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Merken   Drucken   03.04.2006, 18:27 Schriftgröße: AAA

Langsamer geht's schneller  

Verkehrsphysiker wissen: Drängler können ein ganzes System zum Erliegen bringen. Gezieltes Ausbremsen bewährt sich auch beim Verladen von Containern und in der Produktion. von Ralf Krauter, Dresden
Verkehr in New York   Verkehr in New York
Samstagvormittag in der Dresdener Innenstadt: Passanten warten mit Einkaufstüten auf eine Lücke im fließenden Verkehr. Große Lücken sind selten, so kommt es, dass mancher Ungeduldige eine zu kleine Lücke zum Überqueren wählt. Die Autofahrer bremsen, der Verkehr kommt zum Stillstand, weitere Passanten hasten über die Straße. Dumm für die Autofahrer, aber gut für die Fußgänger? Stimmt nicht. Denn sobald sich der gestaute Autopulk wieder in Bewegung setzt, bleiben selbst kurze Lücken im Verkehr minutenlang Mangelware.
Solche Verkehrsphänomene untersuchen Physiker schon länger. Jetzt haben sie ähnliche Effekte auch bei industriellen Produktionssystemen entdeckt. So können sie Abläufe optimieren und Kosten senken. Ihre Ergebnisse präsentierten die Forscher vergangene Woche auf der Physikertagung in Dresden.
Dirk Helbing ist Professor am Institut für Wirtschaft und Verkehr der Technischen Universität Dresden. Seine Expertise bei der Optimierung von Verkehrs- und Materialflüssen ist in der Wirtschaft gefragt. Die Namen seiner Auftraggeber darf er allerdings nicht verraten - schließlich geht es um sensible Informationen. "Dirk Helbing nutzt Methoden aus der theoretischen Physik auf originelle und vielversprechende Weise", urteilt Kollege Stefan Bornholdt, Professor an der Universität Bremen und Vorsitzender des Arbeitskreises sozio-ökonomische Systeme der Deutschen Physikalischen Gesellschaft DPG.
Blockade an der Kapazitätsgrenze
Schon im Jahr 2000 untersuchte Helbing das Fluchtverhalten panischer Fußgängermassen und erkannte: "Langsamer geht's häufig schneller." Drängeln führt zu Reibungseffekten, die den Menschenstrom ins Stocken bringen. "Je mehr wir ein System an seine Kapazitätsgrenzen treiben, umso größer ist die Gefahr, dass es solche Blockadeeffekte gibt", sagt er. Vom Straßenverkehr ist das bekannt. Doch auch auf Containerhäfen, in der Halbleiterfertigung und bei der Papierherstellung gibt es vergleichbare Probleme - nur dass dort kranke Mitarbeiter oder eine ausgefallene Maschine für Engpässe sorgen. Für die Verkehrsforscher sind die mathematischen Modelle aber ähnlich und lassen sich erfolgreich übertragen. Ergebnis der Entschleunigung: höherer Durchsatz, verringerte Kosten, gesteigerte Effizienz.

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