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  FTD-Serie: 101 Köpfe der deutschen Forschung

Wer steckt hinter wegweisenden Entwicklungen und Techniken der Zukunft? Wer bringt den Forschungsstandort Deutschland maßgeblich voran? Wir stellen die führenden Akteure in Wissenschaft und Forschung vor.

Merken   Drucken   21.03.2005, 18:37 Schriftgröße: AAA

Ina Schieferdecker: Computerbits und Handlesen

Ina Schieferdecker verfeinert die Methoden, mit denen Unternehmen ihre Technik testen können, und bewahrt sie so vor Blamagen. Für die Hausarbeit ist sie nicht geboren. von Ines Zöttl
Ina Schieferdecker, Abteilungsleiterin am Fraunhofer Institut für ...   Ina Schieferdecker, Abteilungsleiterin am Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssysteme
Ina Schieferdecker ist ein wandelndes Klischee. Sie ist die Karrierefrau, die geradlinig ihren Weg bis zur Professur mit 36 Jahren ging. Sie ist der tapfere Ossi, der es den Wessis nach der Wende so richtig zeigte. Sie ist die Forscherin, die in ihrem Elfenbeinturm nachts stundenlang an langen Zahlenkolonnen herumfriemelt.
Ina Schieferdecker ist das alles - und sie ist nichts davon. Die Informatikerin ging bald nach der Geburt ihrer beiden Mädchen voll in den Job zurück, weil der Mann sich selbstständig machte und die Familie ein festes Einkommen brauchte. Heute ist die 38-Jährige Abteilungsleiterin am Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssysteme. Daneben lehrt sie an der TU Berlin, gründete 2000, als die New Economy gerade kollabiert war, ein Unternehmen, das heute solide läuft. Und bekam 2004 den Alfried-Krupp-Förderpreis für junge Hochschullehrer.
Ihr Lebensmittelpunkt ist das Testen
Das ist gut fürs Renommee, aber noch mehr freut sie sich über das Geld. Mit den 500.000 Euro kann sie "zwei Leute finanzieren, die ich frei einsetzen kann. Genial." Denn genau das störte sie in Deutschland: Junge Wissenschaftler kommen schwer an Forschungsmittel heran. Doch auch das sieht die Professorin, die viel lacht, sportlich: "Der Tüchtige findet sein Glück. Man muss halt einen Antrag nach dem anderen schreiben, irgendwann klappt es."
So wie bei ihr alles andere auch ganz gut klappt. Und wenn nicht, wird es verbessert - gut gelaunt, pragmatisch, zielorientiert. Die richtige Einstellung für jemanden, dessen Lebensmittelpunkt das Testen ist. Ina Schieferdecker forscht auf dem Gebiet des systematischen, modellbasierten Testens. Klingt kompliziert, dabei ist die Idee einfach: Das Handy, der Computer das Auto sollen funktionieren. Sie entwickelt Verfahren, mit denen zum Beispiel Netzbetreiber ihre komplexe Technik systematisch prüfen können, bevor sie auf den Markt kommen.
So weit, so gut - aber nicht für die dynamische Forscherin. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, System- und Testentwicklung zu verbinden. "Bislang sagte man: Ist getestet, also okay. Ich will wissen, wie die Qualität eines Tests ist. Was hat man nachgewiesen?" Außerdem möchte sie erreichen, dass nicht nur bis zur Abnahme eines Systems getestet wird, sondern auch danach. Testen von der Wiege bis zu Bahre. Dafür muss sie noch viel Überzeugungsarbeit leisten. "Testerei klar", sage jeder. Doch dann konzentrierten Unternehmen ihre Kräfte lieber darauf, neue Technik zu bauen.
Mit burschikosen Charme voran
Mit ihrem burschikosen Charme wird die junge Professorin ihre Sache in den kommenden Jahren ohne Zweifel voranschubsen. Ihr fehlt die in der Wissenschaftselite gern gepflegte Empfindlichkeit. Ina Schieferdecker arbeitet in einer Männerdomäne. Statt darüber zu klagen, sieht sie den Vorteil: Frauenförderung ist ja gerade en vogue. Etwas peinlich ist ihr nur, "dass mich als einzige Frau jeder kennt, ich aber oft nicht weiß, wer jemand ist". Sie war nie länger im Ausland, na und? "Sie können sich auch in den USA in ihrem Büro verbarrikadieren. Entscheidend ist, in der internationalen Community eingebunden zu sein."
Die üblichen Klagen über zu wenig Zeit für sich und die Familie kommen ihr nicht über die Lippen. In den vergangenen zwei Wochen jettete sie von einem Meeting zum nächsten. Am Wochenende aber wird sie mit den Töchtern in Brandenburg "bladen". Arbeiten kann sie auch nachts.
Die Wunderfrau? Fast: Auf einer Feier ließ sie sich jüngst von einer Wahrsagerin die Hand lesen. Die Frau wandte sich an Ina Schieferdeckers Mann: "Sie haben eine tolle Frau. Aber für Hausarbeit ist die nicht geboren."
Persönliche Fragen
Was war Ihr schlechtestes Schulfach? Astronomie - ich mochte den Lehrer nicht.
Wann haben Sie Ihre besten Einfälle? Nachts im Halbschlaf und frühmorgens am Schreibtisch.
Welche Innovation brauchen wir am dringendsten? Eine, die das Welternährungsproblem löst.
  • FTD, 21.03.2005
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