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Merken   Drucken   01.06.2008, 20:07 Schriftgröße: AAA

So schlimm wie Asbest  

Als bekannt wurde, dass Asbest Krebs auslöst, war es zu spät - die Tumore kommen erst Jahrzehnte später. Die gleiche Wirkung haben Forscher jetzt für eine Sorte von Nano-Werkstoffen nachgewiesen - dabei setzt die Industrie große Hoffnung in sie. von Georg Dahm (Hamburg)
Bei der betroffenen Sorte handelt es sich um spezielle Kohlenstoff-Nanoröhrchen. Das sind im Labor erzeugte Halme, nur einige Millionstel Meter im Durchmesser, deren Wände aus einer einzigen Schicht Kohlenstoffatomen bestehen. Sie sind extrem leicht, robust und leiten Strom und Wärme besser als jedes bekannte Material. Mikroelektronik, Medizin und Flugzeugbau sind nur einige Anwendungsbereiche, der Markt für Nanoröhrchen soll bis 2014 auf 1 bis 2 Mrd. $ anwachsen.
"Ein derartiges Material kommt nicht einfach daher und ist dann auch noch frei von Risiken", sagt Andrew Maynard von Woodrow-Wilson-Forschungszentrum in Washington, einer der Autoren der Studie, die im Fachmagazin "Nature Nanotechnology" erschienen ist. Maynard und seine Kollegen hatten verschiedene Arten von Nanoröhrchen und - zum Vergleich - Asbestfasern in die Bauchhöhle von Mäusen injiziert. Waren die Nanoröhrchen kurz oder verknäult, wurden sie von Immunzellen unschädlich gemacht. Als gefährlich erwiesen sich die geraden, langen Fasern: Genau wie Asbestfasern konnten Immunzellen sie nicht ummanteln, die Folge war genau die Art von Entzündungsherden, aus denen Tumore entstehen. "Wir wissen nicht, ob da, wo mit Nanoröhrchen gearbeitet wird, viele lange Röhrchen in der Luft sind", sagt Co-Autor Ken Donaldson von der University of Edinburgh. Unbekannt sei auch, ob die Röhrchen lange genug in der Lunge bleiben, um in das Körperinnere vorzudringen. Vorsorglich sollten Arbeiter aber davor geschützt werden, sie einzuatmen.
Die Kohlenstoff-Röhrchen sind Neuland für den Arbeits- und Verbraucherschutz - wie alle Nanomaterialien. Über ihre Eigenschaften ist wenig bekannt, unklar ist auch, in welchem Umfang sie bereits verwendet werden und wie sie sich in der Umwelt verteilen. Für viele existieren nicht einmal Nachweismethoden. Es ist auch nicht definiert, welche Arten von Nanomaterialien es gibt und unter welche Gesetze sie fallen. So existiert in Deutschland nur für eine Sorte Nanopartikel ein Raumluftgrenzwert, außerdem können Firmen und Labore freiwillig einen Arbeitsschutz-Leitfaden befolgen.
Eine systematische Aufklärung der Nanowelt soll bald unter dem Dach der OECD beginnen, auch Deutschland ist beteiligt. Die dringendsten Forschungsprojekte haben mehrere Bundeseinrichtungen bereits im letzten Jahr definiert - ihre Finanzierung ist noch offen.
  • Aus der FTD vom 02.06.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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