Bevor er Studenten Geld leihen wollte, hat Peter Speck sich erst mal in eine Cafeteria der Uni Stuttgart gesetzt und sich an seine Studienzeit erinnert. Dabei fiel ihm weniger die Vorlesung zur Produktionstheorie ein als vielmehr eine Betriebsbesichtigung bei Opel. Frühzeitiger Kontakt zur Berufspraxis - davon profitieren Studenten am meisten, sagt Speck, jahrelang Personalleiter bei Festo in Esslingen.
Heute ist er verantwortlich für den weltweit ersten firmeneigenen Bildungsfonds, den die Unternehmerfamilie Stoll mit 5 Mio. Euro ausgestattet hat. Über den Fonds werden seit vergangenem Herbst 23 ausgewählte Studenten in technischen und ingenieurwissenschaftlichen Fächern gefördert; sie können jeweils bis zu 40.000 Euro erhalten, um Studium und Lebenshaltung zu finanzieren.
Die Rückzahlung erfolgt, wie bei Bildungsfonds üblich, wenn die Absolventen später berufstätig sind. Dann zahlen sie über einen vorher festgelegten Zeitraum einen bestimmten Prozentsatz, meist zwischen 3 und 15 Prozent, zurück. Bildungsfonds schneiden im CHE-Studienkredittest besonders gut ab, weil sie oftmals fairer und flexibler sind als Bankkredite.
Das Besondere an dem Festo-Fonds ist nicht allein die Vorfinanzierung durch ein einzelnes Unternehmen, sondern ein Netzwerk von derzeit 13 Firmen, darunter Dräger und Heidelberger Druck, die den geförderten Studenten Praktika, Vorträge und Kontakte zu Managern anbieten. Dadurch bekommen diese frühzeitig Zugang zu qualifizierten Nachwuchskräften.
Für Festo hingegen ist der Fonds ausdrücklich "kein Rekrutierungsinstrument": "Von mir aus können die später auch bei Daimler arbeiten", sagt Speck, er sieht das Engagement des Unternehmens vielmehr als "Corporate Educational Responsibility". "Wir wollen ein positives Branding setzen und Studenten Zugang zu verschiedenen Branchen ermöglichen." Andererseits, gibt er zu, "wenn sich ein Absolvent bei uns verläuft, nehmen wir den auch gern."
Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels wandeln sich Bildungsfonds von der reinen Kapitalanlage zu einem Bewerberpool; Unternehmen investieren und rekrutieren. Mittlerweile kommt kein Anbieter von Bildungsfonds mehr ohne berufliche Unterstützungsmaßnahmen aus. "Für Studenten ist das extrem wichtig", sagt David Schmutzler, Vorstandsvorsitzender des Marktführers Career Concept, der zehn Fonds mit einem Volumen von insgesamt 32 Mio. Euro verwaltet. Auch der Festo-Fonds wird von Career Concept betreut.
"Wir sind ebenso wie die Investoren daran interessiert, dass die Studenten einen guten Job finden", sagt Schmutzler. Deshalb siebt Career Concept im Vorfeld auch stark aus: Nur jeder zehnte Bewerber wird gefördert, derzeit 2500 Studenten. Nur wer später viel verdient, zahlt viel an den Fonds zurück. Das erhöht die Rendite für Anleger, die derzeit mit gut sieben Prozent rechnen dürfen. Und auch für den Fondsverwalter, dessen Provision an die Rendite gekoppelt ist. Noch sei das Placement für Firmen kostenlos, doch für die Zukunft sieht Schmutzler da "ein neues Geschäftsfeld".
Auch Frank Steinmetz, Vorstandschef des Mitbewerbers Deutsche Bildung, setzt von Beginn an auf ein sogenanntes Guidance-Programm, mit dem die aktuell 150 geförderten Studenten fit für den Job gemacht werden sollen. Er sieht das als "Werttreiber für den Fonds": "Wenn ein Absolvent mit fünf Prozent mehr Gehalt einsteigt, weil er gelernt hat, sein Gehalt gut zu verhandeln, dann profitiert er davon", sagt Steinmetz, "und zugleich erhöht das den Wert des Fonds."
So sieht denn auch Career Concept "das größte Potenzial" in sogenannten unternehmensspezifischen Fonds. Fonds, die von Unternehmen gefüllt werden für Studenten bestimmter Fachrichtungen. "Wir sind auf breiter Front in Gesprächen", sagt Schmutzler, "und werden demnächst weitere Fonds für Ingenieure auflegen."
Steinmetz von der Deutschen Bildung ist das Risiko bei unternehmensspezifischen Fonds allerdings "zu groß", sagt er, weil es zu abhängig mache von einzelnen Berufsgruppen. Er bündelt daher Studenten aller Fachrichtungen im Studienfonds I, der ein Zielvolumen von 20 Mio. Euro hat. Im März waren jedoch erst 4 Mio. Euro drin. Trotzdem wird im Sommer ein weiterer Fonds im Wert von 50 Mio. Euro aufgelegt, vor allem für institutionelle Anleger. "Für die sind Studenten eine attraktive Anlage", sagt Steinmetz, "weil die Wertentwicklung an die Gehälter gekoppelt ist und nicht den Schwankungen des Aktienmarkts unterliegt."