wegen des "beinahe erstickenden Gestankes" in seiner Umgebung.
  • Aus der FTD vom 09.08.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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