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Merken   Drucken   15.06.2005, 21:48 Schriftgröße: AAA

Fliegender Wellenwechsel

Das wäre doch toll: Wer mit dem Taxi auf dem Weg zum Flughafen ist, fängt schon mal an, sich per Laptop und UMTS eine Datei herunterzuladen. Im Terminal angekommen, übernimmt dann das sehr viel schnellere W-Lan den umfangreichen Download - ohne dass der Benutzer von diesem Netzwechsel etwas mitbekommt. von Patrick Bernau
Funken nach Maß   Funken nach Maß
UMTS, GPRS, W-Lan und sein Nachfolger Wimax - um diese vielen Kürzel brauchen sich Mobilfunknutzer bald nicht mehr zu kümmern. "Der Kunde ist nicht interessiert an der Technologie, sondern daran, dass sein E-Mail-Programm immer gleich aussieht und immer gleich funktioniert", sagt Klaus-Dieter Kohrt, Lobbyist bei Siemens Communications. Deshalb ist das Ziel der Entwickler klar: Notebook und Handy suchen sich automatisch die schnellste oder billigste Verbindung - und wenn eine wegfällt, wechseln sie nahtlos zu einer anderen.
Ein erster Schritt in diese Richtung ist bereits gemacht: Am Mittwoch hat British Telecommunications den neuen Dienst BT Fusion vorgestellt. Mit einem neuen Telefon können die Nutzer ihr Gespräch zu Hause oder im Büro über eine Basisstation am Festnetz führen - wenn sie den Raum verlassen, geht das Telefonat im Handynetz weiter.
Billiger telefonieren
BT Fusion ist eine frühe Umsetzung der UMA-Technik (Unlicensed Mobile Access), die 14 große Mobilfunkunternehmen entwickelt haben. Das funktioniert so: Die Gespräche laufen immer über die Leitungen des Handyanbieters. Wenn das Telefon unterwegs ist, kommen die Gespräche wie sonst über einen Mobilfunkmast. Ist das Telefon zu Hause in Reichweite seiner Basisstation, dann leitet der Handyanbieter das Gespräch durch das Festnetz oder das Internet auf die Basisstation. Das entlastet die Mobilfunkantennen und macht das Telefonieren billiger.
UMA ist jedoch nur für Telefonate sinnvoll, für Datenverbindungen eignet sich das Verfahren kaum. Deshalb hängen nicht einmal die Erfinder an dieser Technik. UMA sei vor allem für Gegenden gedacht, in denen Handynetze überlastet sind, sagt Siemens-Mann Klaus-Dieter Kohrt. Ansonsten setzen die Entwickler auf eine andere Technik.
Der Trend geht dahin, dass Mobilfunknetze nur noch Internetanschlüsse bereitstellen. Telefongespräche würden dann ähnlich funktionieren wie Internettelefonie heute - mit dem Unterschied, dass die Daten über die Luft statt durch das Kabel kommen.
Umstellung dauert zehn Jahre
W-Lan und UMTS unterscheiden sich dann hauptsächlich in der Art, wie sie die Frequenzen nutzen. Zehn Jahre werde es dauern, bis alle Mobilfunknetze vollständig umgestellt sind, glaubt der Chef der Abteilung Next Generation Network Integration beim Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme (Fokus), Thomas Magedanz. Die ersten Mobilfunknetze könnten aber schon 2007 so funktionieren, dass der Nutzer während eines Downloads von einer W-Lan-Verbindung zu UMTS wechseln kann, prognostiziert Nokia-Manager Olli Oittinen.
Die Umstellung auf Internettechnik würde Handys flexibler machen. Was es im Internet gibt, wäre leicht auf den Mobilfunk übertragbar: Chatprogramme, Videokonferenzen, selbst Spiele. Und wer auch zu Hause über das Internet telefoniert, müsste nur noch ein Adressbuch auf dem neusten Stand halten - denn auch das Handy kann darauf zugreifen.
Im Standardisierungsgremium 3rd Generation Partnership Project (3GPP) arbeiten die Mobilfunkunternehmen gerade an einer Plattform namens IP Multimedia System (IMS), die solche Angebote koordinieren kann. "IMS ist es egal, ob ein Anwender UMTS, W-Lan oder DSL benutzt, um ins Netz zu kommen", sagt Techniker Dieter Schuler vom Telekommunikationsausrüster Lucent.
Im Fraunhofer-Institut Fokus testen Ausrüster und Softwarehersteller IMS. "Die Technik ist der letzte Versuch, sich dem Flatrate-Internet entgegenzustellen", sagt Thomas Magedanz. Wenn die Benutzer IMS nicht annehmen, würden die Mobilfunknetze auf Dauer zu einem reinen Internetanschluss für unterwegs - und damit könnten die Anbieter kaum Geld verdienen.
Ob mit oder ohne IMS - den nötigen Internetanschluss bereitzustellen ist nicht so einfach, wenn der Nutzer nahtlos von einem W-Lan-Hotspot zum UMTS-Zugang wechseln will. Denn im Internet hat jeder Computer und jedes Telefon eine eigene Adresse, genannt IP-Nummer. Wenn das Telefon nun im Gespräch von einem W-Lan-Hotspot zu einem UMTS-Mast wechseln muss, erhält es eine neue IP-Nummer - und schon weiß das Telefon beim Gesprächspartner nicht mehr, wohin es seine Daten schicken soll.
Nachsendeauftrag für Datennetze
Dagegen soll die "Mobile IP"-Technik helfen, eine Art Nachsendeauftrag für Datennetze: Der Gesprächspartner schickt das Telefonat einfach an die alte Adresse aus dem W-Lan, und der Hotspot leitet die Daten an die neue Adresse. Das ist nicht sehr effizient. Deshalb will die Bremer Professorin für Kommunikationsnetzwerke Carmelita Görg erreichen, dass die beiden beteiligten Telefone einander ihre neuen Adressen direkt mitteilen können. Aber das funktioniert mit der aktuellen Internettechnik nur schwer - vor allem Sicherheitssysteme sind auf diese Technik oft noch nicht vorbereitet. Deshalb könnten die Telefonate dabei abbrechen.
Gleichzeitig arbeitet Görgs Team schon am nächsten Schritt: Die Wissenschaftler wollen Handys und Computern beibringen, zwei Techniken auf einmal zu nutzen. Die Idee: Wenn der Laptop sich nicht mehr zwischen UMTS und W-Lan entscheiden muss, sondern über beide gleichzeitig kommunizieren kann, ist er am schnellsten.
  • Aus der FTD vom 16.06.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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