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Merken   Drucken   25.03.2008, 17:38 Schriftgröße: AAA

Gründerzeit in Leipzig

Spreadshirt.de, verwandt.de und Trivago haben eins gemeinsam: Ihre Gründer kommen von der Handelshochschule Leipzig (HHL). Praktika, Netzwerke und Vorlesungen fördern den Gründergeist.
von Sarah Benecke (Leipzig)

Vor einem Jahr saß Malte Siewert mit zwei Mitarbeitern in seinem Büro in Düsseldorf. Heute sind es 21. Der Gründer des Onlinereiseportals Trivago.de hat eine Marktlücke entdeckt - und sie ausgenutzt. Über zwei Millionen Menschen klicken sich jeden Tag durch Hotelbewertungen und Urlaubsberichte, mittlerweile gibt es die Seite in sieben Sprachen. "Man muss die Dinge einfach anpacken", sagt Siewert. "Das ist vielleicht das Wichtigste, was ich während meines Studiums gelernt habe."

Der 33-Jährige ist Absolvent der Handelshochschule Leipzig (HHL), die sich nach der Wende den Ruf einer Gründerschmiede erarbeitet hat. Jeder 20. Abgänger der vergangenen 16 Jahre hat ein eigenes Unternehmen gegründet, dazu zählen Internet-Startups wie Spreadshirt, Billigflieger.de, Imedo und Verwandt.de. Insgesamt 45 Unternehmen mit 1000 Mitarbeitern sind nach Angaben der Hochschule entstanden. Kapitalgeber zeigen sich großzügig, wenn HHL-Absolventen hinter einer Gründung stehen. Die britische Howzat Media pumpte gerade einen zweistelligen Millionenbetrag in Trivago.de, um eine weitere Expansion zu finanzieren.

"An der HHL haben fast alle Lehrveranstaltungen einen Praxisbezug", sagt Siewert. So können Studenten Entrepreneurship als Schwerpunkt wählen. Seminare zur Gründungsfinanzierung, Entwicklung von Businessplänen, zum Marketing in Startups und Growth Management machen dann 50 Prozent des Studiums aus. Im Hörsaal stehen Manager und Unternehmer am Lehrpult - häufig Alumni, die selbst gegründet haben. "Wir laden bewusst auch mal jemanden ein, der finanziell gegen die Wand gefahren ist", erzählt Stephan Stubner, der an der Bewertungsplattform Ciao.de und an Trivago.de beteiligt war, bevor er als Professor an seine alte Uni zurückkehrte.

Die Studenten schreiben Businesspläne - Unternehmen zahlen dafür   Die Studenten schreiben Businesspläne - Unternehmen zahlen dafür

Unter Hochdruck zum Unternehmer

Die Studenten schreiben Businesspläne oder erarbeiten zum Beispiel ein Finanzierungskonzept für Studentenkredite. Die Unternehmen zahlen dafür, dass fünf Studenten drei Monate lang für sie arbeiten, 10.000 Euro an die HHL - und erwarten im Gegenzug Leistungen.

"Dieser Druck ist genau das, was man braucht, um ein guter Unternehmer zu werden", sagt Daniel Grözinger, Gründer des Familienportals Verwandt.de. Nach dem Studium arbeitete der 35-Jährige zunächst als Berater bei Roland Berger. 2000 kündigte er und gründete sein erstes Unternehmen, die Ticketbörse Getgo.de. Die lief so gut, dass er sie zwei Jahre später wieder verkaufte - und beim neuen Eigentümer CTS Eventim gut bezahlter Vice President wurde. Doch der Gründergeist siegte. "Wer einmal erfahren hat, wie man Projekte aus dem Boden stampfen kann, hat Blut geleckt", sagt Grözinger.

Verwandt.de zählt ein Jahr nach seiner Gründung drei Millionen Nutzerprofile. An einer kleinen Hochschule wie der HHL, die 300 Studenten zählt, sprechen sich solche Erfolge schnell herum. "Das motiviert", erinnert sich Grözinger. Zudem seien viele, die an die HHL kommen, schon von der Persönlichkeit her Unternehmer. Wer das harte Auswahlverfahren übersteht, sich für ein englischsprachiges Studium entscheidet und Gebühren zwischen 22.000 und 27.000 Euro in Kauf nimmt, will etwas werden. Diese ausgewählte Zielgruppe haben staatliche Unis nicht.

Netzwerke um Geschäfte zu machen

Die HHL-Studenten sind meist schon von Weitem zu erkennen, sie tragen Anzüge und Ralph-Lauren-Poloshirts - die Privathochschule teilt sich einen Campus mit den Sportwissenschaftlern der Uni Leipzig, die eher leger gekleidet sind. In den Fluren hängen Fotos von Absolventen in schwarzen Umhängen und Doktorhüten. Auch Grözinger ist darauf zu sehen. Ein anderes Bild zeigt Joseph Ackermann in der Mitte einer Abschlussklasse. Der Vorstandschef der Deutschen Bank ist zwar kein HHL-Absolvent, doch oft laden die Studenten bekannte Wirtschaftsführer zu ihrer Feier ein. Die Hochschule unterstützt sie dabei, solche Kontakte zu knüpfen.

So vermittelt Melanie Janke vom Karriere Service nicht nur Praktika in alle Dax-Unternehmen, sie betreut auch das Alumni-Netzwerk. Derzeit schreiben fünf Studentengruppen an Businessplänen für ihre eigenen Unternehmen, berichtet Janke. Sie vermittelt persönliche Treffen, damit sich die Studenten Rat von den Alumni holen können. Zum Jahreswechsel hat die Hochschule alle Ehemaligen angeschrieben und sie gebeten, sich als Mentoren zu verpflichten. 50 haben bisher zugesagt.

"Die Netzwerke funktionieren an den kleinen, privaten Hochschulen viel besser als an den staatlichen", sagt Malte Brettel, Professor für Entrepreneurship an der RWTH Aachen. Die Alumni-Stammtische werden nicht nur zum Plaudern genutzt, es werden auch Geschäfte gemacht. "Ich habe gerade einen großen Auftrag von einer Bertelsmann-Tochter erhalten", berichtet Grözinger, dessen Firma auch Internetauftritte gestaltet. Der Auftraggeber ist ein ehemaliger Kommilitone.

  • FTD.de, 25.03.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland
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