In wenigen Jahren sollen sich auch Supertanker von einem "Skysail" über die Ozeane ziehen lassen
Träge dümpelt die "Jan Luiken" vor sich hin. Eine Windbö entfaltet einen überdimensionalen Lenkdrachen, der am Bug gebaumelt hat und nun an einer Leine emporsteigt und in rasanten Achten über den klaren Herbsthimmel zu tanzen beginnt.
Das Startmanöver, vor einigen Tagen erstmals auf der Ostsee vor Wismar erprobt, ist die Nagelprobe für einen neuen Schiffsantrieb: Die von der Firma Skysails entwickelten Lenkdrachensysteme sollen bald auf Frachtern und Motoryachten bis zu 50 Prozent Treibstoff sparen und die Menge der schädlichen Abgase reduzieren.
"Was kann besser sein als Treibstoff sparen, die Schiffe schneller machen und die Umwelt schonen", sagt Michael Schwarz von der Oltmann-Gruppe, einem Schiffsfinanzierer. Das als konservativ bekannte Unternehmen tritt bei Skysails als Venture Capital-Finanzier auf, zum ersten Mal in der knapp 30-jährigen Firmengeschichte.
Es winken satte Gewinne
Dem vier Jahre jungen Startup-Unternehmen Skysails, das in einem auf schnieke renovierten ehemaligen Getreidespeicher im Hamburger Hafen logiert, winken satte Gewinne, wenn der Drachen es bis zur Serienreife schafft. Das Segel spart nicht nur teuren Schiffsdiesel, sondern auch bares Geld: Im Mai hat die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) der Vereinten Nationen beschlossen, dass Reeder künftig für zu hohe Emissionen ihrer Schiffe zahlen müssen.
Für einen Reeder, so die Kalkulation von Skysails, amortisiert sich die Anschaffung der mehrere Millionen Euro teuren Frachtschiff-Ausgabe in drei bis fünf Jahren. "Zwei Drittel aller Schifffahrtswege sind sehr geeignet", sagt Stephan Wrage, Chef und Gründer von Skysails. "Wir gehen von einer durchschnittlichen Nutzungsdauer von 55 Prozent aus."
Bis dahin ist es noch ein langer Weg - etwa im Jahr 2010, so schätzt Wrage, könnten die ganz großen automatischen Drachen startklar sein. Sie müssten 2500 Quadratmeter messen, das ist etwa ein Drittel eines Fußballfeldes.
Autopilot statt Absturz
Ein wichtiges technisches Problem hat Skysails allerdings bereits gelöst. Wie jeder Freizeitdrachenpilot weiß, kracht das Fluggerät in Windeseile zu Boden, wenn man einen Augenblick nicht aufpasst. "Würde unser Drachen abstürzen, so wäre er verloren", sagt Wrage. "Er würde sich mit Wasser füllen und wäre zu schwer zum Herausheben." Deshalb haben die Ingenieure einen Autopiloten erfunden, Steuergondel genannt. Der zwei Schuhkarton große Kasten steckt voller Elektronik und Motoren und lenkt die Geschicke des Schirms. Dieser wiederum ist mit Sensoren gespickt und gibt dem Autopiloten die jeweils nötige Rückmeldung. Lässt der Wind plötzlich nach, holt ihn die Winde schnell genug ein, um den Sturz ins Meer zu verhindern.
Auf hoher See soll der Drachen 300 Meter über dem Schiff seine Pirouetten drehen. "Dort oben weht der Wind deutlich stärker, er wird nicht durch die Erdoberfläche abgebremst", erläutert Wrage. Durch die computergesteuerten Kapriolen entsteht ein flugzeugähnlicher Tragflügeleffekt, dessen Sog den Drachen weiter vorantreibt. "Ein Drachen produziert bis zu fünfmal so viel Energie wie ein normales Segel", sagt Wrage. Ab drei Windstärken funktioniert die Sache, bei acht bis neun ist Schluss, aus Sicherheitsgründen. Drachengetriebene Frachter könnten bis zu 70 Grad am Wind gefahren werden, bei Yachten wären 50 Grad möglich - nur bei Gegenwind ist die Technik nutzlos.
Hat der Schirm seinen Dienst getan, spult ihn die Winde zurück an Bord und klinkt ihn am Kran ein. Dann kann er gerefft und verstaut werden. "In der Entwicklung des Start-Lande-Systems lag die Hauptarbeit", betont Wrage. "Jetzt sind wir soweit, dass die Technologie in ihrer Basisanwendung funktioniert - das haben die jüngsten Tests mit dem Lotsenboot bewiesen."
30 Prozent mehr Speed
Bevor Skysails sich an die ganz großen Pötte wagt, sollen im kommenden Jahr zwei oder drei Luxus-Motoryachten mit der Technik ausstaffiert werden. Die entsprechenden Fluggeräte sind um die 40 Quadratmeter groß und sollen 2007 zu Preisen ab 200.000 Euro in den Handel kommen. Spritsparen ist für die Luxusyachten-Klientel zwar kaum von Bedeutung, aber dank Skysails sind größere Reichweiten und lärmreduziertes Cruisen möglich - und wenn es sein muss auch bis zu 30 Prozent mehr Speed.
Nach den Luxusyachten sollen kleinere Frachtschiffe ausstaffiert werden, bis dahin bleibt allerdings noch einiges an Entwicklungsarbeit zu tun. So verlangt der raue Alltag der Handelsschiffer ein deutlich haltbareres Drachenmaterial als das bislang verwendete Nylon. Und gefordert ist ein Start-Lande-System, das vollautomatisch und ausfallsicher funktioniert. Beim jetzigen Prototyp müssen die Seeleute noch selbst Hand anlegen, um den Drachen zu starten und zu bergen - machbar für den Skipper einer Luxusyacht, inakzeptabel bei einem personell knapp besetzten Containerriesen. Denn außer Öl müssen selbstverständlich auch Personalkosten gespart werden.
Sparpotenzial
100 Tonnen Schiffsdiesel schluckt ein mittelgroßer Frachter auf großer Fahrt, Tag für Tag. Die Welthandelsflotte bringt es pro Jahr auf 130 Millionen Tonnen und bläst so viele Schadstoffe in die Luft wie die gesamten USA. Wenn die Kalkulation von Skysails zutrifft, könnten Reeder die Hälfte der Treibstoffkosten einsparen.
Abgase sollen auch auf den Weltmeeren in Zukunft eine Verschmutzungsgebühr kosten. Im Mai hat die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) der Vereinten Nationen eine Verordnung in Kraft gesetzt, nach der die Reeder künftig für zu hohe Frachtschiff-Emissionen zahlen müssen.
Marktreif für größere Schiffe ist die Skysails-Technik erst in ein paar Jahren. Ein reißfesterer Stoff als Nylon und vollautomatische Start- und Landemanöver sind Bedingung für den Einsatz jenseits von Luxusyachten.