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Merken   Drucken   21.02.2007, 19:03 Schriftgröße: AAA

Menschheit hat beim Klima nur bis 2020 Zeit

Der dritte Teil des Weltklimaberichts rät zu schnellem Gegensteuern. Nicht nur beim CO2, auch bei anderen Treibhausgasen wäre rechtzeitiges Vermeiden die billigste Lösung.
von Volker Mrasek
Selbst bei einem Temperaturantieg von nur 2 Grad würde der ...   Selbst bei einem Temperaturantieg von nur 2 Grad würde der Klimawandel weitreichende Folgen haben

Spätestens bis 2020 muss das fossile Zeitalter seinen Zenit überschritten haben. Die Emission von Kohlendioxid und anderen klimaschädlichen Gasen muss abnehmen, sonst wird sich die Erde im Laufe des 21. Jahrhunderts sehr wahrscheinlich um mehr als zwei Grad Celsius erwärmen, verglichen mit vorindustrieller Zeit. Dann droht nach heutigem Wissensstand eine Klimakatastrophe mit unumkehrbaren Prozessen wie der Übersäuerung des Ozeans und dem Abschmelzen gigantischer Eisschilde in Grönland und der Westantarktis.

Das geht aus dem noch unveröffentlichten dritten Teil des neuen Weltklimaberichts der Vereinten Nationen hervor. Darin erörtern Experten des Intergovernmental Panels on Climate Change (IPCC) mögliche Maßnahmen gegen die fortschreitende Erderwärmung.

Die Kernaussagen des Berichts der IPCC-Arbeitsgruppe III sollen am 3. Mai im thailändischen Bangkok veröffentlicht werden. Der FTD liegen die Schlussentwürfe der "Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger" und des gesamten Reports vor.

Demnach sollte die CO2-Konzentration in der Atmosphäre auf einem Niveau von höchstens 420 ppm (0,42 Promille aller Luftmoleküle) stabilisiert werden. Bei höheren Anteilen sei es "unwahrscheinlich bis sehr unwahrscheinlich", dass eine Erwärmung von zwei Grad Celsius und mehr noch verhindert werden könne, heißt es im Entwurf der Zusammenfassung. Aktuell beträgt dieser Wert bereits 383 ppm, jährlich kommen im Moment weitere 2,5 ppm CO2 hinzu. Nach Einschätzung der IPCC-Experten kann das Zwei-Grad-Ziel durchaus noch erreicht werden, aber "nur in den stringentesten Szenarien" für die Zukunft mit "rascher Einführung neuer und effizienterer Technologien".

In anderem Punkt noch pessimistischer

An anderer Stelle zeichnet der Report ein noch pessimistischeres Bild: Dort werden insgesamt sechs Studien erwähnt, nach denen die CO2-Emissionen spätestens im Jahr 2015 zurückgehen müssen, damit die Erwärmung beherrschbar bleibt. Das tolerierbare Höchstniveau für Kohlendioxid liegt diesen Arbeiten zufolge nur bei 400 ppm. Unter dieser Schwelle könnte man nur bleiben, wenn der globale Treibhausgasausstoß bis 2050 - je nach Studie - um 48 bis 86 Prozent im Vergleich zum Jahr 2000 gedrosselt würde. In den vorliegenden Entwürfen geben die Experten keine abschließende Empfehlung darüber ab, ob sich die Maßnahmen gegen die Erderwärmung am Grenzwert von 400 oder von 420 ppm orientieren sollen.

Eine Studie des britischen Tyndall Centre for Climate Change Research war im vergangenen Herbst zu ähnlichen Schlüssen gekommen. Selbst bei 400 ppm CO2 gebe es lediglich eine Chance von 50 Prozent, unterhalb der Zwei-Grad-Schwelle zu bleiben, befanden die Klimaforscher und empfahlen eine radikale Absenkung der Treibhausgasemissionen spätestens ab 2012. In den meisten politischen und wissenschaftlichen Verlautbarungen heißt es allerdings noch immer, das Zwei-Grad-Ziel sei auch bei 450 ppm CO2 erreichbar.

Der neue IPCC-Bericht wird der deutschen Autoindustrie weiteren Gegenwind verschaffen. Seit Wochen wehrt sie sich vehement gegen scharfe gesetzliche Limits für den CO2-Ausstoß von Pkw, wie sie die EU-Kommission vorgeschlagen hat. Der neue Klimareport unterstreicht nun, dass die Treibhausgasemissionen des Verkehrs "schneller gestiegen sind als in jedem anderen Energieverbrauchssektor". Im Jahr 2004 waren sie mehr als doppelt so hoch wie noch 1970. Den weitaus größten Anteil hatte mit rund 75 Prozent der Autoverkehr.

