Die Hirnaktivität verrät den Schwindler - sobald am Monitor einzelne Hirnregionen rot aufleuchten
Washington Dulles International Airport. Die Sicherheitsbeamten winken einen Mann aus der Warteschlange. "Haben Sie jemals Drogenmissbrauch betrieben?", fragen sie ihn. "Nein", antwortet der Verdächtige. Doch auf dem Bildschirm erscheint eine Aufnahme seines Gehirns; mehrere Regionen leuchten dort knallrot auf. Es sind die Betrugszentren: Der Lügner ist entlarvt.
Das Szenario ist fiktiv, aber es könnte bald Realität werden, ginge es nach der Vorstellung zweier US-amerikanischer Unternehmen. Cephos in Pepperell, Massachusetts, und No Lie MRI in Philadelphia wollen schon Mitte dieses Jahres einen neuen Lügendetektor auf den Markt bringen, der direkt ins Gehirn blicken kann.
"Wir können derzeit mit einer Sicherheit von gut 90 Prozent sagen, ob jemand lügt", sagt No-Lie-MRI-Chef Joel Huizenga. Das ist besser als herkömmliche Methoden. So genannte Polygrafen decken Schwindel in nur 70 bis 80 Prozent der Fälle auf. Sie sind daher in Deutschland gar nicht und in den USA nur vor einigen Gerichten als Beweismittel zulässig.
Betrug läßt sich nicht mehr verbergen
Ein Polygraf misst nur äußere Reaktionen wie Angstschweiß, Herzschlag und Hautwiderstand, die durch den Stress des Lügens hervorgerufen werden. Das Problem: Ein abgebrühter Betrüger kann diese Symptome unterdrücken. Dagegen geht der Hirnscanner direkt an den Ort, an dem der Schwindel entsteht: Im Gehirn lässt sich die Lüge kaum verstecken. "Unseren Testpersonen ist das zumindest nicht gelungen", sagt Cephos-Geschäftsführer Steven Laken.
Biologe Laken hat mit Forschern von der Universität South Carolinas die bislang größte Studie zur Lügendetektion mit dem Hirnscanner durchgeführt. 61 Personen sollten darüber, ob sie zuvor eine teure Uhr stibitzt hatten, die Wahrheit sagen oder lügen.
Währenddessen lagen sie in einer schmalen Röhre, die ihr Denkorgan durchleuchtete. Funktionelle Magnetresonanztomografie, kurz fMRI, heißt die Technologie, die bisher nur in der Medizin verwendet wird. Das Gerät zeigt die Sauerstoffversorgung des Gehirns und somit, welche Bereiche gerade aktiv sind.
Einheitliches Hirnmuster beim Lügen
Bei den meisten Lügnern zeigte sich in der Tat ein einheitliches Hirnmuster: Offenbar verlangt der Betrug den Hirnzellen mehr Arbeit ab. Beim Lügen ist ein ganzes Netzwerk von Hirnarealen aktiv. Das Schwindeln ist eine komplexe Angelegenheit, Wahrheit und Lüge müssen zugleich gedacht und erstere unterdrückt werden.
Die Wissenschaftler entwickelten nun aus den wahren und falschen Antworten sowie den Reaktionen darauf Algorithmen, die die Lüge herausfischen sollen. Allerdings ist die Treffsicherheit ihres Verfahrens noch nicht optimal. Bei einigen Probanden stimmten Antwort und Deutung nicht überein. "Wir wissen nicht, ob die Gehirne dieser Menschen einfach anders arbeiten", gibt Steven Laken zu.
Kritiker sind skeptisch. "Das Verfahren ist noch viel zu unausgereift, um es schon auf den Markt zu bringen", sagt Hank Greely, Direktor des Zentrums für Recht und Biowissenschaften an der Stanford-Universität in Kalifornien. "Dadurch kann das Leben von unschuldigen Menschen zerstört werden."
Lange Liste potenzieller Abnehmer
Jurist Greely fordert: "Wir brauchen eine gesetzliche Regelung für den Einsatz solcher Lügendetektoren." Regierungsbehörden beispielsweise dürfen nach Lust und Laune Lügentests durchführen; der Polygraf ist beispielsweise bei Vernehmungen noch immer im Einsatz. Dagegen wird jedes Gericht den Einsatz von Hirnscans in Zukunft einzeln abwägen müssen.
Noch in diesem Jahr wollen Joel Huizenga und Steven Laken ihr Verfahren verbessern und vermarkten. Da ein fMRI-Gerät mehr als 1 Mio. $ Dollar kostet, wollen Cephos und No Lie MRI vor allem den Auswertungsservice verkaufen. An Universitäten und medizinische Zentren sollen Lizenzen vergeben werden. Dort können Verdächtige dann gescannt werden, die Daten werden per Internet an Huizenga und Laken gesendet und von ihnen ausgewertet. Die beiden Unternehmer planen auch Zentren im Ausland, unter anderem eines in Deutschland.
Die Liste der potenziellen Abnehmer ist lang: US-Verteidigungsministerium, Immigrationsbehörden, CIA, Polizei, Flughafensicherheit, Gerichte, Anwälte und große Unternehmen. "Sie alle haben in ersten Gesprächen Interesse gezeigt", sagt Huizenga.
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