Pfizers Viagra-Produktion in Kairo
Mit Backpulver oder Sägemehl gestreckt, in Handarbeit mit Tablettiermaschinen in Kellern und Wohnzimmern gefertigt, in Plastiktüten verpackt, schließlich im Internet angepriesen und per Brief versandt - nicht alle Medikamente stammen aus den Reinräumen der pharmazeutischen Industrie; manche kommen aus Fälscherwerkstätten.
Das ist ein ernstes wirtschaftliches Problem für die pharmazeutische Industrie und gefährlich für die Patienten. Um ihre Produkte und ihre Kunden zu schützen, entwickeln Hersteller daher weltweit neue Sicherheitsmerkmale für Pillen und Packungen - das Thema einer Tagung, die gerade an der Universität Bonn stattfindet.
"Bis vor kurzem noch hat die Industrie das Problem unter der Decke gehalten, da sie einen Imageverlust befürchtete", sagt Pharmazieexperte Harald Schweim von der Universität Bonn. Das Problem wurde als Dritte-Welt-Thema abgehandelt. Die Weltgesundheitsorganisation dokumentierte zwischen 1982 und 1997 weltweit 771 Arzneimittelfälschungen. Gut zwei Drittel der Fälle betrafen Entwicklungsländer, doch die Fälschungen tauchen vermehrt auch in Industrieländern auf.
Gefährliche Fälschungen
Stefan Oschmann, Geschäftsführer von MSD Sharp & Dohme, dem deutschen Tochterunternehmen des US-Pharmakonzerns Merck, ging in diesem Sommer an die Öffentlichkeit. Die Polizei hatte Arzneien von sieben Pharmaunternehmen beschlagnahmt - darunter auch das Lifestyle-Medikament Propecia, das erblich bedingten Haarausfall von Männern behandelt. Ein wichtiges Indiz war, dass die Tabletten nicht in der Originalverpackung verkauft worden waren.
Einer britischen Untersuchung aus dem Jahr 2004 zufolge ist jede zweite Packung Viagra, die im Internet verkauft wird, gefälscht. Bis zu sieben Prozent der Arzneimittel im Handel sind weltweit gefälscht, schätzt der internationale Verband der Arzneimittelhersteller. Als gefälscht bezeichnet der Verband neben den Imitaten auch die so genannten Reimporte, die in Deutschland für die meisten Fälle verantwortlich sind - meist billig im Ausland gekaufte Ware, die in Heimarbeit in deutsche Packungen gefüllt wird. Das ist nicht so harmlos, wie es auf den ersten Blick scheint: Beim Umverpacken kann es zu Verwechslungen der Arzneimittel kommen, auch können die Beipackzettel falsch oder veraltet sein.
Sehr viel problematischer sind aber Fälschungen, bei denen die Medikamente den versprochenen Wirkstoff gar nicht oder in einer falschen Konzentration erhalten. Das ist im schlimmsten Fall tödlich: In den USA enthielten 2001 aus Haiti und Curaçao importierte HIV- und Krebsmittel keine Wirkstoffe. 1999 hatte ein aus China importiertes Antibiotikum 17 Todesfälle verursacht.
Derzeit arbeiten die Arzneimittelhersteller an neuen Verpackungstechniken, um diese Probleme in den Griff zu bekommen. Künftig sollen sich etwa die Leime, mit denen Pillenkartons verklebt werden, nach der Öffnung verfärben, um die Manipulation zu erschweren.
Aufwändige Technik
"Das Glue-Packaging-Verfahren ist für mittelständische Unternehmen gut geeignet", sagt Harald Schweim. Gleichwohl befürchtet er, dass sich die teurere Funkchip-Technik durchsetzen wird, da sie von den USA massiv unterstützt wird. So entwickelte die US-Gesundheitsbehörde FDA Richtlinien für Verpackungen, die den Einsatz der so genannten Radio Frequency Identification(RFID)-Etiketten vorsehen. Apotheken sollen mit ihrer Hilfe gefälschte Medikamente unterscheiden können.
"Die Technik ist noch zu aufwändig für kleinere Pharmafirmen", warnt Harald Schweim mit Blick auf die deutsche Pharmabranche. Er kritisiert zudem, dass die Funketiketten sich nicht ohne teures Lesegerät prüfen lassen. Fälschungssicher sind die Chips nicht, da sie überall gekauft werden können.
Schwer erhältlich und fast unmöglich zu fälschen sind hingegen so genannte biocodierte Etiketten. Die Firma Bristol-Myers Squibb warnte Apotheker Anfang September vor möglicherweise gefälschten Kapseln des Aids-Medikaments Zerit. Über der Seriennummer hatte BMS drei schwarze Balken auf die Packungsetiketten aufgebracht - künstlich erzeugte Moleküle der Erbsubstanz DNA mit einem einzigartigen Gencode. Überprüfen lässt sich deren Echtheit allerdings nur im Labor mit speziellen Testkits, die sich nur dann verfärben, wenn die Gensequenz auf dem Etikett zum Test passt. Das Verfahren ist sicher, aber für Verbraucher nicht nachvollziehbar - keine ideale Lösung.
Der Pharmakonzern Pfizer setzt deswegen für Viagra auf Verpackungen, die ähnlich wie Geldscheine mit einem Hologramm versehen sind. Die Kunden sollen nicht erst in der Stunde der Wahrheit die Fälschung entdecken.