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Merken   Drucken   19.06.2005, 18:21 Schriftgröße: AAA

Innovation in der Gardine

Ingenieure entwickeln Sticktechnologien für Haushalt, Industrie und Medizin. So lassen sich mit Stickereien Räume temperieren, elektrische Geräte antreiben und sogar Wunden heilen. von Ole Neugebauer
Die Enkel sind begeistert. Sonst ist es immer langweilig, wenn Oma ihre neuen Stickgardinen vorstellt. Aber diese Gardine hat irgendwas von Disko: Ihre Muster erhellen den abgedunkelten Raum, erstrahlen in kräftigem Rot und Blau. Ganz ohne Lichtquelle. Das Garn leuchtet selbst.
Die Idee, leuchtende Textilien herzustellen, ist nur eine von zahlreichen Innovationen rund um die Sticktechnologie. Im sächsischen Plauen haben sich jetzt 14 Unternehmen zum Netzwerk "Innostick" zusammengeschlossen, um gemeinsam neue Einsatzfelder für das Traditionshandwerk zu erschließen. So lassen sich mit Stickereien Räume temperieren, elektrische Geräte antreiben und sogar Wunden heilen. Unterstützt wird das Netzwerk vom Programm "Netzwerkmanagement-Ost" (NEMO) des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit.
Zusätzlicher Nutzen für vorhandenes Textil
Die innovativen Sachsen wollen erforschen, wie sich bereits vorhandenes Textil zusätzlich nutzen lässt. Zum Beispiel der Teppich im dunklen Kino: Mit Licht leitenden Glasfaserkabeln verstickt, leuchtet er dem Besucher den Weg. Auch Gardinen können mehr sein als nur Sichtschutz. "Als es im Sommer 2003 so heiß war, kamen wir auf die Idee mit den Klimagardinen", erinnert sich Franz Rudolph, Netzwerkmanager von Innostick. Kühlflüssigkeit durchläuft die in die Gardine eingestickten Schläuche. Im Winter sorgt die gleiche Technik mit Heizflüssigkeit für Wärme.
Mit Stickereien aus silberbeschichteten Polyamidfäden lässt sich sogar Strom durch Textilien leiten. "Den Markt für Sticktechniken, die Geweben technische Funktionen übertragen, halten wir für sehr zukunftsträchtig", sagt Andreas Neudeck vom Textilforschungsinstitut Greiz in Thüringen.
Überwachung Herzkranker aus der Ferne
Forscher aus Greiz wollen leitende Stickereien in einer Art "EKG-Shirt" einsetzen. Damit können Herzkranke aus der Ferne überwacht werden. Die verstickten Polyamidfäden leiten den Strom für die EKG-Messelektrode durch die Kleidung. Isolierende Schichten sorgen dafür, dass der Patient vom Stromfluss nichts merkt. Die Elektrodenimpulse werden per Polyamidfaden zu einem Transponder-Chip geleitet. Der funkt sie über seine gestickte Antenne an den Arzt. Probleme macht hier noch die Hygiene: Ein Kleidungsstück muss auch mal gewaschen werden, und das überleben viele Chips nicht.
Ärger mit der Elektronik gibt es beim "Tissue Engineering" dagegen nicht: Dort werden gestickte Textilien zur Heilung von menschlichem Gewebe eingesetzt. Beispielsweise dienen Polyester-Fasern in Wundkompressen als Führungsschienen für nachwachsende Hautzellen. Rudolph denkt schon weiter: "Wir erforschen zurzeit Textilien, die nach Brüchen das Knochenwachstum unterstützen." Stickereien im eigenen Körper - da wird selbst die Oma staunen.
  • Aus der FTD vom 20.06.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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