Blinde wieder sehen lassen zu können ist sicher nicht die schlechteste Qualifikation - Ray Kurzweil hat sie. Der hoch dekorierte US-Computerpionier entwickelte nicht nur die automatische Schrift- und Spracherkennung maßgeblich mit. Kurzweil mischte auch bei der Erfindung des Flachbrettscanners kräftig mit. Einer der ersten Käufer seiner lesenden, sprechenden Computer: der blinde Superstar Stevie Wonder, für den er später auch einen Musiksynthesizer baute.
Das alles verblasst gegen Kurzweils neues Projekt. Der 60-Jährige leitet die erste Universität, an der Studenten zur "kommenden Generation von Anführern" ausgebildet werden sollen. Lernziel: Lösungen für die drängenden Probleme des Globus. "Singularity University" heißt die neue Hochschule, die am Dienstag in Kalifornien vorgestellt wurde. Dahinter stehen die Nasa und der Suchmaschinenkonzern Google, der 1 Mio. $ bereitstellt. Weitere Geldgeber sollen bald folgen.
Computer intelligenter als Menschen
Benannt ist die Akademie nach einer Theorie Kurzweils: Noch vor der Mitte des 21. Jahrhunderts, prognostizierte er 2005 in seinem Buch "The Singularity Is Near", werde sich der technische Fortschritt dermaßen beschleunigt haben, dass Computer intelligenter sind als Menschen - und Probleme wie Energieknappheit, Klimawandel und Hunger gelöst werden. Mehr noch: Winzige Roboter würden durch unsere Blutbahnen schwimmen, unsere Gehirnleistung verbessern und Krankheiten heilen. Genetische Neuprogrammierung werde den menschlichen Körper quasi unsterblich machen. Um diesen Zeitpunkt, die "Singularität", noch zu erleben, schluckt der 60-Jährige jeden Tag über 100 Aufbaupräparate.
Kurzweils neue Lehreinrichtung ist im Silicon Valley am Ames Research Center der Nasa angesiedelt. Hinter den visionären Ankündigungen steckt erst einmal ein ziemlich handfestes Graduiertenkolleg: Ab diesem Sommer werden Jungwissenschaftler in neunwöchigen Crashkursen zunächst in zehn Zukunftswissenschaften geschult, die sich besonders rasant entwickeln, darunter Biotechnologie, Nanotechnologie und künstliche Intelligenz. Im zweiten Teil des 25.000 $ teuren Kurses arbeiten sie dann in interdisziplinären Projektgruppen zusammen - und setzen ihre Ideen idealerweise hinterher in Firmen um.
Für Manager, die sich auf die Technologien der Zukunft vorbereiten wollen, sind drei- bis zehntägige Seminare im Angebot. Zum Lehrkörper gehören der Physiknobelpreisträger George Smoot, ein Nasa-Forscher, Googles "Internet-Evangelist" Vint Cerf - und Will Wright, Erfinder der Computerspiele "Sims" und "Spore". Wenn es mit der Rettung der Welt nicht klappt, darf man also immerhin auf ein paar spektakuläre neue Spiele hoffen.