Von der Vogelgrippe befallene Hühner
Mehr Patienten als in den vergangenen Jahren erscheinen daher besorgt in der Praxis ihres Hausarztes, um sich gegen Grippe impfen zu lassen, in der Hoffnung, das möge irgendwie auch vor der Vogelgrippe schützen. Presseabteilungen von Forschungsinstituten und Pharmafirmen produzieren immer neue Mitteilungen über Impfstoffe gegen die Vogelgrippe, die nun angeblich bald zur Verfügung stehen.
Diese Meldungen sind irreführend. Niemand könne schon jetzt den passenden Impfstoff für eine künftige Pandemie herstellen, sagt Martin Michaelis vom Institut für Medizinische Virologie der Uniklinik Frankfurt. "Der Impfstoff muss genau zum Erreger passen, und den kennen wir ja noch nicht." Michaelis arbeitet in einem von der Europäischen Union geförderten Projekt an einem neuartigen Grippeimpfstoff, der allerdings erst in einigen Jahren marktreif sein wird.
Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), betont: "Es geht im Moment nicht darum, für Menschen einen Schutz gegen den aktuell grassierenden Vogelgrippe-Erreger zu entwickeln, sondern um einen Impfstoff gegen das künftige Pandemie-Virus." Das ist keineswegs das Gleiche. Zwar könnte der Erreger einer weltweiten Grippeepidemie, mit der Experten seit Jahren rechnen, aus H5N1 hervorgehen. Es ist aber auch möglich, dass irgendein anderes Vogelvirus zum "Supervirus" mutiert.
Gefahr der Pandemie
Die Wende von der Geflügelkrankheit zur weltweit in der menschlichen Bevölkerung grassierenden Seuche kann auf zwei Wegen geschehen: Entweder verwandeln Mutationen das Vogelvirus in einen aggressiven Erreger, der die Barriere zum Menschen überspringt und dann von Mensch zu Mensch übertragen wird. So entstand die Spanische Grippe, die in den Jahren 1918 und 1919 zwischen 20 und 50 Millionen Todesopfer forderte. Oder unterschiedliche Grippeviren aus Mensch und Federvieh finden sich zusammen, kombinieren ihr Erbgut und bilden so ein neues, für Menschen bedrohliches Virus. So geschah es beispielsweise bei der Hongkong-Grippe von 1968.
Voraussehen lässt sich die Struktur der künftigen Viren nicht. Die Wissenschaftler des Paul-Ehrlich-Instituts halten daher auch wenig von Bestrebungen, schon heute Impfstoffvorräte anzulegen. Die US-Regierung dagegen setzt auf einen Impfstoff gegen H5N1, den das Unternehmen Sanofi Pasteur produziert. 100 Mio. $ zahlt das US-Gesundheitsministerium dafür an den französischen Konzern. Der Vogelgrippe-Impfstoff soll sich im Falle einer Pandemie schnell an den veränderten Erreger anpassen lassen - vorausgesetzt, dieser geht tatsächlich aus H5N1 hervor. Doch PEI-Sprecherin Stöcker bezweifelt, dass sich so die Herstellung eines Pandemie-Schutzes beschleunigen lässt. "Bisherige Ergebnisse zeigen, dass von diesem Impfstoff ungewöhnlich große Mengen benötigt werden, um Menschen zu immunisieren", sagt sie. "Entsprechend lange würde es dauern, bis genügend Einheiten für eine Massenimpfung produziert sind." Auch die WHO stellt klar: Es existiert kein Impfstoff, der schon produktionsreif wäre, und wirksame Impfungen wird es erst einige Monate nach Pandemiebeginn geben.
Schnellere Impfstoff-Produktion
In der Lücke zwischen der ersten Pandemie-Welle und der Fertigstellung des Impfstoffs helfen nur Quarantäne-Maßnahmen und vorhandene Medikamente. Vor allem Tamiflu gilt als taugliches Mittel gegen die Vogelgrippe. Allerdings haben Forscher in Vietnam bereits eine dagegen resistente H5N1-Variante gefunden und empfehlen, auch andere Medikamente zu bevorraten.
Eine schnelle Impfstoff-Produktion soll mit einem Forschungsprojekt vorangetrieben werden, das die deutsche Bundesregierung, wie am Montag bekannt gegeben, mit 20 Mio. Euro fördert. An einem Prototyp - ein vorläufiger Entwurf des Impfstoffs gegen eine Grippe-Pandemie - wollen Forscher die herkömmliche Impfstoffproduktion in Hühnereiern beschleunigen. "Der neue Impfstoff soll mit weniger Antigen auskommen - das spart Zeit bei der Anzüchtung der Impfstämme", sagt Stöcker. Außerdem würden nicht, wie bisher, die für die Immunisierung nötigen Oberflächenmoleküle vom Virus abgespalten, sondern abgetötete ganze Erreger für die Impfung verwendet.
Noch dieses Jahr soll der Prototyp zugelassen werden, kündigte das Gesundheitsministerium an. Drei bis vier Monate nach Pandemieausbruch könnte dann genug maßgeschneiderter Impfstoff für eine flächendeckende Immunisierung bereit sein.
Noch schneller könnte die Produktion werden, wenn der Impfstoff nicht mehr in Hühnereiern produziert wird, sondern mit gentechnischen Methoden in Zellkulturen. An einem solchen Verfahren arbeitet das Frankfurter Team um Michaelis gemeinsam mit anderen europäischen Forschern und dem österreichischen Unternehmen Green Hills Biotechnology. "Ziel ist die Kombination verschiedener Grippeviren zu einem abgeschwächten Lebendimpfstoff. Er soll besser vor Grippeinfektionen schützen als die verfügbaren Impfungen, die nur einen etwa 70-prozentigen Schutz bieten", erläutert Michaelis.
Auch wenn es ein Irrglaube ist, dass die Immunisierung gegen die gewöhnliche Grippe vor der Ansteckung mit einem mutierten H5N1-Virus schützen könnte, empfehlen Experten diese Schutzimpfung. Erstens fordert die Grippe allein in Deutschland jährlich 5000 bis 8000 Todesopfer. Zweitens fördert die Nachfrage nach Grippeimpfungen indirekt den Schutz vor einer künftigen Pandemie: "Wenn die Impfstoffhersteller feststellen, dass der Absatz von Grippeimpfstoff zunimmt, erhöhen sie die Produktionskapazitäten", erläutert Michaelis. "Das würde dann im Fall einer Pandemie dazu beitragen, dass größere Impfstoffmengen schneller produziert werden können." PEI-Sprecherin Stöcker stimmt zu: "Da Grippeimpfstoff immer nur für eine Saison erzeugt wird, richten sie die Mengen am voraussichtlichen Bedarf aus." Wenn also immer mehr Patienten nach einer Spritze gegen Grippe fragen, signalisiere das steigende Absatzmöglichkeiten.
Tückisches Virus Erste Hilfe Das Grippemedikament Tamiflu gilt als taugliches Mittel gegen die Vogelgrippe. In Vietnam haben Forscher jedoch bereits eine dagegen resistente H5N1-Variante gefunden.
Befürchtung Das Vogelvirus könnte zum Ausgangspunkt einer auch für Menschen gefährlichen weltweiten Seuche werden.
Impfstoff Forscher und Pharmaunternehmen arbeiten daher an der Entwicklung eines Impfstoffs.