Mehr als jeder dritte EU-Bürger leidet mindestens einmal im Jahr an einer psychischen oder neurologischen Störung. Besonders häufig treten Angsterkrankungen, Depressionen und Schlaflosigkeit auf. Das ergab die bislang größte Studie zum Thema.
"Es gab lange die Annahme, dass psychische und neurologische Störungen nur das Schicksal einzelner Personen sind. Das ist vollkommen abwegig", sagte der deutsche Studienleiter Hans-Ulrich Wittchen (TU Dresden) bei der Vorstellung der Ergebnisse in Paris. "Warum sollte das Gehirn im Gegensatz zum Rest des Körpers gesünder sein, obwohl es um ein Vielfaches komplexer ist als andere Organe?" Niemand wundere sich, wenn er einmal im Jahr zum Arzt gehen müsse, weil er eine Erkältung oder etwas am Magen habe.
Die Gesamtzahl der pro Jahr betroffenen Menschen in der EU und den Ländern Schweiz, Norwegen und Island schätzen die Experten nach einer umfassenden Metaanalyse vorhandener Daten auf 164,8 Millionen Menschen. Allein 61,5 Millionen Menschen leiden demnach an Angststörungen, rund 30,3 Millionen unter Depressionen und 6,3 Millionen an Demenzerkrankungen. Nicht ganz so häufig sind der Analyse zufolge Krankheiten wie Alkoholsucht (14,6 Millionen) oder Essstörungen (1,5 Millionen). Neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Morbus Parkinson oder Multiple Sklerose wurden im Gegensatz zur Demenz in dieser Statistik nicht berücksichtigt. Sie würden die Prozentzahl noch einmal erhöhen, schreiben die Autoren.
"Das Besondere an psychischen oder neurologischen Störungen ist, dass sie im Gegensatz zu Stoffwechselerkrankungen oder Krebserkrankungen nur äußerst selten adäquat behandelt werden", sagte der an der Technischen Universität Dresden forschende Psychologe Wittchen. Nach der Auswertung der Daten würden in Europa nur zehn Prozent aller psychischen Störungen "minimal adäquat" behandelt. Selbst die besten Gesundheitssysteme, zu denen auch das deutsche gehöre, schafften es bestenfalls, jeden zweiten Patienten einigermaßen gut zu behandeln.
Ein Kapazitätsproblem ist dies nach Einschätzung der Forscher nur bedingt. "Würde man die Zuweisung von vorhandenen Ressourcen und die Möglichkeiten optimieren, dann würde man durchaus in der Lage sein, ohne Mehrkosten eine ähnlich befriedigende Situation zu erreichen wie bei Diabetes oder Herzerkrankungen", sagte Wittchen.
Als "politischen Fehler" sieht der Dresdner den Forschungsschwerpunkt der vergangenen Jahre. Dieser sei stark auf besonders dramatische Störungsbilder wie Depressionen und nachfolgende Suizide ausgerichtet gewesen, obwohl Depressionen oft infolge von anderen Erkrankungen auftreten würden.
Teil 2: "Wie ein Krebs, den keiner wahrnimmt"