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Merken   Drucken   21.11.2005, 19:17 Schriftgröße: AAA

Die Befreiung der Kartoffel  

Nach "Linda" wird auch die Kartoffelsorte "Sieglinde" vom Markt genommen. Wissenschaftler plädieren für einen freieren Umgang mit Copyright-geschützten Pflanzen. von Maren Wernecke
Aufkleber: Rettet Linda!   Aufkleber: Rettet Linda!
Der Vollzugsbeamte kam mit Siegel und Plombierzange, und er wollte alles ganz genau mit ansehen: Die Erntemaschine, den Kartoffelberg im Anhänger, und den Bauern. Am Abend hat er alle Kartoffeln weggesperrt. Tonnenweise Linda, illegal vermehrt, aus dem Verkehr gezogen wie raubkopierte CDs.
Das Ende der Kartoffelsorte Linda sei "ein Routinevorgang", sagt Jörg Renatus, Geschäftsführung der Pflanzenzüchtungsfirma Europlant, der alle Rechte an der Knolle gehören. "Eine Entmündigung der Verbraucher", grummeln die Bauern.
Der Streit, meist als Kartoffelposse unterschätzt, ist ein Vorgeschmack auf eine Auseinandersetzung, die in Zukunft die Landwirtschaft prägen wird. Auf der einen Seite stehen Unternehmen, die Millionen in die Entwicklung neuer Pflanzensorten stecken, auf der anderen Bauern, Verbraucher und Wissenschaftler, die an Vielfalt und unkompliziertem Zugriff auf neue Pflanzensorten interessiert sind.
Urheberrecht für die Kartoffel
Ähnlich wie Bücher und Musik ist Pflanz- und Saatgut durch eine Art Urheberrecht geschützt: Wer eine neue Kartoffel wie Linda entwickelt, darf Lizenzgebühren verlangen. Bei Kartoffeln läuft der so genannte Sortenschutz nach 30 Jahren aus. Kurz vor Ablauf dieser Frist kann der Rechteinhaber seine Züchtung mit einem Trick vom Markt verschwinden lassen: Die Zulassung wird aufgehoben, so, wie es Europlant mit Linda getan hat und auch mit der seit 1935 gepflanzten Sieglinde tun wird.
Für Geschäftsführer Renatus eine Frage der Ökonomie. "Sieglinde ist wirtschaftlich uninteressant", sagt er ohne eine Spur von Sentimentalität, "wir haben sie in letzter Zeit nur noch mitgeschleppt." Hinzu kommt, dass seine Pflanzenzuchtfirma Geld mit der Linda-Rivalin Belana verdienen möchte, die nach Aussagen von Europlant stabilere Kocheigenschaften bietet.
"Betrug an der Allgemeinheit"
"Es ist ein Betrug an der Allgemeinheit, gute Sorten vom Markt zu nehmen", empört sich Biobauer Karsten Ellenberg, der an vorderster Front für Linda kämpft. "Warum lässt Europlant den Verbraucher nicht entscheiden?" Linda müsste nach 30 Jahren der Öffentlichkeit gehören - was wohl auch die drei Bauern so gesehen haben, die nach dem Raubkopier-Versuch Bekanntschaft mit der Staatsgewalt machen mussten.
Die störrischen Bauern können die Unterstützung von Wissenschaftlern zählen. "Nach Ablauf des deutschen Sortenschutzes hat sich die Investition in die Züchtung des Saatguts ausgezahlt. Dann sollte die Sorte wirklich frei für alle sein.", sagt Marie Porceddu vom australischen Agrarforschungsinstitut Cambia. "Züchter, Bauern und Verbraucher würden am besten fahren, wenn sie unter möglichst vielen Sorten wählen könnten."
Vorbild Open-Source
Cambia wird unter anderem von der Rockefeller-Stiftung gefördert und sucht gezielt nach neuen Lizenzmodellen für Agrarforschung und Gentechnologie. Die Lizenzen sollen Forschung und Landwirtschaft weniger behindern als Patente oder Sortenschutz und zugleich den Züchten genügend Anreiz bieten, damit sie Geld in die Entwicklung neuer Varianten stecken. Vorbild ist die Open-Source-Bewegung, die bei der Herstellung von Computersoftware mittlerweile eine große Rolle spielt. Großkonzerne wie Hewlett-Packard oder IBM finanzieren freie Software wie Linux, weil sie eine gute Ergänzung zu eigenen Produkten ist.
Open Source in der Landwirtschaft müsste die Sortenvielfalt erhalten und das Wissen über diese Sorten der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. "Genau so, wie Softwarefirmen durch Konkurrenz von Open-Source-Software ihre Produkte besser, schneller und offener gemacht haben, können auch andere monopolistische Firmen angeregt werden, ihre Praxis zu ändern", sagt Porceddu.
Die Forschungsergebnisse von Cambia zum Beispiel werden unter einem Lizenzmodell vermarktet, das sowohl kommerzielle als auch kostenlose Nutzung zulässt. Wer mit Hilfe der von Cambia entwickelten Transbacter-Methode neue Pflanzen züchtet, muss nur dann Lizenzgebühren an das australische Institut zahlen, wenn er die neuen Pflanzen kommerziell nutzt. Für die Forschung, den Hausgebrauch oder auch eine kostenlos nutzbare neue Pflanzensorte wäre die Technologie gratis.
Ganz so weit ist man in Deutschland noch nicht - Bauer Ellenberg, einer der Linda-Rebellen, will zur Not selbst eine Lizenz für die Kartoffelsorte beantragen, um die Knolle weiter anbauen zu dürfen.
Das Linux-Modell Grundlagen wie Gentransfer in Pflanzenzellen oder ein Betriebssystem brauchen alle Entwickler und Unternehmen gleichermaßen.
Freier Austausch von solchen Technologien sorgt dafür, dass Entwicklungsetats für wichtigere Projekte verwendet werden können.
Konkurrenz durch Gratisprodukte spornt kommerzielle Anbieter an.
Das Windows-Modell Forschen lohnt sich nur, wenn man das investierte Geld plus Rendite wieder hereinbekommt.
Saatgut, aber auch Software und andere Erfindungen werden daher mit Patenten und ähnlichen Monopol-Garantien geschützt.
Freier Austausch von Erkenntnissen und Entdeckungen wird durch diese Regelung aber behindert.
  • Aus der FTD vom 22.11.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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