Wenn Bettina Satory über ihre Arbeit spricht, klingt sie wie eine Entwicklungshelferin. "Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe", sagt die Leiterin des Career Services an der Technischen Universität (TU) Berlin. "Die Leute kriegen von uns nicht den Fisch, sondern die Angel." Die Angel, das ist ein Praktikum oder ein Projekt in einem Unternehmen, das Satory und ihr Team während des Studiums vermittelt. Der Fisch, das ist der spätere Job.
Spätestens seit der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge wird es für Hochschulen immer wichtiger, ihre Studenten nicht nur wissenschaftlich auszubilden, sondern schon während des Studiums die Berufsbefähigung zu fördern - damit sie nach dem Abschluss schnell in die Praxis starten können. Im Wettbewerb um Studenten dient ein guter Career Service mittlerweile der Profilbildung einer Hochschule.
Privatuniversitäten haben diesen Mehrwert früh erkannt und in den Aufbau von Career Center nach amerikanischem Vorbild investiert. Hochschulen wie die European Business School in Oestrich-Winkel oder die WHU/Otto-Beisheim-School of Management konkurrieren schon jetzt um den besten Managementnachwuchs. Dabei ist der Nachweis, dass ihre Absolventen gut bezahlte Jobs finden, ein immenser Prestigefaktor. "Die Erwartungshaltung von Studenten und Unternehmen ist hoch", sagt Heike Hülpüsch, Leiterin des Career Service an der WHU in Vallendar. Die Studenten durchlaufen einen strengen Auswahlprozess und wollen individuell betreut und gefördert werden. Unternehmen unterstützen Angebote an der Uni und erwarten dafür als Gegenleistung Kontakt zu Studenten.
Staatliche Hochschulen tun sich dagegen noch schwer, Verantwortung für den beruflichen Erfolg ihrer Absolventen zu übernehmen. "In den vergangenen Jahren ist zwar die Zahl der Einrichtungen gestiegen", sagt der Leiter des Career Service an der Uni Freiburg, Michael Borchardt. Mittlerweile bieten nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz rund 100 Hochschulen einen derartigen Service an. Doch deren Ausstattung ist oftmals dürftig. "Manchmal sind es eher Alibiveranstaltungen", sagt Borchardt.
Johanna von Luckwald bestätigt: "Nach wie vor ist der Career Service vielerorts eine One-Man- oder One-Woman-Show." Die Pädagogin promoviert derzeit an der Uni Köln über die Professionalisierung der Career Services in Deutschland und hat in einer Studie die Organisation und Ausstattung analysiert. Eine zentrale Erkenntnis: Vielerorts sind ein bis drei Mitarbeiter für bis zu 20.000 Studenten zuständig. In den USA, zum Vergleich, arbeiten in den Career Center mittelgroßer Hochschulen gut 30 Angestellte.
Andreas Eimer betreut an der Uni Münster zusammen mit zwei Kollegen jährlich gut 5000 Absolventen. Individuelle Dienstleistungen wie das passgenaue Placement von Studenten auf Stellen seien da unmöglich. Michael Borchardt hat an der Uni Freiburg immerhin 14 Angestellte. Damit trägt er auch zur Profilbildung bei. "Wir sind in das Hochschulmarketing eingebunden und an Absolventenstudien beteiligt", sagt Borchardt. Dafür wurde sein Career Service, wie auch der von der TU Berlin und der WHU, bei einem Wettbewerb des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft mit 100.000 Euro ausgezeichnet.
Von solchen Leuchtturmprojekten abgesehen, wird der Career Service bislang kaum als strategisches Ziel der Hochschulen wahrgenommen. "Die Hochschulen wissen zwar um die Bedeutung der Berufsvorbereitung", sagt von Luckwald, "es fehlt jedoch die entsprechende Umsetzung durch eine langfristige Finanz- und Stellenplanung."
Größtes Hindernis für eine ausreichende Finanzierung sei das "humboldtsche Universitätsverständnis", sagt sie. Geld würde zuerst in Forschung und Lehre gesteckt, nicht in berufsvorbereitende Maßnahmen. Marina Vollstedt vom Career Service der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg beklagt den ausbleibenden Mentalitätswandel: "Die Professoren haben als oberste Priorität, vernünftige Forschung zu machen, Drittmittel einzuwerben und wissenschaftlichen Nachwuchs auszubilden." Nicht aber, Studenten auf einen Beruf vorzubereiten.
Das könnte sich ändern, wenn Einnahmen aus Studiengebühren mehr in Dienstleistungen für Studenten investiert werden. Zusätzlich versuchen einige Career Services bereits jetzt, Drittmittel einzuwerben, indem sie Dienstleistungen für Firmen oder einige Seminare kostenpflichtig anbieten. Ist die Career-Arbeit erfolgreich, trägt sie sich selbst: Zufriedene Alumni empfehlen ihre Uni, halten Kontakt zum Berufsleben, bestenfalls spenden sie ihrer Alma Mater später Geld. In den USA und an privaten Hochschulen wird darüber bereits ein Teil der Career-Arbeit refinanziert. So weit sind staatliche Unis hierzulande noch lange nicht.
Heike Hülpüsch von der WHU erwartet allerdings künftig auch von dort mehr Konkurrenz. "Vor allem die Eliteunis müssen etwas tun, um ihren Status zu halten."