So mancher Wissenschaftler schummelt bei seinen Forschungsergebnissen
Schließlich ist manches Ergebnis zwar wahr, aber leider unschön. Da liegt die Versuchung nahe, die Zahlen aufzuhübschen, zu bereinigen, zu manipulieren oder gleich ganz außer acht zu lassen.
Gefälschte Daten, manipulierte Bilder, verschwundene Versuchsprotokolle: Wenn Wissenschaftler ihre Ergebnisse Fachkollegen oder der Öffentlichkeit präsentieren, ist manche Schummelei dabei.
Wie groß die Versuchung tatsächlich ist, zeigte eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung in den USA. Befragt wurden rund 7000 Forscher - anonym natürlich - ob sie in den vergangenen drei Jahren gegen die Anstandsregeln der Wissenschaft verstoßen hätten. Jeder Dritte gab solche Fehler zu. Zwar hatten nur wenige Wissenschaftler Daten schlichtweg erfunden, aber immerhin hatte jeder sechste Ergebnisse entsprechend den Wünschen seiner Geldgeber zurechtgebogen. Für Deutschland liegen bisher keine vergleichbaren Informationen vor. Dennoch ist das Problem auch hierzulande bekannt.
Richtlinien zur "guten wissenschaftlichen Praxis"
Eine Aufsichtsbehörde nach dem Vorbild des US-amerikanischen Office of Research Integrity gibt es in Deutschland zwar nicht. Stattdessen erließen Forschungsorganisationen und Universitäten in den vergangenen Jahren Richtlinien zur "guten Wissenschaftlichen Praxis" und benannten Vertrauensleute, die Hinweisen auf Fehlverhalten nachgehen.
Denn nach dem Skandal um die Krebsforscher Friedhelm Herrmann und Marion Brach vor acht Jahren musste die deutsche Wissenschaftsgemeinde erkennen, dass sie gegen Lug und Trug im Labor nicht gefeit ist. Schließlich hatten die beiden damals hoch angesehenen Mediziner Dutzende Publikationen gefälscht.
Es folgten Fälle wie der des Jungstars Jan-Hendrik Schön, der schon als Nobelpreis-Kandidat gehandelt wurde. Erst erregte der Nanophysiker Aufsehen mit winzigen Transistoren, die er aus organischen Molekülen bastelte, dann mit zahllosen Ungereimtheiten in seinen Veröffentlichungen, die ihn schließlich Job und Karriere kosteten. Der Göttinger Krebsforscher Rolf-Hermann Ringert stolperte über gefälschte Angaben bei Studien zur Impfung gegen Nierenkrebs, der Frankfurter Anthropologe Rainer Protsch von Zieten über menschliche Schädel, die er zehntausende von Jahren älter machte, als sie tatsächlich waren.
Anlaufstelle für Besorgte
Um für mehr Transparenz und Wahrhaftigkeit in der Wissenschaft zu sorgen, gibt es bei der Deutschen Forschungsgesellschaft (DGF) seit 1999 Ombudspersonen. Das Gremium, das nun neu besetzt wurde, ist als Anlaufstelle für Besorgte gedacht. Denn mancher Wissenschaftler, der vom Fehlverhalten eines Kollegen oder Vorgesetzten weiß, wendet sich lieber an eine Stelle außerhalb der eigenen Forschungseinrichtung. Zu groß ist die Furcht, als Nestbeschmutzer abgestempelt zu werden - nicht zu unrecht, wie das scheidende DFG-Gremium in einem Bericht feststellt. Denn wer als so genannter Whistleblower auf Missstände hinweise, erleide oft mehr Nachteile als die Übeltäter selbst. Empfehlenswert sei es daher, künftig auch anonymen Anzeigen nachzugehen.
Die neue Sprecherin der DFG-Ombudsleute, Ulrike Beisiegel von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, sieht das anders. Zumindest dem Gremium müsse bekannt sein, von wem eine Anzeige stamme. "Wenn wir anonyme Anzeigen aufnehmen würden, könnten wir uns nicht mehr retten", sagt Beisiegel.
Dieter Deiseroth, Richter am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, hat sich mit der Situation von Forschern beschäftigt, die auf Missstände aufmerksam machen: "Forschungseinrichtungen sollten Selbstverpflichtungen formulieren, die die Anzeige von Fehlverhalten begrüßen. Zudem brauchen wir klare rechtliche Regelungen, die Whistleblower vor Sanktionen schützen." Ebenso wie die DFG-Ombudsleute fordert er einen Hilfsfond, der materielle Nachteile ausgleicht, wenn die Stelle eines Nestbeschmutzers nicht verlängert wird.
Ob dann mehr Betrügereien ans Licht kämen? Die Anzahl der bei den DFG-Obleuten angezeigten Fälle ist jedenfalls stetig gestiegen: von sieben im Jahr 1999 auf 45 im Jahr 2004. Ulrike Beisiegel: "Aber die Dunkelziffer ist sicher groß."
Forsche Fälscher
Erschreckende Zahlen Allein in Deutschland wurden im vergangenen Jahr 45 Betrugsfälle bei der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) gemeldet.
Gegenmaßnahmen Deutsche Forschungseinrichtungen verfassten eine Selbstverpflichtung zur "guten wissenschaftlichen Praxis" und ernannten ein Ombudsgremium.