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Merken   Drucken   31.01.2006, 19:22 Schriftgröße: AAA

Schutz vor einem Phantom  

Menschen erkranken selten an Vogelgrippe. Die USA haben trotzdem als einziges Land der Welt Impfstoff gebunkert – in der Hoffnung, eine Grippepandemie leichter stoppen zu können. von Elke Binder, Pittsburgh
Wie durch Gendrift und Genshift neu Grippe-Viren entstehen   Wie durch Gendrift und Genshift neu Grippe-Viren entstehen
Auf den ersten Blick sind die Vereinigten Staaten Vorreiter in der Abwehr einer möglichen globalen Grippe-Epidemie: Während Deutschland und andere Staaten lediglich Grippemittel einlagern, haben die USA als einzige Nation der Welt einen Vorrat von Impfstoffen gegen H5N1 angelegt.
Bei vielen Experten sorgt der Alleingang der USA für Befremden. "Wir raten nicht dazu, einen Impfstoff zu bevorraten", sagt Dick Thompson von der Weltgesundheitsorganisation in Genf. "Was soll das bringen?", lautet die trockene Gegenfrage beim für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Institut.
Das von den US-Wissenschaftlern entwickelte Serum hilft nur gegen H5N1. Trotz beunruhigender Meldungen über weltweit bislang 151 kranke und 82 gestorbene Patienten befällt der Erreger vor allem Geflügel, von Menschen geht keine Ansteckungsgefahr aus. Erst wenn sich das Virus verändert, droht eine Pandemie. Gegen einen anderen Erreger aber hilft der eingelagerte Impfstoff womöglich gar nicht.
Die Produktion auf Verdacht war kostspielig: 100 Mio. $ hat das französische Unternehmen Sanofi-Pasteur für zwei Millionen Dosen erhalten, vier Millionen Dosen stammen von der US-Firma Chiron.
Mäuse starben nicht
"Es ist durchaus denkbar, dass H5N1 durch eine nur geringfügige Mutation zu einem tödlichen Pandemie-Virus wird", erklärt John Treanor, der am Uniklinikum in Rochester im Bundesstaat New York die klinischen Tests der H5N1-Impfung leitet. "In dem Fall würde der Impfstoff durchaus einen Schutz bieten." Forscher am St. Judes Children's Research Hospital in Memphis haben Mäusen das Vakzin gespritzt und sie dann mit einem etwas veränderten Virenstamm infiziert. Die Tiere wurden krank - aber sie starben nicht.
Leicht veränderte Erreger entstehen ständig in millionenfacher Ausführung: Durch die einfache Konstruktion von Viren wie H5N1 sind Kopierfehler bei der Vermehrung des Erbguts unvermeidlich. Diese so genannte Gendrift verändert das Virus so schnell, dass das menschliche Immunsystem keine dauerhafte Resistenz gegen Grippe entwickeln kann.
Durch Gendrift könnte ein Pandemie-Erreger entstehen - als wahrscheinlichere Variante gilt allerdings die Entstehung durch einen Austausch von Erbmaterial zwischen Menschen- und Vogelgrippeviren, im Fachjargon Genshift genannt. Die H5N1-Impfung ist dann wirkungslos.
Ermutigende Ergebnisse
Der Impfvorrat der USA wäre dann lediglich eine wertvolle Erfahrung für die Produktion einer wirksamen Impfung. Die Ergebnisse nach Auswertung eines Teils der Daten sind zunächst ermutigend: Der Impfstoff ist sicher, niemand erkrankte.
Der zweite kleine Erfolg: Die Immunabwehr der Testpersonen wurde nach zwei Impfungen tatsächlich stimuliert. Allerdings waren zweimal 90 Mikrogramm Virenbestandteile notwendig, um eine ausreichende Immunantwort hervorzurufen. Die beim CDC lagernden Dosen enthalten lediglich die übliche Dosis von 45 Mikrogramm, reichen also statt der geplanten 3 Millionen wohl nur für 1,5 Millionen Menschen.
Die große benötigte Menge kann zum Engpass werden: Die Bestandteile eines Pandemie-Vakzins werden wie auch jene gegen die klassische Grippe im Hühnerei vermehrt. Das braucht Zeit - und viele Eier, die im Ernstfall knapp werden könnten, weil Hühner besonders schnell an Vogelgrippe sterben.
Um auch hier ein Sicherheitspolster zu schaffen, haben die US-Gesundheitsbehörden mit dem Hersteller Sanofi-Pasteur vergangenes Jahr einen Vertrag über 10 Mio. $ jährlich abgeschlossen, der es dem Unternehmen ermöglicht, eine große Herde Hühner zu halten. "Mit diesen Kapazitäten könnten wir etwa 150 Millionen der erforderlichen Dosen pro Jahr schaffen", so Abrahams. Diese Menge soll sich zudem bis 2008/09 mit der Fertigstellung eines neuen Werks in Swiftwater noch verdoppeln. Das offenbart die kommerzielle Logik der US-Behörden: Sollte der zurzeit gehortete Impfstoff nicht gegen ein mutiertes, tödliches Virus helfen, so sichern die Investitionen wenigstens den Ausbau der Kapazitäten für die Entwicklung und Herstellung von Grippeimpfstoffen, die Unternehmen wie Sanofi-Pasteur bislang nicht viel Gewinn einbringen.

Produktion Die Kapazität für Grippeimpfungen ist begrenzt, bei einer Pandemie müsste der vorhandene Impfstoff gestreckt werden.
Verstärker Durch Zusatzstoffe, Adjuvants genannt, wird das Immunsystem aktiviert. Die Folge: Auch eine geringe Dosis Serum reicht aus, um vor dem Erreger zu schützen. Die heftige Reaktion des Immunsystems kann unangenehm sein, ist aber nicht gefährlich.
Lebendimpfung Normale Grippeimpfungen enthalten nur noch Virenbestandteile. Geschwächte, aber noch intakte Viren rufen auch in geringer Dosis eine starke Reaktion des Immunsystems hervor, allerdings steigt so das Risiko, durch die Impfung krank zu werden.
  • Aus der FTD vom 01.02.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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