Rush-Hour in Kopenhagen. Die dänische Hauptstadt macht seit Jahren vor, wie die mobile Zukunft von Stadtbewohnern aussehen könnte. Tausende radeln jeden Morgen gen Innenstadt. Diszipliniert fahren sie auf eigenen Fahrstreifen am Autostau vorbei zur Arbeit. Ohne zeitraubende Parkplatzsuche erreichen die Radfahrer ihr Ziel deutlich schneller als die motorisierten Kollegen. Dänemarks Hauptstadt ist ein Paradies für Pedalritter.
Ähnliche Verhältnisse herrschen in den niederländischen Städten von Amsterdam über Utrecht bis Eindhoven, in Deutschland profitieren vor allem Münster und Erlangen von einer ausgeprägten Zweiradkultur, die jeden Tag Verkehr und Umwelt wirksam entlastet.
„Weniger Auto fahren, deutlich mehr zu Fuß gehen, öfter das Fahrrad nutzen und manchmal öffentliche Verkehrsmittel nehmen – das ist nachhaltige Nahmobilität“, sagt Werner Brög, Geschäftsführer des Socialdata Instituts für Verkehr und Infrastrukturforschung in München. Doch diese Art der Ressourcenschonung mit einfachen Mitteln werde leider noch zu wenig umgesetzt.
Immer mehr Städte in Europa erkennen aber das Potenzial, das in den Pedalen steckt, und wollen es nutzen. So reicht in Kopenhagen ein 20-Kronen-Stück, um sich in der Innenstadt ein öffentliches Rad für einen beliebigen Zeitraum auszuleihen. Ganze Flotten von Leihfährrädern gibt es mittlerweile auch in Barcelona oder Paris. Dort müssen sie allerdings gegen eine kleine Gebühr elektronisch entriegelt werden.
In Deutschland findet das Bahn-Bike der Deutschen Bahn immer mehr Freunde. Für sieben Cent pro Minute radeln registrierte Nutzer in München, Berlin, Köln, Stuttgart und Hamburg. Das „Call a bike"- Konzept, das die innerstädtische Mobilität verbessern soll, wird bis Ende 2009 auf 100 Städte mit ICE-Bahnhöfen ausgeweitet.
Stuttgart findet so viel Gefallen an den Radfahrern, dass die Stadt ein eigenes Leihsystem einführt. „Pedelec“ heißt der Modellversuch. Oberbürgermeister Wolfgang Schuster beziffert sein Ziel: „Fahrräder sollen mittelfristig einen Anteil von 20 Prozent am innerstädtischen Verkehr bestreiten."
„Hin zu einer neuen Kultur der Mobilität in der Stadt" nennt die Europäische Kommission ihre Strategie gegen den zunehmenden Verkehr in den Metropolen. In diesem Grünbuch beziffert sie auch die Folgen von Staus, Verspätungen und Umweltverschmutzungen: „Die Europäische Wirtschaft verliert aufgrund dessen alljährlich fast 100 Mrd. Euro."
In allen Mitgliedstaaten unterstützt die EU daher zahlreiche Konzepte für eine Verbesserung der innerstädtischen Mobilität. Ohne Verzicht auf das Auto, nur durch eine wohl überlegte Wahl der Verkehrsmittel könnte laut Werner Brög in einem ersten Schritt schon viel erreicht werden.
Allein wenn jeder Autofahrer in Österreich oder Deutschland nur zwei Fahrten pro Woche auf ein umweltschonendes Verkehrsmittel verlagern würde, würde das Verkehrsaufkommen um etwa 15 Prozent sinken. Viele Strecken sind kürzer als ein Kilometer, das Umsteigen ist in diesen Fällen durchaus zumutbar. Meistens ist der Radfahrer sogar deutlich schneller am Ziel als Autos.
Seite 2: Die Zukunft der innerstädtischen Mobilität