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  FTD-Serie: 101 Köpfe der deutschen Forschung

Wer steckt hinter wegweisenden Entwicklungen und Techniken der Zukunft? Wer bringt den Forschungsstandort Deutschland maßgeblich voran? Wir stellen die führenden Akteure in Wissenschaft und Forschung vor.

Merken   Drucken   28.03.2005, 18:34 Schriftgröße: AAA

Forsche Geister

100-mal hat die Financial Times Deutschland über Spitzenforscher berichtet. Die Porträts geben viele Hinweise, was ihren Erfolg ausmacht. Zum Abschluss der Serie präsentiert die FTD wichtige Karrierefaktoren. von Christian Herbst
Viele von ihnen haben merkwürdige Erinnerungen an ihre Kindheit: Da haben sie sich beim Aus-Versehen-Kurzschluss die Finger verbrannt, aus lauter Neugier Insekten gequält oder in der elterlichen Küche mittelschwere Explosionen herbeigeführt. So was muss wohl durchlebt haben, wer später einmal ein erfolgreicher Wissenschaftler werden will. Denn was die "Köpfe der deutschen Forschung" verbindet, die wir an dieser Stelle im vergangenen halben Jahr präsentiert haben, ist ihre unbändige Neugier, ihr unbedingtes Interesse an den Phänomenen der Natur.
"Die spinnen, die Forscher", mag da manch einer denken, der heute noch damit prahlt, Physik in der Schule frühzeitig abgewählt zu haben. Aber: Nur die pure Lust am Entdecken, am Grübeln und am Entwickeln kann die Innovationen bringen, die dieses Land so nötig hat und die den Wohlstand langfristig sichern. Die "Köpfe der deutschen Forschung" stehen für diese Innovationen. Ob die Wissenschaftler nun im Labor Grundlagen für Zukunftstechnologien schaffen, unmittelbar neue Techniken entwickeln oder aber als Forschungsmanager agieren.
So unterschiedlich die 100 porträtierten Persönlichkeiten auch sind - einige Eigenschaften sind offenbar für die allermeisten Wissenschaftler nützlich. Es sind Charakterzüge, die ganz maßgeblich mit darüber entscheiden, ob einer zum Spitzenforscher taugt oder nicht.
Martin Grötschel, Mitglied im Nominierungsausschuss für den ...   Martin Grötschel, Mitglied im Nominierungsausschuss für den Leibniz-Preis
Leidenschaftliche Menschen
Ohne das innere Feuer geht es nicht. Wie ließe sich sonst schier endloses Zahlenmaterial geduldig auswerten, wie ließen sich sonst für normale Menschen unlösbar erscheinende Fragestellungen unermüdlich überdenken und diskutieren?
"Die haben wirklich Freude an ihrer Arbeit", sagt Martin Grötschel über die besten Köpfe im Land. "Sie haben ein Thema gefunden, das sie für das Wichtigste auf der Welt halten." Der Sprecher des Forschungszentrums "Mathematik für Schlüsseltechnologien" der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) muss es wissen, denn er ist im Nominierungsausschuss für den renommierten Leibniz-Preis, die mit 1,55 Mio. Euro höchst dotierte Auszeichnung für Forscher in Deutschland. "Die müssen brennen für ihr Fach", sagt Eva-Maria Streier, die als Pressechefin der DFG seit vielen Jahren Wissenschaftlerkarrieren beobachtet.
Frank Kirchner, Roboter-Experte   Frank Kirchner, Roboter-Experte
Akribische Arbeiter
Viele Forscher berichteten den FTD-Autoren davon, wie sie die Begeisterung für ihr Forschungsthema regelrecht vorantreibt. Nach Feierabend einfach mal abschalten? Für viele Spitzenforscher völlig undenkbar. Eigentlich, so sagt der Bremer Roboter-Experte Frank Kirchner, denkt er immer über sein Fachgebiet nach. "Sieben Tage, 24 Stunden."
Was die Wissenschaftler über ihre kreativsten Phasen erzählten, spricht für sich. Ihre besten Einfälle haben die Forscher nicht bei der täglichen Arbeit im Labor, sondern bei anderen Gelegenheiten: auf ausgedehnten Spaziergängen, beim gemütlichen abendlichen Zusammensitzen oder auch mal mitten in der Nacht im Bett. Immer und überall im Dienst. Forschung ist nun mal mehr als ein Beruf, sie ist Berufung.
Ein weiteres Erfolgsgeheimnis: Die Top-Leute geben sich nicht so leicht mit einem Ergebnis zufrieden. "Die Wissenschaftler legen immer noch einen drauf", sagt Franz Miller, Pressechef der Fraunhofer-Gesellschaft. Immer weiter denken lautet die Devise. Darin sind sie Führungskräften in der Wirtschaft ähnlich - mit dem Unterschied, dass es Forschern um Erkenntnisse, Konzernlenkern dagegen um Umsatz- und Gewinnzahlen geht.
Trotz ihres enormen Ehrgeizes in der Sache ist Wissenschaftlern klassisches Karrieredenken fremd. "Forscher dürfen keinerlei Hierarchiedenken mitbringen", sagt DFG-Sprecherin Streier. "Die Sache muss im Vordergrund stehen." Auch ein Doktorand müsse mit seinen Ideen beim Professor landen können.
Dünkelfreie Denker
Zu viel Respekt vor dem Vorgesetzten bremse den Fortschritt. Manche von den Wissenschaftlern, die in späteren Lebensjahren Forschungsfunktionäre geworden sind, kamen eher automatisch, und manchmal auch unfreiwillig, in diese Positionen - und schwärmen gern von früheren Zeiten, als sie noch in Ruhe im Labor vor sich hin tüfteln konnten.
