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Merken   Drucken   26.07.2005, 15:49 Schriftgröße: AAA

Täuschungsmanöver im Darm  

Wer Diabetes hat, muss sein Gewicht kontrollieren, vor allem aber den Blutzucker. Leicht gesagt, schwer getan: Essgewohnheiten zu ändern ist schon nicht einfach, Diabetesmedikamente richtig zu dosieren ist noch schwieriger. von Sophie Neuberg
Daher leiden viele Diabetiker an Blutzuckerschwankungen. Zuviel Zucker im Blut schädigt Organe und Nerven. Ist hingegen zu wenig Zucker im Blut, werden die Zellen des Körpers nicht mehr ausreichend mit Zucker versorgt, im schlimmsten Fall fällt der Kranke ins Koma oder stirbt.
Kürzlich wurde in den USA ein neues Medikament, Exenatide, zugelassen: Es könnte das Problem der schwankenden Blutzuckerwerte von Diabetikern lösen und zugleich die Gewichtskontrolle der Patienten erleichtern. In Europa wird die Markteinführung bis 2008 erwartet.
Exenatide wirkt allerdings nur bei Diabetikern mit dem Krankheitstyp II. Diese Zuckererkrankung tritt meist bei älteren Menschen auf, aber auch vermehrt bei übergewichtigen Jugendlichen. Vom Diabetes-Typ II sind weltweit 194 Mio. Menschen betroffen, so die International Diabetes Federation. Im Gegensatz zum Diabetes vom Typ I produziert der Körper meist noch das Blutzucker-regulierende Hormon Insulin, allerdings spricht der Organismus nicht mehr gut darauf an.
Tabletten oder Spritzen
Bislang gibt es für Diabetiker zwei Behandlungsmöglichkeiten. Produziert der Körper noch ein wenig eigenes Insulin, helfen Tabletten: Sie fördern entweder die Insulinausschüttung oder erhöhen die Insulinempfindlichkeit der Empfängerzellen. Kann der Körper kein Insulin mehr herstellen, müssen sich die Patienten künstliches Insulin spritzen. Das Problem bei der Spritzerei: Das Zuckerhormon kann vom Körper nicht gespeichert werden. Deshalb muss bei Bedarf nachinjeziert werden.
Das neue Medikament hat gegenüber den herkömmlichen Therapien den Vorteil, dass es die Blutzuckerwerte relativ stabil halten kann: Exenatide veranlasst den Körper nur dann zur Insulinproduktion, wenn tatsächlich zuviel Zucker im Blut vorhanden ist. Die Gefahr der Unterzuckerung besteht daher bei diesem Mittel nicht. Die US-Pharmaunternehmen Lilly und Amylin haben mit Exenatide das erste Medikament dieser Art auf den Markt gebracht.
Die Substanz wirkt ähnlich wie ein spezielles Darmhormon: das so genannte Glucagon-like-Peptide 1 (GLP-1). Dieses Eiweiß, das zur Gruppe der Inkretine gehört, kontrolliert und dosiert normalerweise die Insulinausschüttung, wenn der Körper Nahrung aufnimmt. Weil Exenatide das kontrollierende Darmhormon nachahmt, bezeichnen Fachleute das Medikament als Inkretin-Mimetikum.
Beachtliche Ergebnisse
Exenatide hemmt den Appetit: Studien mit mehreren hundert Teilnehmern konnten zeigen, dass die Zuckerkranken in sechs Monaten drei Kilo abnahmen. Für Diabetiker ein Vorteil: Je weniger sie wiegen, desto langsamer schreitet die Erkrankung fort. "Bedenkt man, dass bei der herkömmlichen Insulingabe viele Patienten im selben Zeitraum zwei bis drei Kilo zunehmen, ist dieses Ergebnis beachtlich", sagt Michael Trautmann, bei Lilly verantwortlich für die Entwicklung von Diabetesmedikamenten.
Zumindest im Tierversuch zeigte Exenatide auch eine schützende Wirkung auf die Beta-Zellen. Das sind die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die Diabetiker vom Typ II meist nach und nach absterben. "Wenn sich dieser schützende Effekt bestätigt, hätte man mit Exenatide ein Mittel, das Diabetes an seiner Wurzel packt", sagt Michael Trautmann von Lilly. Ob sich die Schutzwirkung jedoch auch bei Patienten entfaltet, muss erst noch in Folgestudien untersucht werden. Klar ist allerdings schon die Nebenwirkung des Medikaments beim Menschen: leichte Übelkeit bei Beginn der Therapie.
Ein weiteres Medikament, das auch auf die Wirkung der Inkretine setzt, wird derzeit in klinischen Studien getestet. Im Gegensatz zu den Inkretin-Mimetika ahmt es die regulierenden Darmhormone jedoch nicht nach, sondern hemmt den Abbau von GLP-1 durch das Enzym Dipeptidyl Peptidase (DDP-4). Die so genannten Inkretin-Verstärker sorgen dafür, dass die GLP-1-Konzentration stabil bleibt und so weiterhin die Produktion von Insulins anregen kann.
Bessere Wirkung
"Die Inkretin-Mimetika werden wahrscheinlich besser wirken als die Inkretin-Verstärker", sagt Michael Nauck, leitender Arzt des Diabeteszentrums Bad Lauterberg. Die Verstärker bremsten ja lediglich den Abbau von bereits vorhandenem, körpereigenem GLP-1. Die Mimetika hingegen gaukeln dem Körper das Vorhandensein von zusätzlichem GLP-1 vor, so dass er vermehrt Insulin ausschüttet.
Experte Nauck rechnet damit, dass Diabetiker die Inkretin-Mimetika akzeptieren werden, obwohl diese Mittel ein- bis zweimal am Tag gespritzt werden müssen: "Ob sie Insulin spritzen oder ein anderes wirksames Mittel, ist für den Patienten nicht so wichtig". Entscheidend sei schließlich nur die bessere Wirksamkeit. Seiner Einschätzung nach könnten in Deutschland mindestens 800.000 Typ-II-Diabetiker von diesen neuen Mitteln profitieren. Bei den Patienten müssten nur ausreichend Beta-Zellen vorhanden sein, um die körpereigene Insulinproduktion zu gewährleisten.
  • FTD.de, 26.07.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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