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Merken   Drucken   11.07.2008, 15:01 Schriftgröße: AAA

Neurologie: Hui, Spinne!

Manche ekelt es bei ihrem Anblick, andere packt die Panik: Zwei Forscherinnen haben keine Angst vor den Krabbeltieren - sie züchten sie sogar. Denn mit Hilfe von Spinnenseide lassen sich gerissene Nerven reparieren - und auch die Industrie hat offenbar Verwendung für die feinen Fäden.
Die Forscherinnen der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hegen und pflegen Dutzende teils handtellergroße Spinnen im Forschungszentrum der Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie. Zweimal pro Woche werden die tropischen Krabbeltiere "gemolken", aus ihren Hinterteilen ziehen die Wissenschaftlerinnen dann per eigens konstruierter Kurbelmaschine bis zu 200 Meter lange seidene Fäden.
Das Naturmaterial soll in drei bis fünf Jahren zum Beispiel Unfallopfern helfen, deren Nerven an Händen, Armen, Beinen oder im Gesicht durchtrennt wurden. Bisher werden in solchen Fällen meist eigene Nerven verpflanzt - keine optimale Lösung, da die Enden häufig schlecht verwachsen und die Körperregion, aus der sie stammen, gefühllos bleibt. Mit ihrer ebenso einfachen wie genialen Idee, stattdessen Spinnenseide zu verwenden, hat die Forschungsgruppe 2007 drei Innovationspreise gewonnen.
"Gegenüber herkömmlichem Nahtmaterial hat Spinnenseide den Vorteil, dass das Immunsystem sie nicht als körperfremd erkennt", erläutert Projektleiterin Christina Allmeling. "Spinnenfäden wurden schon im Mittelalter als Heilmittel eingesetzt und auf Wunden gelegt", ergänzt Laborchefin Kerstin Reimers. Auch zu Hause verlangten ihre drei Kinder bei Wehwehchen mittlerweile lautstark nach dem Wunderstoff aus Proteinen.
Stärker als Stahl, elastischer als Gummi
Bei der bereits in Experimenten erprobten Nervenreparatur fungieren die Fäden als Brücke, an die sich Nerven anheften. Eine Venenhülle dient dabei als eine Art Kabel. Die Forscherinnen machen sich natürliche Selbstheilungskräfte zunutze: Nerven regenerieren sich außerhalb der Wirbelsäule selber, wenn sie nicht zu große Abstände überbrücken müssen. Versuche mit Ratten und Schafen stimmen Allmeling optimistisch, dass ihre Idee funktioniert.
Spinne im Netz: Seit Jahrzehnten beißen sich Forscher am Aufbau ...   Spinne im Netz: Seit Jahrzehnten beißen sich Forscher am Aufbau der Seide die Zähne aus
Zudem wird in dem MHH-Forschungszentrum über andere - streng geheime - Verwertungsmöglichkeiten nachgedacht. Bereits seit Jahrzehnten versuchen Forscher weltweit Spinnenseide im Labor nachzubauen, da sie stärker als Stahl und elastischer als Gummi ist. "Ein nur daumendickes Seil gewebt aus Spinnenseide könnte ein Flugzeug tragen", sagt Thomas Scheibel. Der Biotechnologie-Professor stellt an der Universität Bayreuth mit Hilfe von Bakterien den Stoff synthetisch her. Einem Doktoranden der TU München gelang es zudem kürzlich, den Spinnkanal des Gliederfüßers im Labor nachzubauen. Damit können die Bedingungen, unter denen die Fäden entstehen, genauer untersucht werden.
Zwar ist die Heilkraft der Spinnenseide seit der Antike bekannt, jedoch gelang es nie, sie industriell herzustellen. "Die aufwendige Gewinnung der Fäden ist die Krux", gibt Reimers zu. Nur etwa 20 Tiere können gemeinsam in einem Raum gehalten werden: "Sonst kommt es zu Kannibalismus." Auch zur exotischen Goldenen Radspinne, die die Forscherinnen selbst züchten, gibt es keine Alternative. Andere Arten hätten sich als problematischer in der Pflege erwiesen, berichtet Reimers: "Wir hatten auch mal eine Vogelspinne, das ging gar nicht. Die hat ihre Netze nach Lust und Laune gewebt und die eigene Seide dreckig gemacht."
  • FTD.de, 11.07.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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