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Merken   Drucken   14.07.2006, 17:21 Schriftgröße: AAA

Gegorener Algensaft darf nicht "Wein" heißen

In bester Nordlage züchtet und erntet die kleine Firma Ocean Wellness Zuckeralgen. Durch Vergären wird aus dem braunen Zeug ein alkoholischer Extrakt, der viel Jod und andere Mineralstoffe enthält - und noch einen richtigen Namen braucht, weil die Bezeichnung "Algenwein" nicht den EU-Regeln entspricht.

Für Gourmets ist er bereits letzter Kick an heimischer Küche: Dabei ist der weltweit erste Algenwein eigentlich ein Zufallsprodukt. Den herben Tropfen entdeckten Kieler Meeresbiologen, als sie einen Tank mit besonders lange gelagertem Algenextrakt öffneten, an den Sauerstoff gekommen war. "Der duftete wie Sherry und hatte die typisch samtbraune Färbung gereiften Weines", erinnert sich Inez Linke von der Kieler Firma Ocean Wellness. "Nach drei Jahren des Experimentierens sitzt jetzt jede Phase der Algenwein-Herstellung", resümiert die Inhaberin von Deutschlands erster Algenfarm stolz.

400 Meter in der Ostsee - dem bestkontrollierten Binnengewässer der Welt, wie Linke betont - züchtet und erntet Ocean Wellness die unscheinbare Braunalge Laminaria Saccharina. Diese Ostseealge hat es in sich: Mineralien, Vitamine, Eiweiße, Jod und - der Name Zuckeralge verrät es - Zucker. Bislang produziert die kleine Firma mit Sitz in Kiel Holtenau hochwertige Naturkosmetik und Pflegestoffe aus der Meeresalge. Jetzt soll auch das Gesundheitsgetränk dazu kommen.

"Die Algen werden fermentiert, eingemaischt und gären - mit Bakterien- und Hefekulturen versetzt in großen Tanks bei Raumtemperatur", schildert Linke. "Lebensmittelrechtlich und technisch gesehen ist das ein Wein, der da in Nordlage entsteht", schmunzelt sie. Den Namen Wein allerdings macht ihr das Ordnungsamt Kiel bereits streitig. Bei einem überraschenden Hausbesuch ließ die Behörde vorsorglich wissen: Laut EU-Recht dürfe sich nur Wein nennen, was aus Trauben gewonnen sei. Linke will nun ihrerseits prüfen, ob eine Sondergenehmigung möglich ist. Immerhin gebe es ja die Zusatzbezeichnung Wein bei Himbeer- oder Erdbeerwein ebenso wie bei Wein aus Stachelbeeren, sagt sie.

Algen auf der Speisekarte

Doch ob nun Wein, Algenelixier oder - wie Linke es hilfsweise auch behördenmäßig formuliert: "alkoholhaltiges Getränk auf Algenbasis" - Interesse hat das Produkt schon bei mehreren Spitzenrestaurants an der Förde und in Hamburg geweckt. Das Kieler Vier-Sterne-Wellnesshotel "Birke" etwa testete vorab. Dort gehört die Laminaria nun zur Speisekarte.

Eine Flasche des Getränkes soll den Drei-Wochen-Bedarf eines Erwachsenen an Vitalstoffen decken - das entspräche täglich ein bis zwei Schnapsgläschen voll, schildert Linke. Dabei soll das Algen- Kraftpaket das Immunsystem stärken, den Darm reinigen und den Körper entschlacken. Der Meeresbiologe Levent Piker sieht weitere Möglichkeiten: "Selbst Geschäftspartner in Grönland haben Interesse bekundet. Angesichts leergefischter Meere könnten durch unsere Lizenz-Produktion Arbeitsplätze entstehen." Wie das gehen könnte, zeigt das Beispiel Asien. Meeresalgen sind dort nicht nur fester Bestandteil der Speisezettel - Lebensmittel- und Pharmaindustrie nutzen sie zu vielerlei Zwecken.

Die Kieler Firma produziert vorerst noch im Kleinen vor Eckernförde, rund 400 Meter vom Ufer entfernt. Dort wachsen auf 100 mal 100 Metern die Algen in bis zu acht Metern Tiefe. Im Herbst im Labor kultiviert, werden sie im Dezember, wenn das Ostseewasser besonders klar und nährstoffreich ist, als Babyalgen an langen Leinen ausgesetzt. Geerntet wird dann im Mai und Juni durch Taucher. Was sie in die Höhe befördern, prüfen Hamburger Lebensmittelchemiker auf Herz und Nieren.

Die Pflegeprodukte auf Algenbasis beschäftigen inzwischen auch die Uni Kiel. An der Hautklinik laufen Studien zur Wirkung der Algenpräparate. Bei der stark juckenden und quälenden Neurodermitis gibt es vielversprechende Anzeichen, so die Dermatologin Regina Fölster-Holst von der Hautklinik der Kieler Universität. Fachleute hoffen, mit dem Braunalgenextrakt eine schonende Alternative zu herkömmlichen Präparaten zu haben.

  • dpa, 14.07.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland
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