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  FTD-Serie: Die Nobelpreise des Jahres 2008

Sekt und Blitzlichtgewitter für wenige, enttäuschte Hoffnungen für viele: In diesen Tagen gibt die Nobel-Stiftung bekannt, wer 2008 die Nobelpreise für Medizin (6.10.), Physik (7.10.), Chemie (8.10.), Literatur (9.10.), Frieden (10.10.) und Wirtschaft (13.10.) erhält.

Merken   Drucken   08.10.2008, 21:24 Schriftgröße: AAA

Nobelpreis für leuchtendes Protein: Die Entdecker des Quallcodes

Quallen zerquetschen und die Reste im Waschbecken versenken kann zu einer revolutionären Entdeckung führen. Und schließlich zu höchsten Ehren. von Gesa Krey und Georg Dahm (Hamburg)
Tausende der glibberigen Meeresbewohner sammelte Osamu Shimomura in den 60er-Jahren an der Westküste der USA ein, um die Substanz zu finden, die ihm am Mittwoch den Nobelpreis für Chemie einbrachte: Einen leuchtenden Farbstoff namens "grün fluoreszierendes Protein" (GFP), mit dessen Hilfe Forscher heute Bilder aus dem Inneren lebender Zellen aufnehmen können, die vor wenigen Jahren noch niemand für möglich gehalten hätte. Diese Entdeckung sei ähnlich bedeutsam wie die Erfindung des Lichtmikroskops im 17. Jahrhundert, sagte das Nobelpreiskomitee. Shimomura, 80, teilt sich den Preis mit den US-Amerikanern Martin Chalfie, 61, und Roger Tsien, 56, die GFP zu dem Instrument weiterentwickelt haben, das aus der biologischen und medizinischen Forschung nicht mehr wegzudenken ist.
GFP lässt die Meeresqualle Aequorea victoria grün leuchten. Im Labor nutzen Forscher GFP, um feinste Strukturen in Zellen einzufärben, die unter einem Lichtmikroskop nicht sichtbar sind. In Echtzeit lässt sich zum Beispiel beobachten, wie ein Tumor entsteht, wie Infektionen oder Wachstumsprozesse ablaufen. Dabei liefern die Bilder nicht nur eine höhere Auflösung, sondern verraten den Forschern auch, wie die Vorgänge funktionieren, die sie gerade beobachten: "Wir können sehen, wo ein Gen wann angeschaltet wird", sagt Chalfie, "und wenn es ein Protein produziert, sehen wir, wo es hinwandert."
Die Nobelpreisträger 2008 für Chemie: Roger Tsien, Osamu ...   Die Nobelpreisträger 2008 für Chemie: Roger Tsien, Osamu Shimomura, Martin Chalfie (v.l.n.r.)
Chalfie hatte in den 80er-Jahren die Idee, mithilfe des GFP einzelne Gene zu markieren, um ihre Funktion zu beobachten. Dazu brauchte er die Struktur des Gens, das in der Qualle für die GFP-Produktion verantwortlich ist. Als ein Fachkollege diese in den 90er-Jahren endlich entschlüsselt hatte, wäre die Nachricht fast an Chalfie vorbeigegangen: Der Neurobiologe hatte sich aufs Land zurückgezogen und ging dort nicht ans Telefon. Auch am Mittwooch war der frisch gebackene Nobelpreisträger nicht erreichbar: Zu Hause und im Labor an der Columbia University meldeten sich nur überfüllte Anrufbeantworter. Von der Ehrung erfuhr Chalfie per E-Mail.
Frühere Nobelpreisträger
2007 erhielt der Deutsche Gerhard Ertl die Auszeichnung für seine Forschung zu chemischen Reaktionen von Gasen auf festen Oberflächen. Ertls Erkenntnisse werden zum Beispiel in Katalysatoren und bei der Düngerproduktion angewendet.
2006 ging der Preis an den US-Amerikaner Roger Kornberg. Der Wissenschaftler konnte aufklären, wie die in den Genen gespeicherten Informationen in Proteine umgesetzt werden. Dieser Vorgang heißt Transkription.
2005 wurden der Franzose Yves Chauvin und die US-Amerikaner Robert Grubbs und Richard Schrock geehrt. Sie hatten eine Methode namens Metathese entwickelt, mit dem organische Substanzen fast beliebig umgebaut werden können, um beispielsweise Medikamente maßzuschneidern.
Dass sich mithilfe der fluoreszierenden Proteine auch sehr komplizierte Strukturen wie das Gewirr von Nervenzellen im Gehirn aufklären lassen, ist dem dritten Preisträger Roger Tsien zu verdanken: Dem Physiologen gelang es mit gentechnischen Methoden, das ursprünglich grüne Protein in den verschiedensten Farben leuchten zu lassen. So können Zellbestandteile unterschiedlich eingefärbt werden. Der in Kalifornien lebende Tsien ließ sich morgens um 3 Uhr aus dem Bett klingeln. Trotz der frühen Stunde stellte er sich geduldig den Fragen der in Stockholm versammelten Journalisten. Enttäuschen musste er nur einen Pekinger Agenturkorrespondenten, der den chinesischstämmigen Preisträger begeistert in seiner vermeintlichen Muttersprache ausfragen wollte: "Es tut mir leid, Sie überfordern meine Chinesisch-Kenntnisse." Tsien ist in den USA geboren und aufgewachsen.

Teil 2: Leuchtende Bilder

  • Aus der FTD vom 09.10.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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