Hat das populäre System bei Entführungen und Banküberfällen schon wichtige Hinweise auf die Täter geliefert, zeigte es sich machtlos bei den Terroranschläge in London.
"Dieses System kann keine terroristischen Attacken vermeiden", sagt Martin Gill, Kriminologe an der University of Leicester. "Aber es kann helfen, die Verantwortlichen zu finden." Unmengen an Videodaten müssen dazu gesichtet und auf verdächtige Personen hin ausgewertet werden. Für die Fahnder eine mühselige Aufgabe. Biometrische Programme für eine automatische Gesichtserkennung können hier helfen.
"Ich würde mich wundern, wenn die Ermittler nicht bei uns anfragen", sagt Hartmuth von Maltzahn, Vorstand der deutschen Tochter des amerikanischen Biometrie-Unternehmens Viisage. "Facefinder" heißt das Programm, das Personen auf Videoaufnahmen mit den digital gespeicherten Gesichtern einer Datenbank vergleicht. Rund 4000 Merkmale eines Antlitzes nutzt das von der Ruhr-Universität Bochum mitentwickelte System des Marktführers für Identifikations-Technologien.
Ein markantes Kinn, die Proportionen von Auge und Nase, vorstehende Wangenknochen: Jedes Gesicht hat einzigartige Merkmale. Die ideale Voraussetzung für biometrische Erkennungsverfahren. Für die digitale Analyse überzieht der Computer das Gesicht mit einem feinmaschigen Netz. Jeder Kreuzungspunkt, jede Schattierung wird gespeichert. Selbst eine Perücke oder ein falscher Bart können die aktuellen Systeme nicht in die Irre führen. Bei optimalen Bedingungen liegt die Fehlerrate deutlich unter einem Prozent.
"Doch der beste Algorithmus ist abhängig von der Kooperation der Person", weiß von Maltzahn. Um Menschen fehlerfrei erkennen zu können, muss eine Überwachungskamera eine gut ausgeleuchtete Aufnahme des Gesichts liefern. Bei den meisten der heute installierten Systeme von der Zugangskontrolle eines Kernkraftwerks bis zum Kasino sind diese Bedingungen gegeben. Denn der Passant will ja erkannt werden und lässt sich bereitwillig filmen. Diese Bilder werden mit den biometrischen Daten verglichen, die auf dem integierten Chip seines Ausweises gespeichert sind. Das System erkennt, ob es sich um die richtige Person handelt. "Verifikation" nennen das die Biometrie-Experten.
Bei der Identifikation aus einer Menschenmenge herrschen dagegen selten ideale Lichtverhältnisse. Oder die Kamera steht in einem ungünstigen Blickwinkel zum Gesicht. "Hier liegt die Erkennungsrate deutlich niedriger", räumt von Maltzahn ein. Selbst wenn die biometrischen Gesichtsdaten der Londoner Attentäter vorlägen, könnten sie auch durch die beste Gesichtserkennung kaum eindeutig überführt werden. Aber eine verlässliche Auswahl aus der Bilddatenflut ließe sich gewinnen. Nur diese müssten dann von den Fahndern genauer in Augenschein genommen werden.
Dreidimensionale Gesichtsdaten könnten dieses Problem in Zukunft lösen. Viisage arbeitet an einer Kombination von 2D- und 3D-Daten. Forscher vom Fraunhofer Institut für Graphische Datenverarbeitung in Darmstadt testen im Bioface-Projekt die räumliche Gesichtserkennung. Der Aufwand ist groß. Im Idealfall müssen sowohl für die zu speichernden Daten als auch für die Überwachung im öffentlichen Raum 3D-Kameras installiert werden. Der japanische Elektronikkonzern NEC bietet eine dreidimensionale Gesichtserkennung unter dem Produktnamen "Fiore" schon an. Doch bevor Personen auch innerhalb einer bewegten Menschenmenge identifiziert werden können, muss das Gesicht in einer speziellen Fotokabine von allen Seiten aufgenommen werden. Diese flachen Bilder setzt ein Rechner zu einem dreidimensionalen Datensatz zusammen. Trotz ungünstiger Blickwinkel soll die Erkennungsrate bei etwa 96 Prozent liegen.
Die Fortschritte zeigen, dass bald Videoaufnahmen zu einer Identifikation von Personen aus einer Menge heraus genutzt werden können. Grundlage dafür ist jedoch eine zentrale Biometrie-Datenbank, die in Deutschland gesetzlich derzeit nicht möglich ist. Zugangs- und Grenzkontrollen, die auf einer Eins-zu-eins-Überstimmung von Fingerabdruck oder Videobild mit den ausschließlich auf einem Ausweis gespeicherten biometrischen Daten beruhen, ziehen dagegen in den Alltag ein. Sowohl der am Freitag im Bundesrat abgesegnete neue Reisepass als auch die Tickets für die WM 2006 liefern die Voraussetzungen dafür. Datenschützer werden diese Technologien und den boomenden Biometriemarkt ganz genau im Visier halten. Trotz aller Argumente im Kampf gegen den Terror soll es nicht zu einem Missbrauch à la Big Brother kommen.