Jahrelang sah Axel Freimuth nur rot. Betriebswirtschaftslehre: drei rote Punkte. Biologie: drei rote Punkte. Wirtschaftsinformatik: vier rote Punkte. Medienwissenschaften: vier rote Punkte, Tendenz weiter sinkend.
Rot - das heißt, diese Fächer belegen beim Hochschulranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) die letzten Plätze. Die Kölner Universität, deren Rektor Freimuth ist, landete über Jahre in vielen Fächern im roten Bereich. Freimuth ärgert sich darüber: Die Einteilung sei "willkürlich" und "pauschal", das CHE-Ranking "methodisch nicht gut". Vor einem Jahr beschloss die Uni, aus dem Ranking auszusteigen und sich fortan nicht mehr bewerten zu lassen.
So wie die Uni Köln reagieren immer mehr Hochschulen oder Fachbereiche. Neben Köln machen auch die Unis in Lüneburg und Vechta sowie die Fernuni Hagen beim Ranking nicht mehr mit. An der Uni Jena verweigerte sich jüngst die Medizin-Fakultät, ebenso die Mediziner in Göttingen und Hamburg. An der Uni Siegen antworten die Pädagogen, Psychologen und Sprachwissenschaftler nicht mehr. Je nach Studiengang beteiligen sich bis zu 20 Prozent der angeschriebenen Hochschulen nicht mehr an der Befragung durch das CHE. Das CHE ist eine Gemeinschaftseinrichtung der Bertelsmann Stiftung und der Hochschulrektorenkonferenz.
Dabei gilt das Ranking als die umfangreichste und methodisch ausgereifteste Rangliste im deutschsprachigen Raum. Gerade erst haben die französischen Rektorenkonferenzen beschlossen, ein ähnliches Ranking einzuführen. Und auf EU-Ebene läuft derzeit die Ausschreibung für die Erprobung eines vom CHE mitentwickelten Multirankings. "Wir machen das nicht gegen die Hochschulen, sondern für die Hochschulen", sagt Frank Ziegele, Geschäftsführer des CHE.
Dennoch fühlen sich einige Unis oder Fächer ungerecht bewertet. Die Gründe dafür sind vielfältig. Bei manchen Hochschulen ist es offensichtlich, dass sie nicht mehr teilnehmen, weil sie schlechte Bewertungen fürchten. So wollte die Fernuni Hagen zunächst unbedingt teilnehmen. Doch nachdem die Hochschule mit ihren wenigen teilnehmenden Fächern in den Forschungskategorien in der Schlussgruppe landete, verabschiedete sich die Fernuni in diesem Jahr sofort wieder aus dem Ranking.
Offiziell, weil das Studiensystem nicht vergleichbar sei mit normalen Präsenzstudiengängen. Von der Uni Köln heißt es hinter vorgehaltener Hand, Rektor Freimuth habe gesagt, in der Zeit, in der sich die Uni für die Exzellenzinitiative bewerbe, könne er keine negativen Schlagzeilen brauchen. Freimuth wollte sich am Donnerstag auf Nachfrage nicht äußern. Ein Sprecher sagte, die Uni sei weiterhin mit der Methodik nicht zufrieden und stimme sich derzeit mit den Fakultäten über die Teilnahme am Ranking ab. Aber man müsse nicht unbedingt dabei sein, die Uni sei auch so voll genug.
Die Leuphana Universität Lüneburg hat sich bereits vor fünf Jahren aus dem Ranking verabschiedet - und wird auch in Zukunft nicht daran teilnehmen. "Wir sind nicht grundsätzlich gegen Rankings", sagt Uni-Präsident Sascha Spoun, "aber die Logik des CHE-Rankings passt nicht zu unserem besonderen Studienmodell mit College und Graduate School. Das ist schwer vergleichbar mit anderen Standorten."
Manche Aussteiger kritisieren zwar methodische Schwächen. Doch dahinter verbergen sich nicht selten ideologische Gründe: "Manche Fächer lehnen Rankings einfach grundsätzlich ab", sagt Ziegele. Die Uni Siegen etwa kritisierte die Messmethoden und machte zugleich klar, man wolle sich nicht in eine "Bundesligatabelle" einordnen lassen. Zudem binde die Erhebung von Daten viel Zeit und Personal, das man besser in der Lehre einsetzen könne.
Immer wieder kommt der Vorwurf, das CHE wolle mit dem Ranking das öffentliche Hochschulsystem steuern oder einer demokratischen Kontrolle entziehen - obwohl es doch gerade sehr demokratisch anmutet, Studenten ihre Studienbedingungen bewerten zu lassen.
Die Fachbereiche Sozialwesen der Fachhochschulen Bielefeld, Emden, Hannover, Ludwigshafen und Merseburg boykottieren das Ranking seit 2010 mit der Begründung, man wolle keinen Konkurrenzdruck untereinander und beteilige sich nicht an der Ökonomisierung der Hochschulen. Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden übte im vergangenen Jahr mit einem Positionspapier zur Ablehnung des Rankings solchen Druck auf die medizinischen Fakultäten der Unis Jena, Hamburg und Göttingen aus, dass diese einknickten und nicht an der Befragung teilnahmen.
Ziegele weist die Vorwürfe zurück: "Das CHE verfolgt keine kommerziellen Absichten und erzielt mit dem Ranking keine Gewinne." Das Ranking diene in erster Linie dazu, Studieninteressierten eine umfassende Informationsquelle zu bieten. "Wer an dem Ranking nicht teilnimmt, schadet dem Ziel, Studienanfänger bei der Hochschulwahl zu unterstützen", sagt er, "eine Hilfe, die gerade Kinder aus bildungsfernen Familien benötigen, die ihre Eltern nicht fragen können."
Die Uni Bonn übrigens, die 2010 wegen methodischer Mängel aus dem Ranking ausgestiegen war, ist in diesem Jahr wieder dabei. Das CHE habe wesentliche Kritikpunkte aufgegriffen und Darstellung sowie Methodik entsprechend überarbeitet. So hatten sich die Bonner etwa über die Ampel-Bewertung geärgert, mit der Fächer in der Schlussgruppe mit der Farbe rot gekennzeichnet werden. Das sei "zu negativ besetzt".
Inzwischen hat das CHE von rot auf blau umgestellt. Kölns Unirektor Freimuth würde somit, wenn seine Uni wieder teilnimmt, zumindest nicht mehr rot sehen.
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| Lokal Beim CHE-Hochschulranking werden, anders als international üblich, nicht ganze Hochschulen gerankt, sondern Fächer. Die Bewertung beruht nicht allein auf der Auswertung von Statistiken, sondern auch auf Befragungen an den Unis. Untersucht werden pro Fach vier bis sechs Kategorien mit insgesamt 30 Indikatoren, z. B. Betreuungsrelation, Ausstattung der Bibliothek, eingeworbene Forschungsgelder, Reputation der Professoren. Es gibt keine Sieger oder Verlierer, sondern eine Spitzengruppe (grün), Mittelgruppe (gelb) und Schlussgruppe (rot/blau). |
| Global Die weltweit am meisten beachteten Rankings, "Times" und Shanghai, beruhen im wesentlichen auf Forschungskriterien. Ein toter Nobelpreisträger zählt mehr als das Urteil von Studenten, die nicht befragt werden. |