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  FTD-Serie: Die Nobelpreise des Jahres 2008

Sekt und Blitzlichtgewitter für wenige, enttäuschte Hoffnungen für viele: In diesen Tagen gibt die Nobel-Stiftung bekannt, wer 2008 die Nobelpreise für Medizin (6.10.), Physik (7.10.), Chemie (8.10.), Literatur (9.10.), Frieden (10.10.) und Wirtschaft (13.10.) erhält.

Merken   Drucken   07.10.2008, 15:11 Schriftgröße: AAA

Preis für Krebsforscher: Medizin-Nobelpreis 2008 - Beharrlichkeit wird belohnt

Zum ersten Mal seit 1999 geht wieder ein Nobelpreis nach Deutschland. Mit Harald zur Hausen wird ein Forscher ausgezeichnet, der sich mit viel Geduld und Ausdauer gegen den Mainstream stellte. von Georg Dahm, Stefanie Kreiss und Anja Achenbach
Es muss einsam gewesen sein um Harald zur Hausen, als er in den 70er-Jahren die Theorie aufstellte, dass ein Virus, das bis dahin niemand im Verdacht hatte, der Auslöser für Gebärmutterhalskrebs sein könnte. „Er hat mit seinem Ansatz sehr kontrovers dagestanden und musste manches Gelächter einstecken“, sagt die Berliner Virologin Karin Mölling vom Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik. „Er hat sich gegen alle Widerstände durchgekämpft.“ Seine wichtigste Stütze, sagt eine langjährige Mitarbeiterin, war dabei seine Frau – auch in wissenschaftlicher Hinsicht: Beide arbeiteten im Labor eng zusammen. Die Nachricht vom Nobelpreis konnte Harald zur Hausen ihr noch kurz vor dem Start zu einer Südamerikareise durchgeben.
Habilitation über Viren in Tumoren Die Basis seiner mit dem Nobelpreis gekrönte Idee, sagt der 1936 geborene Mediziner, wurde schon in seiner Studienzeit gelegt. Grundlage war die Beobachtung, dass Bakteriophagen – Viren, die Bakterien befallen – in ihren befallenen Zellen bleiben und deren Eigenschaften verändern. 1970 wies er in seiner Habilitation nach, dass in Tumorzellen Erbgutspuren von Epstein-Barr-Viren zu finden sind – ein Hinweis darauf, dass die Krankheitserreger Körperzellen entarten lassen können.
Auf der richtigen Spur
In den folgenden Jahren wandte er sich der Erforschung des Gebärmutterhalskrebses zu, der zweithäufigsten Krebsart bei Frauen. In den folgenden Jahren stellte zur Hausen die Theorie auf, dass der Erreger von Genitalwarzen, das humane Papillomavirus (HPV), der Erreger sein könnte, nachdem es nicht gelungen war, in Tumorgewebe Spuren des zuerst verdächtigten Herpesvirus zu finden. Auf die Spur hatte ihn unter anderem die Beobachtung gebracht, dass Genitalwarzen zu Karzinomen entarten können.
Von der Vermutung zum Nachweis
HPV, so zur Hausens Vermutung, schleust sein Erbgut in die Zellen der Gebärmutterschleimhaut ein, wo es bis zum Entstehen eines Tumors im Verborgenen bleibt. Nach langen Versuchsreihen gelang es seinem Team 1983 und 1984, in Gewebeproben von Krebspatientinnen Erbgut von zwei Varianten des HP-Virus nachzuweisen, die nach heutigen Erkenntnissen bei 70 Prozent aller Gebärmutterhalstumoren zu finden sind. Der Nobelpreis, sagt zur Hausen, sei auch eine Auszeichnung für seine Mitarbeiter – die ihn als vorbildhaften und menschlichen Vorgesetzten loben, der nicht nur jeden Morgen schon um sieben Uhr im Labor stehe, sondern auch für jeden ein offenes Ohr habe.
Kein Interesse bei deutscher Pharmafirma Die Entdeckung führte zur Entwicklung der ersten Impfung gegen HPV – in den USA. Zwar hatte zur Hausen Kontakt zu einer deutschen Pharmafirma aufgenommen, die aber in einer Studie zu dem Schluss kam, dass für das Produkt kein Markt existiere. Ein gewaltiger Irrtum: Der 2006 in Deutschland eingeführte Impfstoff Gardasil war schon 2007 das umsatzstärkste Medikament in der ambulanten Versorgung, obwohl erst seit März 2007 alle Kassen die Kosten für die Impfung übernehmen. Der Impfstoff ist wegen seines hohen Preises umstritten, auch zur Hausen mahnt, dass das Medikament billiger werden müsse, „vor allem für den Einsatz in Entwicklungsländern“.
  • FTD.de, 07.10.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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