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Merken   Drucken   11.01.2007, 18:17 Schriftgröße: AAA

Frost frisst Sonnenschutz

Bei uns wird es immer wärmer. Doch über der Arktis wird die Luft kälter und dünner: Eine internationale Studie zeigt, wie Wolken aus Eis und FCKW die Ozonschicht zerstören. von Volker Mrasek
Gefährliche Schönheiten: Als farbig schimmernde Eisschleier ...   Gefährliche Schönheiten: Als farbig schimmernde Eisschleier durchlöchern die polaren Stratosphärenwolken die Ozonschicht
Todkrank war sie. Und ist es noch. Doch nun endlich wähnt man die Patientin auf dem Weg der Besserung. Sie erhole sich langsam, aber sicher, heißt es seit einigen Jahren über die Ozonschicht, jenen atmosphärischen Molekülschleier in rund 20 Kilometern Höhe, der das irdische Leben vor der UV-Strahlung der Sonne bewahrt.
Doch es gibt auch einen anderen, weniger beachteten Trend. Und der zeigt: Im Nordpolargebiet, über der Arktis und damit viel näher vor unserer Haustür, wächst das Risiko für starke Ozonverluste im Frühjahr ständig. Experten rechnen damit, dass die Lage für weitere zwei, drei Jahrzehnte kritisch bleibt - oder sich sogar noch zuspitzt.
Diese Einschätzung entspringt der Auswertung einer geballten Menge Messdaten, die Bodenstationen, Ballonsonden und Satelliten in den vergangenen 40 Jahren aus der arktischen Stratosphäre geliefert haben. Über 30 Forscher aus 17 Ländern stellten sie in einer konzertierten Aktion zur Verfügung. Das Ergebnis ist in der Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters" nachzulesen.
"Trend zu immer größeren Ozonverlusten"
"Wir beobachten einen Trend zu immer größer werdenden Ozonverlusten seit den 90er-Jahren", resümiert Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI). Die Lage sei zwar nicht so dramatisch wie am Südpol, sagt der Physiker und Erstautor der neuen Studie. Doch auch in der europäischen Arktis könne man mittlerweile erleben, dass "ein Drittel der Ozonschichtdicke abgebaut wird".
Das spielt sich Ende Februar, Anfang März ab, wenn die Sonne nach der Polarnacht wieder in die Arktis scheint. Aggressives Chlor und Brom aus mittlerweile weitgehend verbotenen, aber langlebigen Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) und Flammschutzmitteln zerstören atmosphärisches Ozon (O3) dann in einer fotochemischen Reaktion.
Bilderserie Bilderserie: Der beschädigte Planet
Doch es gibt noch eine andere wichtige Voraussetzung für das Zerstörungswerk: klirrende Kälte. Freigesetzt und richtig scharf gemacht werden Chlor und Brom erst bei Temperaturen jenseits von circa minus 80 Grad Celsius. Dann bilden sich feine, farbig schimmernde Eisschleier in Höhe der Ozonschicht, "polare Stratosphärenwolken" (PSC) genannt. An ihrer Oberfläche werden die Ozonkiller Chlor und Brom aktiviert - ein Prozess, der schon im November oder Dezember beginnt. Und das von Winter zu Winter intensiver. "In den 60er- und frühen 70er-Jahren ist selten mal eine Fläche größer als Grönland von diesen Wolken bedeckt worden", sagt Ozonforscher Rex. Heutzutage sei dagegen "die gesamte Arktis mit ihnen gefüllt". Dadurch werde "natürlich auch der Ozonverlust immer größer".
Globale Erwärmung führt zu steter Abkühlung
Es mag paradox klingen: Hinter der steten Abkühlung steckt die globale Erwärmung. Der Treibhauseffekt wirkt nämlich in Erdbodennähe, der Troposphäre. Diese heizt sich auf, weil zunehmende Mengen von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen die Wärmerückstrahlung der Erde zurückhalten. Die darüberliegende Stratosphäre samt Ozonschicht kühlt aus.
"Die Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen Erderwärmung und Ozonzerstörung und dass sich die Lage sogar noch verschlimmern könnte", sagt Ross Salawitch, Atmosphärenchemiker vom California Institute of Technology in Pasadena/USA. Zumindest im hohen Norden, wo die kritischen minus 80 Grad Celsius in der Höhe allmählich zur Regel werden. Über der Antarktis dagegen kann es nicht mehr schlimmer kommen. Dort wird es im Winter grundsätzlich kälter als über der Arktis, und es wimmelt von unerwünschten Eiswolken.
Dünnt die Ozonschicht aus, dringt mehr UV-Licht der Sonne, vor allem die krebserregenden UV-B-Strahlen, bis zum Erdboden durch. Es gab Spätwinter, in denen ozonarme arktische Luft sogar bis nach Mittel- und Südeuropa strömte, sodass die UV-Schutzwirkung der Atmosphäre hier zeitweilig reduziert war. Solche Zustände werden erst dann der Vergangenheit angehören, wenn die Konzentration von FCKW abnimmt. Laut AWI-Forscher Rex dürfte das zwischen 2020 und 2030 der Fall sein. So lange wächst mit jedem Winter die Gefahr, dass die Industriechemikalien wieder im großen Stil die Ozonschicht durchlöchern.

Hartnäckig
Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) sind eine Untergruppe der Halogenkohlenwasserstoffe und werden als Treibgas und Kühlmittel verwendet. Weil die stabilen Verbindungen unter Sonnenstrahlung in der Stratosphäre die Ozonschicht zerstören, sind sie in Kühlschränken seit 1995 verboten.
  • Aus der FTD vom 12.01.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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