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Merken   Drucken   14.09.2005, 19:10 Schriftgröße: AAA

Schnüffeln wird gesund  

Medizinische Wirkstoffe kann man bald einfach durch die Nase einatmen - sie wirken dadurch rascher und besser. Unangenehme Verabreichungsformen von Medikamenten könnten so umgangen werden. von Kristina Patschull
Medizin durchs Riechorgan   Medizin durchs Riechorgan
Dieses Organ kann mehr als riechen. Die Nase kann flüchtige Substanzen aufnehmen und direkt in die Blutbahn einschleusen. Ein Weg, den bislang nur Viren nutzten. Doch seit einiger Zeit finden auch Pharmakologen diese nasale Körperschleuse äußerst interessant.
Nasensprays gegen Schnupfen, Husten, Heiserkeit gibt es schon länger. Nun entdecken Forscher, dass die intranasale Verabreichung auch für andere Pharmaka von Vorteil sein könnte, zum Beispiel für Wirkstoffe gegen Alzheimer, gegen Hirnschäden nach einem Schlaganfall oder gegen krankhaftes Übergewicht.
Der große Vorteil der Nasenapplikation: Unangenehme Verabreichungsformen könnten so umgangen werden. Das ist einerseits für die Patienten wichtig: Medikamente müssten nicht mehr gespritzt werden - das würde Diabetiker freuen; auch das Einführen von Zäpfchen würde überflüssig.
Für Pharmakologen ist aber etwas anderes von Bedeutung: Substanzen, die über den Nasenweg in den Körper gelangen, müssen nicht den Magen passieren. Im Magen sorgt die aggressive Salzsäure dafür, dass Gegessenes zersetzt wird. Das ist ein großes Problem für die Arzneimittelhersteller. Denn die Medikamente müssen so aufgebaut sein, dass sie die Säureattacke des Magens überstehen können. Diese besondere Aufbereitung führt häufig dazu, dass manche Therapeutika Nebenwirkungen zeigen. Die Nasenpräparate gelangen hingegen direkt in die Blutbahn, aufwändiges Ummanteln des Wirkstoffs entfällt.
Nasenspray gegen Alzheimer
Gegen Alzheimer soll das Nasenspray helfen, das Howard Weiner von der Harvard Medical School in Boston (USA) jüngst vorstellte. Das Spray enthält einen Impfstoff, der schon bei Mäusen erfolgreich war. Die Substanz regt das Immunsystem so an, dass es im Hirn genau jene Eiweißablagerungen bekämpft, die für die Demenzerkrankung verantwortlich gemacht werden.
Howard Weiners Arznei belegt einen weiteren Vorteil der intranasalen Verabreichung: Damit kann die Blut-Hirn-Schranke umgangen werden. Diese natürliche Barriere sorgt dafür, dass schädliche Stoffe aus der Körperblutbahn nicht ins Gehirn gelangen: Das schützt die empfindlichen Nervenzellen vor giftigen Substanzen. Allerdings verhindert die Membran häufig auch, dass Tabletten im Kopf ihre Wirkung entfalten. Aus diesem Grund sind bis heute manche Krankheiten des Nervenapparats nur schlecht behandelbar. Ein Nasenspray überwindet die Barriere und eröffnet ganz neue Therapiemöglichkeiten.
William Frey, Neurologe am Alzheimer's Research Center (ARC) in St. Paul (Minnesota), entdeckte, wie die Substanzen auf direktem Weg ins Hirn gelangen: Die Wirkstoffe wandern einfach an den Nervenbahnen entlang. Das gelingt deshalb, weil in der Nasenhöhle freie Nervenendigungen liegen: Neuronen des Riechepithels, die Duftmoleküle an den Riechkolben im Gehirn weiterleiten. Diese Nervenzellen liegen außerhalb der Blut-Hirn-Schranke. "Nasensprays sind die Verabreichungsform der Zukunft, wenn man das Gehirn beeinflussen will", sagt Horst Lorenz Fehm, Mediziner an der Universitätsklinik in Lübeck.
Hilfe nach dem Schlaganfall
Den direkten Weg zum Gehirn macht sich auch ein Nasenspray zunutze, das nach einem Schlaganfall helfen soll. "Tierversuche belegen, dass intranasale Medikamente Hirnschäden nach einem Schlaganfall dramatisch minimieren können", sagt William Frey vom ARC. Doch bis zur Marktreife ist es noch ein weiter Weg, das Spray muss noch in klinischen Studien getestet werden.
Andere intranasale Therapeutika sind schon weiter in Richtung Zulassung vorgerückt: Der Lübecker Endokrinologe Horst Lorenz Fehm entwickelte ein Spray für krankhaft Dicke. Das Medikament enthält den Botenstoff MSH (Melanocyten stimulierendes Hormon), es soll die Lust am Essen mindern. Vergangenes Jahr wurde die Arznei bereits an freiwilligen Gesunden getestet: Ihr Appetit ließ nach, ihr Gewicht sank. Allerdings: Die Überprüfung, ob auch Dicke damit abnehmen, steht noch aus. Doch Fehm ist sich sicher: "Ein Nasenspray gegen Übergewicht hätte ein wahnsinniges Marktpotenzial." Das sieht Neurologe Frey ähnlich: "Das große Geld wird von Medikamenten gegen Übergewicht und Impotenz kommen."
Hans Peter Merkle, Pharmazeut an der Technischen Hochschule Zürich erwartet hingegen, dass in Zukunft vor allem Impfstoffe gegen verschiedene Krankheitserreger für die nasale Applikation entwickelt werden: "Das ist einfach der logische Weg."

Die Nasenschleuse
Weg 1 Die Wirkstoffe im Nasenspray gelangen an die feinen Nervenenden im oberen Teil der Nase und wandern an ihnen entlang. So gelangen sie direkt ins Hirn.
Weg 2 Die Nasenschleimhaut absorbiert medizinische Substanzen sehr gut: Die feinen Äderchen nehmen die Wirkstoffe auf, damit gelangt die Substanz in den Blutkreislauf.
  • Aus der FTD vom 15.09.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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