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Merken   Drucken   01.06.2005, 18:52 Schriftgröße: AAA

Verkaufen statt grübeln  

Uni-Forscher sollen ihre Ideen patentieren und vermarkten lassen, so wollte es das Bundesministerium für Bildung und Forschung vor drei Jahren. Doch die Bilanz dieser ministeriellen Offensive sieht mager aus. von Uta Deffke
Hauchdünn und knallbunt: Der Kunststofflaser der TU Braunschweig ...   Hauchdünn und knallbunt: Der Kunststofflaser der TU Braunschweig lässt sich im Prinzip spottbillig fertigen
Albrecht Lindinger arbeitet mit Atomen. Der Physiker von der Freien Universität Berlin zerlegt ein Molekül nach dem anderen. Damit das schnell geht und mit x-beliebigen Molekülen funktioniert, hat er eine komplexe Arbeitsanordnung ersonnen: Laserstrahlen, Spiegel, Linsen, Prismen und Vakuumkammern sorgen dafür, dass winzige Einzelteile der Materie entstehen.
Lindinger ist Grundlagenforscher. Dennoch macht er sich Gedanken über mögliche Anwendungen. Deshalb meldete er das Verfahren zur Molekültrennung bereits als Patent an. Der Physiker aus Berlin gehört damit zu denjenigen Forschern, die über den wissenschaftlichen Tellerrand hinausschauen und auch die wirtschaftliche Verwertbarkeit sehen. Längst nicht alle Hochschulmitarbeiter tun das, obwohl sie es eigentlich müssten.
Verwertungsoffensive gestartet
Denn nach dem novellierten Arbeitnehmererfindungsgesetz aus dem Jahr 2002 ist jeder Hochschulangehörige verpflichtet, seinem Dienstherrn, der Universität, eine patentwürdige Entwicklung zu melden. Die Hochschule kann entscheiden, ob sie die Erfindung zum Patent anmelden und verwerten möchte. Falls nicht, können die Forscher selbst handeln. Mit dieser Gesetzesnovelle hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) vor dreieinhalb Jahren eine Verwertungsoffensive gestartet. Sie hatte zum Ziel, Forschung aus den Hochschulen schneller in Produkte oder technische Verfahren umzusetzen und damit wirtschaftlich zu nutzen.
Doch die Bilanz dieser ministeriellen Offensive sieht mager aus. Gingen 2001 insgesamt 249 Patentanmeldungen von Hochschulen beim Deutschen Patentamt ein, so hat sich die Anzahl in den folgenden Jahren lediglich verdoppelt: Im Jahr 2004 - neuere Zahlen liegen nicht vor - registrierte das Amt 519 Uni-Anmeldungen deutschlandweit. Die Industrie ist da fleißiger: Sie sorgt immer noch für 99 Prozent aller Patentanträge.
"Es geht um die Erkenntnis"
Aber steht die Forschung seit der Novelle nicht vermehrt unter dem Druck, Wissen auch zu verwerten? "Patente lassen sich nicht planen", sagt Physiker Lindinger: "Uns geht es immer noch in erster Linie um die Erkenntnis." Zudem kennt nur die Hälfte der Forscher das neue Patentgesetz, wie eine Umfrage unter den Hochschulen Ende 2004 ergab.
Den meisten Wissenschaftlern nützt ein Patent allein sowieso nicht viel. "Die Erfindung muss sich auch vermarkten lassen", sagt Lars Zanzig von der Ipal in Berlin. Die Ipal ist eine von 20 regional tätigen Patent- und Verwertungsagenturen, die im Zuge der BMBF-Offensive gegründet wurden. In Zusammenarbeit mit Forschern, Patentstellen der Hochschulen und Patentanwälten kümmern sie sich um die aufwändige Bürokratie, die ein Patentverfahren mit sich bringt: Von der Neuheitsrecherche und einer ersten Marktanalyse über die Patentanmeldung bis hin zur Vermarktung.
Unternehmen verlangen Beweise
Diese erweist sich im Fall Lindinger als eher schwierig. Ein gutes Dutzend Firmen aus dem Medizin- und Pharmabereich hat Lars Zanzig schon kontaktiert. Zanzig ist in der Berliner Ipal der Experte für Physikpatente. Prinzipielles Interesse sei vorhanden, erzählt er. Allerdings sei das Verfahren noch zu aufwändig und teuer. Zudem verlangen Unternehmen oft Beweise für die Effektivität eines patentierten Verfahrens. Das heißt für die Wissenschaftler: zusätzliche Experimente, zusätzliche Mühsal. Doch dafür fehlen den Wissenschaftlern oft die Zeit und das Geld, manchmal sogar die Lust. Die FU Berlin hat jetzt darauf reagiert und versucht, den Forschern die Erfindungsveredelung mit 20.000 Euro schmackhaft zu machen.
Finanziell jedenfalls profitieren die Hochschulforscher von der neuen Patentregelung. Vor der Novellierung gehörten dem Erfinder zwar 100 Prozent der Erlöse, allerdings musste er die Patentanmeldung bezahlen und sich mit der Antragsbürokratie herumärgern. Jetzt finanziert die Hochschule die bis zu 7000 Euro teure Anmeldung, den Papierkram übernehmen die Patent- und Verwertungsagenturen. Mit 30 Prozent werden die Erfinder relativ großzügig an den möglichen Einnahmen beteiligt.
Für Lindinger steht sowieso nicht der Gewinn im Vordergrund: "Aber Patente können helfen, Forschungsgelder einzuwerben, und die Universitäten sehen es gerne, wenn angehende Professoren Patente vorweisen können."
Unklarheiten über die Rechte
Henrike Weiden vom Bundesverband der Deutschen Industrie sagt, prinzipiell stehe der Verband den neuen Entwicklungen positiv gegenüber - solange es um die Eigenforschung der Hochschulen gehe. Forschten die Universitäten jedoch im Auftrag der Industrie, führe die Novelle zu erheblichen Unklarheiten über die Rechte.
Eine sprudelnde Einnahmequelle ergibt sich aus dem Erlös der Patente für die Hochschulen nicht. "Ihre Haushaltsprobleme werden sie damit nicht lösen können", sagt Lars Zanzig.
Idee und ErlösVor 2002 bekamen Erfinder den gesamten Erlös aus einem Patent. Den Antrag mussten sie allerdings selbst stellen.
Heute, nach der Novellierung des Erfindungsgesetzes, bekommen die Forscher nur noch 30 Prozent des Erlöses. Dafür dürfen sie die komplizierte Patentanmeldung Fachleuten überlassen.
  • Aus der FTD vom 02.06.2005
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