Schicke Häuschen, ein bis drei Etagen, Flachdach oder Spitzdach, Atrium und Dachterrasse. Klare, einfache Architektur - ein bisschen wie Bauhaus - dazu kostengünstig und ökologisch. Nicht gerade der erste Gedanke, bei einem Blick auf die endlosen Wohnsilos, die sich in Marzahn, ganz im Osten Berlins erstrecken. Und doch eine Vision, die aus der Platte kommt. Waren die Neubauwohnungen mit Zentralheizung und integrierter Nasszelle vor der Wende heiß begehrt, sind sie heute von Leerstand bedroht.
Weil die Bevölkerungszahlen im Osten drastisch zurückgehen, sind - nach Angaben des Bundesbauministeriums - mehr als eine Million Wohnungen in den östlichen Bundesländern unbewohnt. In Plattenbausiedlungen stehen durchschnittlich 15 Prozent der Wohnungen leer. Um die Lebensqualität dort aufzuwerten und soziale Brennpunkte zu entschärfen, plant das Ministerium, 350.000 Wohneinheiten bis 2010 rückzubauen.
Für die meisten Platten heißt Rückbau: Abbruch. Sie landen zum Beispiel als Schotter im Straßenbau. Ein Schicksal, für das sie viel zu schade sind. Das finden jedenfalls Claus Asam, Bauingenieur vom Institut für Erhaltung und Modernisierung von Bauwerken an der TU Berlin, und Hervé Biele, Architekt und Wirtschaftsingenieur. In einem vom Bund geförderten Projekt zum Thema "Stadtumbau Ost" haben sie die Wiederverwertbarkeit der Platte als Platte erforscht - im Bau von Eigenheimen und unter besonderer Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit.
Aus Architektensicht kann man "prinzipiell alles machen", resümiert Biele. Er hatte zunächst ausgelotet, welche Möglichkeiten die Platte für einen zeitgemäßen, attraktiven Hausbau bietet. Für ihn lag die besondere Herausforderung darin zu zeigen, dass es trotz der vorgefertigten Elemente möglich ist, flexibel zu bauen und die individuellen Wünsche des Bauherrn zu realisieren.
Festigkeit und Tragfähigkeit einwandfrei
Ob die Platte dazu noch taugt, hat Claus Asam untersucht. Fazit: Festigkeit und Tragfähigkeit der meisten Platten sind einwandfrei. Zur Sicherheit wird jede Platte vor dem Neueinbau geprüft. Die drei mal sechs Meter großen und 15 Zentimeter dicken Elemente aus Stahlbeton seien auch als Baustoff völlig unbedenklich, sagt der Bauingenieur. Sofern man sich auf die Verwendung von Deckenplatten und tragenden Innenwänden beschränkt. Die Außenwände wären zwar ebenfalls attraktiv, ihre Dämmschicht enthalte allerdings krebserregende Substanzen. Aber auch so könnten 60 bis 70 Prozent der Bausubstanz recycelt werden.
Nicht mehr als eine Woche soll es einmal dauern, bis aus einer Etage eines alten Plattenbaus ein attraktiver neuer Rohbau wird. Damit die Qualität erhalten bleibt, werden die Platten mit Flex und Kran demontiert, gereinigt, zwischengelagert - Decken waagerecht, Wände senkrecht - liegend mit einem Fugenschneider zugeschnitten und mit Schwerlastdübeln wieder zusammengefügt. Klingt nicht gerade nach Hightech. Doch die Handgriffe der Plattenbau-erfahrenen Arbeiter haben sich als schonender und effektiver erwiesen als der Einsatz von technischem Großgerät.
Bisher fehlt die Nachfrage
Den vorläufigen Projekt-Höhepunkt bildete der Aufbau eines Gebäudes im Rohbau, das vergangenes Wochenende bei der Langen Nacht der Wissenschaften in Berlin gezeigt wurde. Überzeugen wollen die Berliner vor allem mit den Vorzügen des recycelten Hauses: Die Platten müssen nicht mehr hergestellt, sondern nur bereitgestellt und bearbeitet werden. So ließen sich bis zu einem Drittel der Rohbaukosten sparen. "Optimierungspotenzial gibt es jetzt noch in der Logistik", sagt Asam.
So gut die bisherige Bilanz ist - "es fehlt noch die Nachfrage", sagt Hans Sander, Geschäftsführer der Bundesvereinigung Recycling-Baustoffe. "Es ist aber ein hochaktuelles Thema, gerade für die Stadtumgestaltungen der östlichen Länder." Angelika Mettke von der BTU Cottbus gibt zu bedenken: "Der Wettbewerb im Fertighausbau in Deutschland ist sehr groß." Das Plattenbaurecycling ist auch ihr Forschungsgebiet. Sie untersucht, ob die Platte für Lärmschutzwände oder im Deichbau taugt. Für den Wohnungsbau sieht sie das Potenzial eher in Osteuropa.
Die Berliner Ingenieure planen mit ihren Platten-Neubauten im regionalen Umfeld. Mehr Bauunternehmer müssten jedoch bereit sein, die Platten zu erhalten. Auch in den Köpfen der Menschen müsse noch einiges bewegt werden, sagt Biele. "Die Platte hat bei vielen ein negatives Image." Drei konkrete Bauvorhaben gibt es allerdings schon. Dieser Tage wird in Mehrow bei Berlin ein erstes Haus nach Bieles Entwürfen gebaut. Und da habe es den Bauherrn insbesondere gereizt, mit Wänden zu bauen, die bereits ihre ganz eigene Geschichte haben.