"Austherapiert" nennen Ärzte diese Fälle, bei denen sie alles versucht haben. Taucht dann ein unerprobtes neues Medikament auf, sind es meistens austherapierte Patienten, die sich auf das Wagnis einlassen. In diesem Fall das Wagnis, das Immunsystem gegen den Krebs in Marsch zu setzen - in eine Schlacht, von der nicht klar war, wie stark sie den Körper in Mitleidenschaft ziehen würde.
Blinatumomab besteht aus künstlichen Antikörpern, die zwei Arme haben. Einer davon dockt an ein Molekül auf den Krebszellen an. Der zweite Arm bindet an eine bestimmte Art von weißen Blutkörperchen und aktiviert sie.
Diese T-Lymphozyten können entartete Körperzellen töten. Das aber gelingt ihnen bei vielen Krebsarten nicht, weil das befallene Gewebe sich tarnt. "Wir können die T-Zellen auf den Krebs abrichten", sagt Patrick Bäuerle, Forschungsleiter der Herstellerfirma Micromet, eine Ausgründung der Universität München. "Wenn sie mit dem Antikörper verknüpft werden, macht sie das richtig wild. Dann werden sie zu Serienmördern."
Tatsächlich erwiesen sich die Antikörper als sehr effektiv, vor allem in höheren Dosierungen, wie eine Arbeitsgruppe um Bäuerle im Fachmagazin "Science" berichtet. Bei allen sieben Patienten, die die stärkste Dosis erhalten hatten, schrumpften die Tumore stark oder verschwanden, auch ins Knochenmark eingewanderte Krebszellen wurden vernichtet. Insgesamt sprachen elf Patienten auf die Behandlung an, bei den meisten hält der Erfolg auch mehrere Monate nach dem Absetzen des Medikaments noch immer an.
Blinatumomab soll bald in die Zulassung gehen
Zu spaßen ist mit den in Marsch gesetzten T-Zellen nicht: Wenn sie im Gewebe wüten, sind ähnliche Symptome wie bei einer schweren Infektion möglich. "Man kann innerhalb von Minuten richtig krank werden", sagt Georg Maschmeyer, Chefarzt der Klinik für Hämatologie und Onkologie am Berliner Klinikum Ernst von Bergmann, der vor zehn Jahren die ersten Versuche begleitet hatte. Offenbar sei aber an der Dosierung jahrelang gefeilt worden: Bei der jüngsten Studie traten nur noch wenige Nebenwirkungen auf.
Blinatumomab soll bald in die Zulassung gehen und ist für Nordamerika an den Pharmakonzern AstraZeneca lizenziert. Micromet testet bereits Antikörper gegen weitere Tumore - und könnte auch Wirkstoffe anderer Hersteller aufrüsten. Das Brustkrebsmedikament Herceptin etwa oder das Darmkrebsmittel Erbitux, beides Antikörper, die auf Krebszellen bestimmte Rezeptoren blockiert. "Wir können daraus Antikörper machen, die zusätzlich T-Zellen aktivieren", sagt Bäuerle. "Ich bin da skeptisch", sagt Maschmeyer, denn die Andockstellen etwa für Herceptin fänden sich auch auf gesunden Zellen: "Das fliegt Ihnen um die Ohren."