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Merken   Drucken   13.07.2005, 18:39 Schriftgröße: AAA

Fundament für Forschung und Therapie  

Klinische Studien zeigen, wie Krankheiten optimal behandelt werden können. Ärzte und Patienten können sich über den aktuellen Stand der Forschung informieren und die bestmögliche Therapie auswählen. So weit die Theorie. von Patrick Eickemeier
Der Mangel an Transparenz bei medizinischen Studien kann Leben kosten.   Der Mangel an Transparenz bei medizinischen Studien kann Leben kosten.
In der Praxis wird jedoch rund die Hälfte aller medizinischen Studien nicht veröffentlicht. Die forschenden Pharmaunternehmen präsentieren meist nur die Medikamente, die sich im Einsatz bewährt haben. Negative oder nicht eindeutig positive Ergebnisse werden zurück gehalten. Werden Studienergebnisse publiziert, sind die Artikel nicht jedermann zugänglich oder nur schwer auffindbar. Der Überblick über die medizinische Forschung ist wenigen Experten vorbehalten.
Die Initiativgruppe Studienregistrierung, ein Zusammenschluss medizinischer Fachverbände, hat diese Woche in Berlin dazu aufgerufen, ein frei zugängliches Register für klinische Studien einzurichten. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat für eine Anschubphase von drei Jahren bereits die Finanzierung zugesagt. In dem Register sollen nach US-amerikanischem Vorbild die Fragestellungen der Studien dargestellt werden. Darüber hinaus können sich Ärzte und Patienten darüber informieren, wer die Studie durchführt, wer sie bezahlt und an welchen Einrichtungen untersucht wird - Angaben, die bislang nur zu wenigen Studien verfügbar sind.
Dieser Mangel an Transparenz kann Leben kosten. Ein Beispiel ist der Plötzliche Kindstod. Seit den 1990er Jahren wird empfohlen, Säuglinge auf dem Rücken schlafen zu legen, da das Risiko des Kindstods in Bauchlage höher ist. Eine Analyse zeigte, dass die Datenlage aber schon 1970 eindeutig war. 60.000 Todesfälle in Europa, den USA und Australien hätten möglicherweise verhindert werden können, berichten die Redakteure Charles Young und Richard Horton in der aktuellen Ausgabe des Medizinjournals "The Lancet".
"Kollektives versagen des Medizinsystems"
Die medizinische Fachpresse fordert, ebenfalls über sämtliche Studien informiert zu werden. Das International Committee of Medical Journal Editors (ICMJE) hat daher beschlossen, fortan nur noch über solche Studien zu berichten, die von Beginn an in einem öffentlich zugänglichen Register einsehbar sind. Wer künftig in einem der renommierten Magazine publizieren möchte, muss seit dem 1. Juli auch Angaben zu seinem Forschungsprojekt veröffentlichen. In den USA, Großbritannien und Australien wurden bereits Datenbanken etabliert.
Das Unternehmen Bayer Healthcare berichtet seit dem ICMJE-Stichtag auf einer eigenen Website über seine klinischen Studien. Ein gemeinsames öffentliches Register für alle Studien in Deutschland gibt es aber nicht. "Das ist ein kollektives Versagen des Medizinsystems", sagt Gerd Antes, Sprecher der Initiativgruppe Studienregistrierung und Leiter des Deutschen Cochrane Zentrums. Nicht nur Pharmaunternehmen, die wirtschaftliche Verluste befürchten, hielten Informationen zurück. Auch Forscher veröffentlichten im Konkurrenzkampf um Fördergelder lieber Erfolgsmeldungen. Diese würden auch eher von der Fach- und der Tagespresse aufgenommen. "Das Ergebnis ist eine gewaltige Schieflage Richtung Überoptimismus", sagt Antes.
Dabei könnten alle Beteiligten von der Registrierung profitieren. Vielen klinischen Studien fehlen die Patienten. Mit einem öffentlichen Aushang im Internet könnte der Probandenmangel schneller behoben und auch neue Medizinprodukte schneller zugelassen werden. Für die forschenden Unternehmen könnte es sich daher durchaus lohnen, Studien und Ergebnisse öffentlich zu machen.
Gewinn für alle Grundlage Die schnelle und vollständige Verfügbarkeit von Studienergebnissen ist die Voraussetzung für weitere Forschung und Grundlage für die medizinische Praxis.
Forderung Mediziner fordern ein frei zugängliches Register. Darin sollen nach amerikanischem Vorbild die Studien dargestellt werden.
  • Aus der FTD vom 14.07.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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