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Merken   Drucken   07.04.2009, 16:00 Schriftgröße: AAA

Gesundheitswirtschaft: Wie geht es uns denn heute...?

Zur Sprechstunde mit Breitbandanschluss, Rechner und Maus: Arztvisiten per Internet entlasten Praxen und bieten Patienten zusätzlichen Service. Die Kassen aber zahlen nicht. von Julia Kimmerle
Wenn Greta B. ihren Chirurgen besuchen will, muss sie die Wohnung nicht verlassen. Die 68-Jährige aus Brandenburg muss nur ihren Rechner mit Breitbandanschluss hochfahren. Die Sprechstunde ihres Arztes ist nicht in der Praxis - sondern im Internet: Über die Webseite des Chirurgen hat sich Greta B. mit einem persönlichen Zugangscode eingeloggt. So kann sie über eine Webcam und Mikrofon ihre Probleme besprechen. "Das ist für den Patienten praktisch, für den Arzt ebenfalls - und es spart den Krankenkassen viel Geld", sagt Kai von Harbou.
Gemeinsam mit drei Programmierern hat der Potsdamer Chirurg die Onlinesprechstunde auf dem Portal Doctr.com entwickelt. "Die Anwendung ist sehr einfach", sagt von Harbou, "und im Gegensatz zu normalen E-Mails sehr sicher." Das Angebot verfüge über ähnlich hohe Sicherheitsstandards wie Onlinebanking.
Bei seinen eigenen Patienten ist von Harbou mit der Onlinesprechstunde sehr erfolgreich: Bereits 70 von 100 seiner Patienten ziehen die Onlinesprechstunde einem persönlichen Besuch vor. Jetzt hofft von Harbou, dass sich auch andere Ärzte, Krankenhäuser, Versicherungen und Investoren von seiner Geschäftsidee überzeugen lassen.
Arztbesuch per Internet selbst bezahlen
Ärzte und Krankenhäuser, die die Technologie von Doctr.com nutzen möchten, sollen dafür etwa 80 Euro im Monat bezahlen. Sie können die Beratung dann ihren Patienten in Rechnung stellen - allerdings nur, soweit diese privat versichert oder bereit sind, für das Angebot aus eigener Tasche zu zahlen. Zurzeit sieht die Gebührenordnung für Ärzte dafür zwischen 4,66 Euro und 20,11 Euro vor. Wenn die Beratung außerhalb der regulären Sprechstunden oder am Wochenende stattfindet, können noch Zuschläge zwischen 4,08 Euro und 18,65 Euro dazukommen. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten bislang nicht.
Unter den Kliniken, die Doctr.com bereits testen, ist die private Meoclinic in Berlin. "Vor allem in der Chirurgie und in der Orthopädie sehen wir viele Möglichkeiten, unseren Patienten damit einen zusätzlichen Service anzubieten. Die Face-to-Face-Kommunikation einer Videokonferenz kommt einem echten Beratungsgespräch am nächsten", sagt ein Sprecher. Die erforderliche Technik, sagt Karsten Neumann von der Unternehmensberatung Roland Berger, sei heute kein Problem mehr.
"Die Frage ist eher, für wen sich ihr Einsatz lohnt." Er sieht Chancen für die Web-Visiten vor allem auf dem Selbstzahlermarkt. "So können Ärzte ihren Patienten einen zusätzlichen Service anbieten." Für Ärzte, die überwiegend Kassenpatienten behandeln, ist die Onlinesprechstunde bislang weniger attraktiv. Eine aktuelle Studie des Marktforschungsunternehmens Wegweiser ergab, dass 64 Prozent der niedergelassenen Ärzte E-Health geringe oder keine Bedeutung beimessen.
Die USA ist bereits weiter
Die USA sind bereits einige Schritte weiter. Kaiser Permanente, Krankenversicherung und Klinikbetreiber in einem, bietet seinen rund drei Millionen Versicherten Onlinesprechstunden an. Die Patienten können selbst auf ihre Akten zugreifen, Testergebnisse ablesen, Termine bei ihrem Arzt buchen und mit diesem online ihre Diagnosen besprechen. Die Ärzte haben die Onlinesprechstunde fest in ihren täglichen Terminkalender eingetragen. Anna-Lisa Silvestre, Vizepräsidentin für den Onlineservice von Kaiser Permanente, sieht darin die Zukunft. "Wir befinden uns in der Mitte einer Revolution."
Auch auf Hawaii gehören Onlinesprechstunden seit diesem Jahr zum Alltag. In Zusammenarbeit mit dem größten Versicherer, der Hawaii Medical Service Association (HMSA), bietet die E-Health-Firma American Well den 700.000 Versicherten einen Web-Service an. Sie können mit ihrem Arzt per Videokonferenz, Chat oder Telefon kommunizieren. Für HMSA-Versicherte kostet eine zehnminütige Visite 10 $, für Nicht-Versicherte 45 $. Da auf Hawaii rund 8,3 Prozent der Menschen keine Krankenversicherung haben, trifft das Angebot eine breite Zielgruppe.
Einen ähnlichen Dienst können Patienten in New York und Jersey nutzen. Dort bezahlt der Internetpatient 18 $ Anmeldegebühr und eine Grundgebühr von 9 $. Für die Sprechstunde werden 59 $ fällig. Der Nachteil dieses Modells: Die Ärzte müssen ihre Netzpatienten vorher nicht persönlich untersucht haben, um eine Diagnose zu stellen - die Gefahr einer falschen Diagnose ist dadurch hoch. In Deutschland könne so etwas nicht passieren, sagt Kai von Harbou: "Wir machen immer wieder klar, dass Onlinesprechstunden nie den Besuch beim Arzt ersetzen werden, sondern nur sinnvoll ergänzen können."

Teil 2: E-Health in Dänemark gesetzlich verpflichtend

  • FTD.de, 07.04.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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