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Merken   Drucken   21.08.2007, 14:11 Schriftgröße: AAA

Länder-Check Bildung: Wir können alles außer Integrieren

Dossier Baden-Württemberg landet im Ländervergleich auf dem zweiten Platz und zeigt fast keine Schwächen. Nur mit der Integration hat das Ländle Probleme. von Antonia Götsch
In den Sommerferien haben etliche Schulen in Baden-Württemberg eine Schönheitsbehandlung bekommen. Überall im Südwesten wurden Dächer repariert, Böden erneuert und Wände verputzt. Die Steuereinnahmen sind gestiegen, und die Kommunen investieren das Geld - vor allem in Schulen und Kindergärten.
Der Haushaltsposten "Bildung" hat im Ländle höchste Priorität - ein wichtiger Faktor für den Erfolg beim Bildungsmonitor. Im Ranking des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) belegt Baden-Württemberg hinter Sachsen Platz zwei. Schon bei Pisa zeigten die Schüler, dass sie sich mit Franzosen und Kanadiern messen können. 63 Hochschulen - darunter die Exzellenzuni Karlsruhe, Freiburg und Heidelberg - locken Studenten aus ganz Deutschland in den Süden.
Vorbildlich ist auch die berufliche Bildung. 93 Prozent aller Lehrlinge bestehen ihre Abschlussprüfung, in Brandenburg schaffen das gerade mal 74 Prozent, in Sachsen 82 Prozent. "Die Unternehmen engagieren sich stärker für den Nachwuchs als in anderen Regionen", sagt Hendrik Voss vom IW. Gerade die kleinen Zulieferbetriebe in der Autobranche sind darauf angewiesen, Fachkräfte auszubilden und zu halten. Mit 5960 Euro, die die Landesregierung jährlich für jeden Berufsschüler ausgibt, liegt Baden-Württemberg fast 1000 Euro über dem Bundesschnitt. "Bildung und Beruf sind im Südwesten eng verzahnt", sagt Voss. Ein Beispiel sind die Berufsakademien, die seit den 70er-Jahren Studium und Ausbildung verbinden und vielfach kopiert wurden.
Berufskollegs und Wirtschaftsgymnasien führen etliche Jugendliche, die von der Hauptschule kommen, doch noch zur mittleren Reife oder zum Abitur und machen das dreigliedrige System so durchlässig.
Lediglich 6,7 Prozent der Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss, das ist der beste Wert im Länderranking, in Sachsen sind es 9,1 Prozent in Hamburg 11,5 Prozent. Auch der Anteil der Schüler, die in der Pisa-Studie als Risikogruppe bezeichnet werden, ist gering. Umso erstaunlicher, dass der Südwesten bei der Integration von Migranten relativ schlecht abschneidet. Hier liegt der Wert der Schulabbrecher mit 16,7 Prozent nah am Bundesdurchschnitt von 17,4 Prozent.
Kaum Frühförderung für Migrantenkinder
"Viele Migranten fallen durchs Raster, weil es an Frühförderung im Kindergarten fehlt", sagt Michael Gomolzig, stellvertretender Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung. Etliche Studien belegen, dass Ganztagsplätze in Kindergärten und Schulen vor allem die Leistungen von Problemschülern verbessern. Doch in Baden-Württemberg wurden im Jahr 2005, auf das sich der Bildungsmonitor bezieht, nur sieben Prozent aller Kitaplätze ganztägig angeboten - bundesweit sind es immerhin 22 Prozent. Der Anteil von Grundschülern an öffentlichen Ganztagsschulen lag 2005 bei mageren 1,9 Prozent (Bundesdurchschnitt: 9,5 Prozent). "Inzwischen ist die Regierung jedoch aufgewacht", sagt Gomolzig. Das Modellprojekt "Schulreifes Kind" fördert Kinder mit Lern- und Sprachdefiziten bis zu 18 Wochen. Mit den Fördermitteln des Bundes sollen vor allem Grund- und Hauptschulen für den Ganztagsbetrieb ausgebaut werden. Die Hauptschulen erhalten zusätzlich pädagogische Assistenten und sollen mehr Deutsch und Mathe unterrichten.
Ob 26 Mio. Euro Fördergeld ausreichen, darüber streiten Regierung und Opposition. Dass Baden-Württemberg mehr Migranten zur mittleren Reife und zum Abitur führen muss, steht jedoch fest, wie das Statistische Landesamt vorrechnet. Anders könne das Land sein hohes Bildungsniveau nicht halten und die Betriebe mit Fachkräften versorgen. Bereits jetzt stammt jeder dritte Jugendliche aus einer Zuwandererfamilie.
Tops und Flops
Stärken Gute Schulen und Berufsschulen, wenige Schulabbrecher und Sitzenbleiber, hohe Investitionen ins Bildungssystem, wettbewerbsorientierte Hochschulen, die viele Drittmittel einwerben, hoher Grad an Internationalisierung, kurze Ausbildungszeiten.
Schwächen Integration von Migranten, wenige Ganztagsplätze in Kindergärten und Schulen, wenige Krippenplätze.
  • Aus der FTD vom 22.08.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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