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Merken   Drucken   12.03.2009, 15:15 Schriftgröße: AAA

Hochschule Türkei: Freies Denken im goldenen Käfig  

Türkische Wissenschaftler sehen sich mit vielen Tabuthemen konfrontiert. Eine private Hochschule in Istanbul fördert jedoch die akademische Freiheit - dank finanzieller Autonomie kann sie Freigeister aus aller Welt als Lehrkräfte gewinnen. von Martin Kaul (Istanbul)
Nur wer seinen Ausweis abgibt und sich einer Sicherheitskontrolle unterzieht, darf den Eingang zur Sabanci-Universität passieren. Die Hochschule in Istanbuls Vorort Tuzla ist von einem Wassergraben und einer hohen Mauer umgeben. Hinter ihr beginnt für Professorin Ayse Gül Altinay die Freiheit.
Seit sieben Jahren forscht Altinay zu Militarismus, Nationalismus und Sexismus. Ein Themenspektrum, das nicht überall in der Öffentlichkeit gut ankommt: Zu sehr berührt Altinays Forschung die offenen Denkverbote und kulturellen Tabus der Türkei, für die es an vielen staatlichen Unis keinen Platz gibt. An der privaten Sabanci-Hochschule wird sie dagegen für ihre kritische Haltung bezahlt.
Die private Uni gilt als eine der liberalsten und progressivsten des Landes. "Das verdanken wir der Tatsache, dass wir privat finanziert werden", sagt Altinay. Die Professorin bekommt ihr Gehalt von der Industriellenfamilie Sabanci, die die Uni 1996 gründete. Sabanci ist einer der größten türkischen Konzerne, 68 Unternehmen und 52.000 Angestellte gehören dazu. Die Holding macht einen Umsatz von mehr als 10 Mrd. $. Jährlich steckt die Unternehmerfamilie Millionen in die Hochschule, seit es in den 90er-Jahren unter türkischen Reichen schick wurde, den Familiennamen mit einer eigenen Uni zu adeln - auch die Konkurrenz-Holding der Industriellenfamilie Koc hat sich eine Uni zugelegt.
Da die Sabanci-Familie sich westlich-liberal gibt, darf es auch ihre Uni sein: So hat die Sabanci-Hochschule als einzige des Landes eine "Erklärung für die Wissenschaftsfreiheit" beschlossen - unter Mitwirkung der Forscher und Studierenden. "Wir haben uns damit selbst eine Macht verliehen", sagt Unipräsident Tosun Terzioglu. Seit es die Erklärung gibt, kann er als Präsident immer darauf verweisen. "Und so mutig ist dann doch niemand, offiziell Hand an die Wissenschaftsfreiheit zu legen."

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