Nützlich sei auch eine gewisse Frechheit, sagt Franz Miller. "Viele Forscher möchten zeigen, dass etwas doch geht - nachdem andere Leute gesagt haben, es ist nicht machbar."
Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft   Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft
Freiheitsliebende Charaktere
Zur Wissenschaft gehört Freiheit. Sie ist ihr Lebenselixier. Wer an einer Universität oder an einem Institut forscht, kann in hohem Ausmaß selbst darüber entscheiden, was er machen möchte. Auch Forscher in der Industrie haben - im Rahmen ihrer Vorgaben - mehr Freiheiten als viele andere Berufsgruppen. Die größtmögliche Freiheit genießt ein Max-Planck-Direktor. Er kann über Jahre die Richtung seiner Forschung bestimmen und die Arbeitsgruppen an seinem Institut auf Fragestellungen seiner Wahl ansetzen.
Wissenschaftler sehnen sich danach, nach Lust und Laune zu experimentieren. Auf Gesetze, die sie in ihrem Handeln einschränken, reagieren sie empfindlich. Ein hohes Gehalt dagegen ist für viele Forscher zweitrangig, wie aus den Labors oft zu hören ist. "Das interessiert mehr die Ehepartner als die Forscher", feixt Fraunhofer-Präsident Hans-Jörg Bullinger.
Zum erfolgreichen Forscher gehört auch eine gehörige Portion Mut. Der Mut, völlig neue Probleme anzupacken. Oder der Mut, von der Universität oder einem Institut in die Industrie zu wechseln. Auch solche Wissenschaftler haben FTD-Autoren getroffen. Menschen, die in großen Unternehmen Forschungsabteilungen leiten, oder solche Forscher, die ein eigenes Unternehmen gegründet haben.
Peter Gruss,  Präsident der Max-Planck-Gesellschaft   Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft
Unternehmerische Talente
Ein wenig Freiheit geben die Industrieforscher auf. Dafür gewinnen sie an Gestaltungsmöglichkeiten. "Sie können dann mehr bewegen", sagt Mathematiker Grötschel. "Sie haben mehr Macht - in dem Sinne, dass sie ihre Ideen industriell umsetzen."
Prägend für alle Lebensläufe sind häufige Ortswechsel. "Ich kenne kaum jemanden, der nicht durch eine Auslandsphase gegangen ist", sagt Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. Seine Organisation sieht es mit Wohlwollen, wenn gute Leute ihren Horizont an Spitzeninstituten im Ausland erweitern. Und sie verfolgt genau, was die Begehrtesten im Ausland tun.
Mobile Weltbürger
Entscheidend sei, so sagt Gruss, "dass wir die notwendigen Voraussetzungen schaffen, diese Menschen zurückzugewinnen". Zudem sollen auch Wissenschaftler aus anderen Ländern nach Deutschland gelockt werden. Die Max-Planck-Gesellschaft ist mit dieser Strategie erfolgreich: Mehr als ein Viertel der Direktorenposten sind mit ausländischen Forschern besetzt.
Tatsächlich kehren die meisten Deutschen nach einem Auslandsaufenthalt zurück. Die DFG überraschte im vergangenen Jahr mit einer Studie, für die sie mehr als 1400 ehemalige Stipendiaten über ihre Karrieren befragt hatte. 85 Prozent der heute in der Wissenschaft Tätigen arbeiten demnach in Deutschland. Die meisten von ihnen sind Rückkehrer: Drei Viertel hatten auch im Ausland geforscht, am häufigsten in den USA.
Für die Rückkehr spielen das soziale Umfeld und die Kultur eine große Rolle, besagt die Studie. "Familiäre Gründe werden immer unterschätzt", bestätigt auch Miller. Frank Kirchner, der Roboter-Bauer in Bremen, spricht von einer Gefühlsentscheidung. Er wollte dort leben, wo er sich am wohlsten fühlt - nach einigen Jahren in den USA. Für ihn und seine Familie passte Bremen.
Standortwahl ist höchst individuell
"Um junge Spitzenkräfte zu gewinnen und zu halten, sind frühe wissenschaftliche Selbstständigkeit, sehr gute Arbeitsbedingungen sowie eine verlässliche Karriereperspektive wesentlich", sagt Walter Kröll, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft.
Die Entscheidung für einen Standort ist höchst individuell. Jeder Forscher sucht sich die für sein Fachgebiet am besten passende Umgebung. Interessante Cluster spielen eine große Rolle. Hier zu Lande gibt es sie in mehreren Technologien: zum Beispiel in der Medizin- oder Energietechnik, der Nanoelektronik oder der Robotik.
Wissenschaftler geraten auch schon mal ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Standort sprechen. Zum Beispiel Hans-Peter Seidel, Direktor des Max-Planck-Instituts für Informatik in Saarbrücken, der vielen als Papst der Computergrafik gilt. Der gebürtige Stuttgarter sieht Saarbrücken auf einer Höhe mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) oder der Stanford University, Kultstätten seines Fachs. "Wir stehen mit auf dem Siegertreppchen", sagt er zufrieden. Seidel ist mit so viel Selbstbewusstsein nicht allein. Viele Forscher fühlen sich wohl in Deutschland.
  • FTD, 28.03.2005
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