"Eine Unterrichtsstunde vorzubereiten ist wie Basteln", sagt Eva-Maria Schäffer. Nur dass es für sie keine Anleitung gibt. Die 27-Jährige ist Referendarin für Biologie und Chemie am Kaspar-Zeuß-Gymnasium im oberfränkischen Kronach. Doch wie vielen jungen Lehrern fehlt ihr das didaktische Rüstzeug, um ihren Stoff für die Schüler aufzubereiten.
"Fachlich fühle ich mich durch das Studium sehr gut vorbereitet, doch wie breche ich zum Beispiel ein Thema wie das menschliche Verdauungssystem für einen Zwölfjährigen herunter? Wie spreche ich die verschiedenen Lerntypen in einer Klasse an? Wo finde ich geeignete Modellversuche, um den Schülern zu erklären, wie die Leber funktioniert?"
Schäffer weiß es nicht, und sie findet kaum jemanden, der es ihr sagen kann. Die älteren Kollegen müssen gerade selbst von vorne anfangen, denn das achtstufige Gymnasium (G8) in Bayern stellt auch sie plötzlich vor neue Aufgaben. Erfahrungen mit einer zehnten Klasse, wie Schäffer sie unterrichtet, hat im G8 noch kein Lehrer gemacht. Hinzu kommt, dass es vormittags kaum Zeit für den Austausch unter Kollegen gibt und nachmittags die meisten Lehrer alleine zuhause arbeiten.
So macht sich die Referendarin selbst auf die Suche: "Übungsaufgaben, Folien oder Arbeitsblätter sind schon vorhanden, aber bis ich einen Überblick habe und mich entscheiden kann, was ich wie verwende, sind 60 Prozent meiner Vorbereitungszeit vergangen." Das ist kein Einzelfall in Deutschland. Deshalb mehren sich die Forderungen nach Lehrer-Netzwerken im Internet.
Zwei, die sich dafür einsetzen, sind Klaus Wenzel, der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), und Udo Beckmann, der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). "Wir brauchen dringend eine Vernetzung aller, die mit Bildung zu tun haben, weil man dann das Rad nicht mehr ständig neu erfinden muss", sagt Wenzel. Bislang seien die Strukturen für den Austausch kaum vorhanden. Sie könnten jedoch "unendliche viele Chancen" bringen. "Online-Netzwerke stecken bundesweit noch in den Anfängen", stimmt Beckmann zu.
Einen ersten Schritt hat der VBE-Landesverband Nordrhein-Westfalen zusammen mit dem Düsseldorfer Bildungsministerium und der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt unternommen. Seit Februar wird in dem Bundesland nicht mehr nur in der dritten und vierten, sondern auch in den ersten und zweiten Klassen Englisch unterrichtet.
Die betroffenen Lehrer können sich mit dem "Okay-English-Webcoach" selbstständig fortbilden. Der elektronische Trainer zeigt im Internet mehr als 100 Kurzfilme. Die zeigen unter anderem, wie ein Lehrer mit einer Handpuppe seinen Schülern die Angst vor der fremden Sprache nimmt.
Außerdem bietet der Webcoach Studienbriefe und Hinweise zu weiterführender Literatur. Im Hintergrund zählt der Server die Zeit, die der eingeloggte Lehrer in dem System verbringt. Nach drei Stunden stellt der VBE oder die Universität Eichstätt-Ingolstadt ein Weiterbildungs-Zertifikat aus. "Das ist ein virtuelles Praktikum, das dringend nötig war", sagt Heiner Böttger, Eichstätter Professor für Didaktik der Englischen Sprache und Literatur. Er betreut das Projekt wissenschaftlich. Finanziert wird es von der Stiftung Lernen.
Teil 2: Doppelte Arbeit und Frust vermeiden