Die Forscherinnen der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hegen und pflegen Dutzende teils handtellergroße Spinnen im Forschungszentrum der Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie. Zweimal pro Woche werden die tropischen Krabbeltiere "gemolken", aus ihren Hinterteilen ziehen die Wissenschaftlerinnen dann per eigens konstruierter Kurbelmaschine bis zu 200 Meter lange seidene Fäden.
Das Naturmaterial soll in drei bis fünf Jahren zum Beispiel Unfallopfern helfen, deren Nerven an Händen, Armen, Beinen oder im Gesicht durchtrennt wurden. Bisher werden in solchen Fällen meist eigene Nerven verpflanzt - keine optimale Lösung, da die Enden häufig schlecht verwachsen und die Körperregion, aus der sie stammen, gefühllos bleibt. Mit ihrer ebenso einfachen wie genialen Idee, stattdessen Spinnenseide zu verwenden, hat die Forschungsgruppe 2007 drei Innovationspreise gewonnen.
"Gegenüber herkömmlichem Nahtmaterial hat Spinnenseide den Vorteil, dass das Immunsystem sie nicht als körperfremd erkennt", erläutert Projektleiterin Christina Allmeling. "Spinnenfäden wurden schon im Mittelalter als Heilmittel eingesetzt und auf Wunden gelegt", ergänzt Laborchefin Kerstin Reimers. Auch zu Hause verlangten ihre drei Kinder bei Wehwehchen mittlerweile lautstark nach dem Wunderstoff aus Proteinen.