Bald ein Bild der Vergangenheit?
Eine Fahrt durch das Ruhrgebiet kann ziemlich nervenaufreibend sein. Zehn Kilometer Stau am Kamener Kreuz und zäh fließender Verkehr in Dortmund-Unna. Oft dauert der Verkehrsfunk im Radio länger als die Nachrichten. Dabei nutzt er nicht viel: Wer eine Staumeldung hört, steht meist schon mittendrin. Und wer es schafft, den Verkehrsinfarkt durch komplizierte Umwege zu vermeiden, merkt hinterher oft, dass der Stau sich längst wieder aufgelöst hat.
Ich setze mich heute ins Auto, um von Köln nach Duisburg zu fahren - zu Michael Schreckenberg, einem Stauforscher an der Universität Essen-Duisburg. Er hat für Nordrhein-Westfahlen ein Stau-Vorhersagesystem entwickelt. Damit kann sich der Autofahrer schon vor der Fahrt im Internet darüber informieren, ob es auf seiner Strecke Staus geben wird.
Das will ich ausprobieren: Soll ich die A3 auf der rechten Rheinseite nehmen, über das berüchtigte Autobahndreieck Köln-Heumar, oder ist ein Umweg über die linke Rheinseite günstiger? Das Vorhersagesystem unter
www.autobahn.nrw.de zeigt eine farbige Autobahnkarte: Die freien Straßen sind grün, die mit dichtem Verkehr gelb, und dort, wo Lastwagen und Autos stehen, ist die Staße rot.
Gelb und grün
Auf meiner Strecke sollen in einer halben Stunde die Straßen frei sein - nur ein kleiner Abschnitt um das Kreuz Hilden herum ist gelb. Doch auch der wird grün, wenn ich die Stundenprognose anklicke. Ich sollte ohne Stau nach Duisburg kommen, wenn ich in 30 Minuten losfahre.
Eine halbe Stunde - Zeit genug, um ein bisschen mehr über intelligente Verkehrslenkungen zu erfahren. Denn die werden kommen: Das Bundesverkehrsministerium nimmt an, dass allein der Lastwagenverkehr bis zum Jahr 2015 um 65 Prozent zunimmt. Dann droht Dauerstau. Neue Straßen können kaum noch gebaut werden. Also müssen die vorhandenen Straßen so gut wie möglich genutzt werden, darin sind sich Experten einig. Das geht über eine elektronische Vernetzung des Straßennetzes, die den Benutzer lenken soll.
Im System von Michael Schreckenberg überwachen 4000 Sensoren die Autobahnen und senden permanent Daten an die Rechner der Universität Duisburg. Diese wandeln die Messergebnisse in elektronische Punkte um und setzen sie auf ein virtuelles Autobahnnetz, das dem realen genau nachempfunden ist. Dort spielt der Computer den Autoverkehr nach, wobei er auch das Verhalten von Autofahrern simuliert: "Wir haben aggressive Fahrer, die zu dicht auffahren, plötzlich bremsen, dann aufs Gas treten. Damit verändern sie das Verkehrsgeschehen vollkommen", erklärt Schreckenberg.
Vernetzte Informationen
In manchen Städten, etwa in Stuttgart, suchen Forscher einen weiteren Weg, Staus zu vermeiden. Sie entwickeln Konzepte, in denen Informationen über Straße und Schiene so vernetzt werden, dass man auf einen Blick sehen kann, was schneller geht: S-Bahn oder Auto.
Fertig ist so ein System zum Beispiel in Dresden. Unter
www.intermobil.org kann ein Autofahrer online eintragen, von wo er losfahren möchte und wohin; der Rechner schlägt dann eine Route vor - und liefert die Abfahrtzeiten der Straßenbahn dazu. Zusätzlich bekommt der Autofahrer auch 31 Bilder, die Kameras von Kreuzungen ins Internet übertragen. Die Idee: Der Autofahrer soll vor der Fahrt sehen, in welchen Stau er sich begibt - und dann doch lieber die Bahn nehmen. Drei Millionen Zugriffe hat das Informationsangebot derzeit im Monat. Teile des Systems werden jetzt in anderen Städten getestet.
Auch Michael Schreckenberg denkt weiter. Er will sein Autobahn-Prognosesystem weiter vernetzen, zum Beispiel mit anderen Städten. Außerdem soll es Verspätungen von Bussen und Bahnen mitberechnen. Aus dem Prognosesystem soll dann eine umfassende Mobilitätsberatung werden, der so genannte Ruhrpilot.
Fahrer ändern Verhalten
Die Fahrt nach Duisburg verlief tatsächlich flüssig, wie vom Stau-Vorhersagesystem angekündigt. Allerdings droht das Programm zum Opfer seines eigenen Erfolges zu werden, sagt Schreckenberg. Denn Autofahrer sehen nach, wie sie sich verhalten werden - und ändern dann ihr Verhalten. Eine sich selbst zerstörende Prognose nennt Schreckenberg diesen Effekt. Er sucht nach Wegen, ihn zu vermeiden. Neue Programme könnten simulieren, wie sich Autofahrer verhalten, wenn man ihnen vorschlägt, einen anderen Weg zu nehmen - und das dann wiederum in eine Vorhersage umwandeln. Diese soll ihren Weg zum Autofahrer auch über Navigationssysteme, Mobiltelefone und automatische Schilder an der Straße finden. Dann könnte der Verkehr wirklich fließen - sogar im Ruhrgebiet.