Das IPCC-Konvolut zeigt aber auch Wege auf, wie man klimaschädliche Emissionen rascher und kostengünstiger als bisher gedacht limitieren kann. Dazu schlagen die Autoren eine neue "Multi-Gas-Strategie" vor. Klimaschutzmaßnahmen sollten sich nicht auf CO2 aus der fossilen Energieerzeugung konzentrieren, sondern die anderen Treibhausgase stärker mit einbeziehen, etwa Methan und Lachgas aus Viehhaltung, Reisanbau und Stickstoffdüngung in der Landwirtschaft. Die Reduktion solcher Emissionen erlaube es, "Klimaziele flexibler und bei substanziell niedrigeren Kosten zu erreichen als mit reinen CO2-Strategien".

In seiner ökonomischen Bewertung deckt sich Teil III des Weltklimareports mit dem, was Nicholas Stern, der frühere Chefökonom der Weltbank, kürzlich in einer Studie für die britische Regierung ermittelte. Auch die IPCC-Forscher kommen zu dem Schluss, dass frühzeitiges Handeln beim Klimaschutz "relativ niedrige Kosten" verursacht. Strikte Maßnahmen, wie sie die Einhaltung der Zwei-Grad-Schwelle erfordert, würden nach aktuellen Projektionen dann umgesetzt, wenn der Preis für eine ausgestoßene Tonne CO2 bis 2030 auf 30 bis 120 $ stiege. Damit würde der Kampf gegen den Treibhauseffekt ein bis fünf Prozent des Bruttosozialprodukts kosten, wie die IPCC-Analytiker "grob" abschätzen. Die ökonomischen Verluste durch den Klimawandel taxieren sie höher. Mit der Zeit könnten die Schadenssummen von Jahr zu Jahr um zwei bis vier Prozent steigen, heißt es im Entwurf.

Allen internationalen Klimaschutzvereinbarungen zum Trotz beschleunigt sich allerdings der Ausstoß von Treibhausgasen im Moment. Beim CO2 "sind die mittleren jährlichen Zuwachsraten im Zeitraum von 2000 bis 2005 höher als in den 1990er-Jahren", bemerken die IPCC-Forscher. Alle bisher ergriffenen Klimaschutzmaßnahmen, auch die im Rahmen des Kioto-Protokolls, seien "inadäquat, um die allgemeinen Treibhausgasemissionstrends umzukehren".

Eine klare Absage erteilen die IPCC-Sachverständigen Konzepten des sogenannten Geo-Engineering. Der niederländische Chemienobelpreisträger Paul Crutzen, früher Direktor am Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie, schlug zum Beispiel vor, sich Gedanken über eine Anreicherung der Erdatmosphäre mit großen Mengen von Schwefelpartikeln zu machen. Damit würde man den Effekt von Vulkanstaub nachahmen: Die Schwefelteilchen legen sich wie ein Dunstschleier um die Erde, werfen die einfallende Sonnenstrahlung zurück ins All und erzielen so eine nicht unbedeutende Kühlwirkung.

Ärger für Bush

Tatsächlich fällt die Lufttemperatur nach großen Vulkanausbrüchen vorübergehend. Doch in der IPCC-Arbeitsgruppe III hält man offenbar nichts von technokratischen Lösungen. Im Entwurf ihrer Zusammenfassung heißt es dazu kurz und unmissverständlich: "Möglichkeiten des Geo-Engineering bleiben weitgehend spekulativ, unkalkulierbar in ihren Kosten und mit einem Potenzial für unbekannte Nebeneffekte." Dieses Urteil dürfte vor allem die Regierung von US-Präsident George W. Bush verärgern. Nach einem Bericht der britischen Tageszeitung "The Guardian" hatte Washington darauf gedrungen, die "Modifizierung der solaren Einstrahlung" als "bedeutende Strategie" im IPCC-Teilreport zu würdigen - offenbar vergeblich.

Der IPCC hatte bereits Anfang Februar für Schlagzeilen gesorgt, als er in Paris Ergebnisse aus dem ersten Teil des neuen Weltklimaberichts vorstellte, in dem es um die physikalische Grundlage des Phänomens ging. Die Autoren verkündeten damals, es könne nunmehr kein Zweifel daran bestehen, dass menschliche Aktivitäten maßgeblich hinter der globalen Erwärmung stecken. Im April will der IPCC in Brüssel Ergebnisse aus dem zweiten Teil seiner neuen Expertise publik machen. Darin geht es um die Folgen des Klimawandels für Ökosysteme und die Gesellschaft.

Mitarbeit: Thomas Steinmann

  • Aus der FTD vom 22.02.2007
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